Das mag rein rechtlich sogar stimmen. Ich bin mal bei einem der ersten Auswärtsspiele in Hannover nach deren Aufstieg mit dem Zug angereist, da ich ja quasi um die Ecke wohne und früher, zu Zweit-und Drittligazeiten öfter im Niedersachsenstadion war, somit den Weg vom Bahnhof zum Stadion kannte. Das war ein Zug aus Richtung Braunschweig, der stündlich fuhr, somit auch eigentlich nichts mit Fussballfans zu tun hatte. Als ich den Bahnsteig runter ging, standen dort links und rechts Polizisten aufgereiht und baten mich freundlich aber bestimmt, nachdem sie meinen Werder-Schal gesehen hatten, direkt runter in die U-Bahn, um zum Stadion gefahren zu werden. Eigentlich wollte ich das nicht, aber ich habe dann halt kurz überlegt, ob es jetzt Sinn machen würde, mit den Beamten, die ihre klaren Anweisungen hatten, über das Thema "Bewegungsfreiheit" zu diskutieren oder einfach nachzugeben und in die Bahn zu steigen. Ich tat Letzteres, und obwohl ich mich zunächste ärgerte, habe ich mittlerweile die Maßnahme verstehen können. Ich hatte nie Probleme mit den 96ern und fand den Verein sowie die Fans, die mir bis dahin begegnet waren, sympathisch. Nachdem ich mittlerweile aber mitbekommen habe, wie einige Teile der Fanszenen aufeinander zu sprechen sind, bin ich irgendwie froh, nicht (alleine) mit Werder-Schal durch die City gelaufen zu sein.
Ich bin bereits oft nach Hannover mit dem Zug angereist und immer, wenn ich nicht Auto gefahren bin, vom Stadion durch die Stadt zum Stadion gegangen. Mich hat niemals ein Hannoveraner auch nur bedroht. Es mag sein, dass Werder vs. Hannover ein Spiel mit Konfliktpotential sein mag, aber Bremen und Hannover sind keine Schlägerfanszenen und das Konfliktpotential ist mit Hamburg nicht im geringsten zu vergleichen. Oft habe ich mich in der Stadt auch mit Hannover-Fans getroffen. Nie Probleme.
Die einzigen, mit denen es in Hannover Probleme gibt, sind die Polizisten. Die lassen einen, insbesondere nach dem Spiel, nicht dorthin gehen, wo man hin will, sei es zum Auto oder sei es zu einem Treffpunkt mit befreundeten Hannover-Fans. Also umläuft man die Polizei, steckt den Schal unter die Jacke etc., aber nicht, weil man sich vor Hannover fürchten müsste, sondern weil man sonst es mit der Berittenen zu tun kriegt.
Damit will ich nicht sagen, dass es kein Sicherheitskonzept benötigt, aber die Polizei tut bei manchen Spielen so, als sei die Stadt ein Krisengebiet. Das trifft auf Werder vs. Hannover nach meiner Erfahrung überhaupt nicht zu. Aber die Leute wissen ja, was auf sie zukommt, ich fahre zu solchen Auswärtsspielen am liebsten individuell und inkognito, dann kann ich mich nämlich auf meine Bürgerrechte berufen und langgehen wo ich möchte.
Man sollte nicht den Fehler machen, den bestimmte Polizisten auch gerne machen: Nur weil 3 Gruppen miteinander Stress haben, ist nicht jeder Werder- bzw. Hannover-Fan Freiwild, nur deswegen gibt es nicht überall Keilereien.
Was ich damit sagen will? Diverse Spiele haben nun mal einen gewissen Sicherheitsstatus. Man kann das für übertrieben halten, aber wenn randalierende Fangruppen durch die Städte ziehen, fragen hinterher auch wieder alle, wo denn die Polizei war. Wenn es dann sogar noch Verletzte gibt oder sogar solche Sachen passieren wie damals in Bielefeld, dann rechtfertigt das leider wieder jede noch so überzogen wirkende Sicherheitsmaßnahme.
