Miitwochabend im „Perwij Kanal“, der meistgeschaute Fernsehsender Russlands: „Guten Abend, hier sind die Nachrichten“, grüßt Moderator Andreij Ucharew, hinter dem eine animierte Weltkugel rotiert. „Die Operation zur Öffnung der humanitären Korridore zur Evakuierung friedlicher Einwohner hat zu keinen Resultaten geführt.“ Ucharew hebt eine Augenbraue. „Schuld daran ist die Regierung in Kiew.“ Eine Karte mit Fluchtkorridoren wird eingeblendet. Die Situation verschlechtere sich, in Mariupol gäbe es eine humanitäre Katastrophe. „Das bestätigen auch diejenigen, die aus der von Nazis besetzten Stadt entkommen konnten“, sagt der Moderator. Denjenigen, die fliehen wollen, werde in den Rücken geschossen. Der darauffolgende Bericht zeigt ukrainische Seniorinnen, die sich in russische Militärbusse „retten“, einen russischen Militärkommandeur, der ukrainische „Nationalisten“ beschuldigt, unter Einsatz von Waffen ukrainische Bürger dazu zu zwingen, Barrikaden zu errichten und die friedliche Bevölkerung damit an der Flucht zu hindern. "Trotzdem gelingt es nicht wenigen, die belagerte Stadt zu verlassen“, sagt eine Stimme aus dem Off. Zwei Männer seien über die beschossenen Straßen gelaufen, bis Patrouillen der Volksrepublik Donezk sie gefunden hätten. „Zehn Tage lang im Keller herumzusitzen, du kriechst nur raus, um auf Toilette zu rennen, es gibt kein Essen, kein …“, sagt einer von ihnen. Der bärtige Mann mittleren Alters dreht sich weg, den Tränen nahe. Schuld an seinem Leid, so der Bericht, seien die ukrainische Regierung, ihre Armee, die dortigen Nazis.
Es ist ein Bericht, der zu Nadjas Weltbild passt. Auf ihrem Profilbild im Messenger-Dienst Telegram hält die russische Bürgerin mit grimmigen Blick ein Schild hoch: „USA hau ab“. Nadja ist eine von mehr als 15.000 Mitgliedern der Telegram-Gruppe „Russland für Putin!“ "Was ich über die Spezialoperation Russlands denke?“, sagt sie in einer Sprachnachricht an den Tagesspiegel. „Dass die Ukraine gerade von Faschisten bereinigt wird.“ Ob die deutschen Massenmedien denn nicht sehen würden, dass die Nato in ganz Europa Waffen und Streitkräfte aufgestellt habe? Als nächstes wäre die Ukraine an der Reihe gewesen. „Und dann hätte es einen Völkermord an den Russen gegeben“, sagt sie. Nadja sei eine Hausfrau in ihren Dreißigern, sagt sie, sie käme aus dem Süden Russlands. „Putin ist unser Anführer und ich unterstütze voll und ganz seine Spezialoperation.“ Den Menschen in der Ukraine wünsche sie, dass sie baldmöglichst von den Streitkräften der Russischen Föderation befreit werden.
Betrachtet man Meinungsumfragen, ist Nadja mit ihren Einstellungen in Russland eher die Norm als die Ausnahme. Eine Woche nach Kriegsbeginn befürworteten 58 Prozent der russischen Bevölkerung den Einmarsch in die Ukraine, während 23 Prozent ihn ablehnten. Die Zahlen entstammen einer der „Washington Post“ vorliegenden Umfrage. So präsent wie die Antikriegsbewegung in Russland auch ist, so vehement Russen in vielen Städten des Landes demonstrieren, sich von den russischen Sicherheitsdiensten festnehmen lassen, so klein ist diese Gruppe gemessen an der Bevölkerungsmehrheit. Die Abweichler sind laut der Meinungsumfrage vor allem junge Menschen: Unter den befragen 18- bis 24-Jährigen unterstützten nur 29 Prozent den Krieg.
...
Die russische Bevölkerung erklärt sich mit verschiedenen Erzählungen die Invasion der Ukraine, erhob das soziologische Forschungsinstitut der Regierung VTsIOM kurz nach Kriegsbeginn. 46 Prozent der Befragten gingen davon aus, die „Militäroperation“ sei dazu da, „Russland zu schützen, die Ukraine zu entwaffnen und zu verhindern, dass die Nato Militärstützpunkte auf ihrem Territorium errichten würde“. So sieht es auch Olga, auf deren Telegram-Profilbild über ihrem lächelnden Gesicht Sterne glitzern. Sie schreibt dem Tagesspiegel per Chat, ihr Präsident Putin habe jahrelang „kniend vor den USA, Europa und der Ukraine darum betteln müssen, die Minsker Waffenstillstandsabkommen einzuhalten und den Vormarsch der NATO an den russischen Grenzen zu stoppen“. Aber man habe nicht auf ihn gehört. „Sie haben damit den Bären aus seiner Höhle gezerrt.“ Nun sei es die „heilige Pflicht“ des Präsidenten, seine Bürger vor Invasion und Tod zu schützen. Auch für die Hausfrau Nadja gebe es für Russland gerade nur noch zwei Wege: Sieg oder Niederlage. „Bei einer Niederlage würde niemand in Russland am Leben bleiben.“ Timofei, 42 Jahre alt und Offizier der Reserve, dessen Gesicht auf seinem Telegram-Bild unter Ski-Helm und hinter polarisierender Brille versteckt ist, schreibt, er sei in der Sowjetunion geboren, sein Großvater Ukrainer. Er befürworte die Operation zur „Entnazifizierung“ des „Ukro-Reiches“, würde das gleiche auch in den „Naziregimen des Baltikums und Polens“ unterstützen. Er sei damit das Muster „eines russischen Durchschnittsbürgers“.
...
Es ist unwahrscheinlicher geworden, dass sich das System Putin von innen heraus wandelt, wenn die gut ausgebildete, informierte, in Großstädten lebende Mittelschicht mittlerweile zu Tausenden das Land verlässt und eine Bevölkerung zurücklässt, die auf dem Land oder in Provinzstädten lebt, wirtschaftlich abgehängt ist, sich vor allem über das staatlich kontrollierte Fernsehen informiert und seit Jahren zu ihrem Präsidenten steht.
...