Es war (fast) immer erkennbar, dass er sich mit Werder identifiziert hat.
Es wäre auch ziemlich daneben gewesen, wenn er genau das nicht vermittelt hätte. Denn kein Verein hätte ihm diesen Status ermöglicht, den er bei Werder hatte.
Aber mein Eindruck ist schon, dass Diego im Bemühen, Verantwortung zu übernehmen, dazu neigte zu übertreiben, was die Folge hatte, dass seine Mitspieler etwas am Tropf ihres Führungsspielers hingen, abhängig waren und wurden von Diego und seinen Ideen und dabei auch selbst schwächer wurden bzw. der SV Werder drohte, zum FC Diego zu werden.
Auch das ist nicht Diegos Schuld in dem Sinne.
Und genau bei letzterem Satz habe ich dann doch Zweifel.
- Porto: für Deco geholt
- Werder: nach Micoud gekommen
- Juventus: für Nedved gekommen
- Wolfsburg: für Misimovic gekommen
Bei KEINEM
der ersten Drei hat er seine Vorgänger jeweils in der Form, wie diese die Mannschaft führten und auf ein anderes Niveau hoben, auch nur ansatzweise ersetzen können. Im Gegenteil, jede dieser drei Mannschaften ist schlechter geworden als die Summe ihrer Einzelspieler.
Dabei muss beachtet werden, dass
Diego überall ein sehr schweres Erbe antrat. Zum Beispiel als 19-jähriger in Porto. Ich denke nicht, dass ihm irgendwo (auch nicht in Turin) vorgeworfen worden wäre, wenn er diese Rolle nicht ad hoc ausgefüllt hätte.
Es gab auch bei Werder keine Alternative zu Micoud, denn der war nun mal ohne Wenn und Aber weg. Ich war bei Diego`s erstem Spiel in Hannover live im Stadion dabei und muss sagen, dass es für mich zu grossen Teilen ein Kulturschock war. Diego war der überragende Spieler auf dem Platz, aber der Rest hatte dafür nur noch wenig mit dem gemein, was Werder in den Vorjahren auszeichnete. Mein drittes Live-Spiel mit Diego war dann das gegen die Bayern im Weserstadion, als er Kahn das 1:0 unter die Latte hämmerte. Aber in exakt dieser Partie wurde augenscheinlich, wohin die Reise mit Diego zwangsläufig gehen musste. Dabei konnte er sich sogar noch ein Halbjahr in Micoud`s Glanz sonnen, weil die über Jahre eingespielten Kombinationen im gleichen System logischerweise nicht gänzlich abzustellen waren. Doch spätestens in der Rückrunde 2007 bestätigte sich diese Vorahnung. Erinnere Dich mal an die Diskussionen hier nach dem 0:2 gegen Schalke!
Es ist zu einfach, Diego`s Spiel im negativen Sinne allein auf "zu langes Ballhalten" zu reduzieren. Das Ballhalten war
in manchen Situationen sogar noch eine strategische Stärke Diego`s. Ansonsten aber fehlte ihm jede Form strategisch-taktischen Spiels. Darauf, dass sein Ziel immer und überall war, in Ballbesitz zu kommen, begründete sich die vielzitierte Omnipräsenz. Das Kardinalproblem war jedoch, dass diese Omnipräsenz in keinster Weise im Einklang stand mit klugen Laufwegen, raumgreifendem Spiel (Stichpunkt Gegenspieler wegziehen, Spielgeschehen verschieben) oder Einhalten der Staffelung des Teams. Grund dafür war ganz klar mangelndes Spielverständnis und eine Folge dessen war eben, dass die Mitspieler teilweise zu Statisten degradiert wurden, ob sie wollten oder nicht. Eine weitere Folge war bspw., dass das Ballhalten oder das uninspirierte Kreuz- und Querlaufen Diego`s oft die Ordnung besonders im Mf vernichtete und - die Viererkette geradezu zum weiten Aufrücken provozierte sowie automatisch mehr Leute vor den Ball brachte. Symptome dessen waren eben a) immer schlechter werdende Nebenleute, b) dazu Konteranfälligkeit wie nie zuvor und c) die Abhängigkeit von Diego, auch logisch, weil Diego`s größte und alles überragende Stärke nun mal die individuelle Klasse ist.
Das alles wäre überhaupt kein Problem, wenn Diego bereit wäre, sich in ein taktisches Raster zu fügen. Nur hat nicht zuletzt Turin zum wiederholten Mal das Gegenteil bewiesen. Am Anfang spielte Diego sehr gut, aber die Ergebnisse der Mannschaft waren mäßig. So wurde trotz eines guten Diego das System umgestellt und gegen Saisonende noch mal umgestellt, bis Diego Halbspitze spielte. Also genau da, wo er hingehört. Doch Diego ist geflohen, um in WOB den "Spielmacher" geben zu können. Das zeigt deutlich, wie Diego sich selbst überschätzt.
Auch bei Werder war Diego nie dazu bereit, sich taktisch einzuordnen, sondern hat sein Spiel gnadenlos durchgezogen. Obwohl er nie zur Spielidee von Thomas Schaaf & Co. passte. Vor diesem Hintergrund kann ich auch mit der Behauptung, "dass es TS gelungen ist, die Fähigkeiten eines neuen Spielmachers so optimal einzubinden" überhaupt nichts anfangen. Gut, man ließ Diego letztlich gewähren, da praktisch nach den ersten Spielen schon eine mögliche Rekordablösesumme zu erzielen schien. Das führte dazu, dass Diego völlig überschätzt wurde sowie zu einem regelrechten Personenkult innerhalb des Werder-Anhangs. Wie hier schön nachzulesen. Aber es brachte Werder immerhin hohen finanziellen Gewinn. Dennoch wäre ich deswegen, @dkbs, mit der Schuldfrage hinsichtlich des damaligen Werder-Spiels etwas vorsichtiger.
Ein Zehner lenkt mit seinen Entscheidungen eine gesamte Mannschaft und gerade deswegen darf ein Spieler des Typs wie Diego - im Normalfall - NIEMALS eine zentrale Rolle einnehmen. Ich bin mir daher ziemlich sicher, dass JEDER Trainer, der ein einigermaßen ausgeglichenes Personal zur Verfügung hat, das nicht lange zulassen wird. Sonst hast Du angesprochene Symptome. Deshalb war Diego trotz der angeblichen Weltklasseleistungen bei Werder nie bei den wirklich grossen Klubs ein Thema.