Richtig, es ist die Aufgabe der Polizei, Randale zu verhindern. Und wenn bestimmte Gruppen bzw. Pappenheimer in Bremen aussteigen, dann kümmert man sich eben darum: Man fährt mit, schickt Polizei nach Sebaldsbrück etc., zeigt Präsenz. Nur leider, man sieht es auch am Beispiel Anreise Hamburg und an Augsburg in Fürth (und an vielen anderen Beispielen) nie da, wo es wirklich brennt oder eben dann übertrieben aktionistisch, geht wahllos gegen eine Menge Fans vor. Das macht die Fans zu Recht wütend. Und ein Vereinsboss, der das gutheitß, gehört zurückgetreten, der hat seinen Job verfehlt.
Versteht mich nicht falsch, ich will nicht behaupten, dass der Polizeieinsatz korrekt abgelaufen ist, das kann ich gar nicht beurteilen. Ich will auch nicht behaupten, dass die Betroffenen "selbst schuld" waren. Aber
Wenn Du das nicht willst, dann gehört dorthin kein "Aber". Auch dann nicht, wenn man es durch einen Punkt zu tarnen versucht, bleibt es eine nicht akzeptable Rechtfertigung eines inakzeptablen Polizeieinsatzes.
ich habe auch ein wenig Verständnis zumindest für die Maßnahme, das Umsteigen der 96er zu verhindern, denn keiner der Einsatzkräfte (bzw. Einsatzleiter) konnte in dem Moment wirklich beurteilen, was denn die Intention hinter dem Versuch war, den Zug zu wechseln. Es hätte sich genauso gut um eine gewaltbereite Gruppe handeln können, die sich frei von Ordnungskräften bewegen wollte, um Bambule zu machen, wie es immer so schön heißt. Von daher halte ich diesen "Ich kann mich doch überall frei bewegen" Kram für realitätsfremd.
Um einen solchen präventiven Grundrechtseingriff zu rechtfertigen, reicht Unwissen über die Intentionen nicht aus. Das ist juristisch überhaupt nicht zu halten, man darf nicht zu präventionszwecken einfach mal in Rechte eingreifen, weil ja etwas passieren könnte. Einen solchen Sicherheitswahn gibt die Freiheit des Einzelnen nicht her. Um es klar zu sagen: Um diesen Eingriff zu rechtfertigen, bedürfte es klarer Informationen darüber, dass sich die 96er verabredet hätten, den Anreiseweg zu umgehen und randalierend durch die Stadt zu ziehen.
Richtig ist, dass das Umsteigen eine Gefahrensituation bedeutet hat, aber um diese abzuwehren, muss die Polizei deutlich mildere Mittel einsetzen. Man kann die Gruppe trennen, einen Teil mit dem einen, einen Teil mit dem anderen Zug fahren lassen, die Gruppen durch Polizisten begleiten oder in Sebaldsbrück in Busse lenken etc. pp. Viele mildere Mittel standen zur Verfügung.
Es ist mittlerweile eben nicht mehr so, wenn man sich im Rahmen von Veranstaltungen bewegt, die gewissen Sicherheitsaspekten unterliegen. Man kann gerne die Rahmenbedinungen kritisieren, womöglich waren die 96er ja nicht mal informiert über den (von der Polizei geplanten) Anreiseverlauf zum Stadion. Man kann auch gerne dagegen protestieren, wenn Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Aber wenn man das tut, indem man die geltenden Regeln mißachtet, während die Maßnahmen ablaufen, wird man meißt den Kürzeren ziehen. Das hat schon irgendwo was von einer gewissen Trotzigkeit. "Ihr lasst uns nicht, wir machen es aber trotzdem". Dass dann hinterher alle wieder dumm aus der Wäsche gucken, wird so lange andauern, wie dieser "Machtkampf" stattfindet.
So weit, wie Du hier den Sicherheitsaspekt über individuelle Rechte erhebst, hat es alles Potential, einen Totalitarismus zu rechtfertigen. Egal, welche Rechte ein Mensch hat: Im Endeffekt sind sie selbst Schuld, sie haben sich ja nicht zu wehren, sie dürfen sich nicht frei bewegen, nicht protestieren. Was dürfen sie denn dann überhaupt noch, außer gehorchen?