Margot Friedländer „Versuche, dein Leben zu machen“
Eddie Jaku "Der glücklichste Mensch der Welt“
Diese beiden Autobiografien gehören mMn zu den eindringlichsten Stimmen der Erinnerungskultur aus erster Hand. Sie sind weitaus mehr
als bloße Lebensberichte. Sondern sie sind Mahnungen, Vermächtnisse und zugleich, zutiefst persönliche Reflexionen über Menschlichkeit, Verlust, aber auch Hoffnung und Versöhnung.
Margot Friedländers sehr bewegenden Erzählungen sind in einer klaren und unprätentiösen Sprache verfasst. Ähnlich wie sie in ihren schier unzähligen Lesungen, Vorträgen und Interviews gegen das Vergessen auftrat. Aber genau aus dieser Schlichtheit generiert
„Versuche, dein Leben zu machen“ eine enorme Wirkungskraft. Der Titel, ein Appell von Margots Friedländers Mutter an ihre Tochter, bildet die Stringenz dieses Buches, welches nicht nur die grausame Realität der Verfolgung im Nationalsozialismus schildert, sondern vor allem ihren unerschütterlichen Willen einer jungen Frau, nach dem unfassbaren Verlust ihrer Familie weiterleben zu wollen. Sie sah sich als Sprecherin für diejenigen, die nicht mehr sprechen können; jedoch nicht in Bitterkeit verharrend, sondern zu Versöhnung und Menschlichkeit aufrufend, was sich auch in ihren Zitaten wie z.B.
widerspiegelt.
Der Titel von Eddie Jakus
"Der glücklichste Mensch der Welt“ wirkt in Anbetracht seiner Erfahrungen in Konzentrationslagern wie Auschwitz ambivalent, ja sogar sehr irritierend. Jedoch wird beim Lesen dieses beinahe dialogartig wirkende Buch deutlich, warum es so betitelt ist: aus dem extremen Leid, welches anderen Menschen und ihm angetan wurde, schöpfte er, mithilfe der Tugenden, die ihm in seinem Elternhaus anerzogen wurden, seinen Überlebenswillen. Einen Überlebenswillen, der auf Selbstbewusstsein, Willenskraft der Hoffnung auf Freundschaft und Mitmenschlichkeit beruhte, ohne dabei die Schrecken der Vergangenheit zu relativieren.
Beide Werke ergänzen sich auf eindrucksvoll. Zum einen, dass Überleben nicht nur ein physischer Zustand ist, sondern auch eine innere Haltung.
Zum anderen, dass beide Holocaust-Überlebende Parallelen zur Gegenwart ziehen. Sowohl Friedländer als auch Jaku warnen eindringlich vor den damaligen Mechanismen, die in der Gegenwart wieder aktuell sind: Vorurteile, Hass, schleichende Entmenschlichung, Ausgrenzung etc. - mahnen aber auch davor, dass der große Teil der Gesellschaft, der diese perfiden Ansichten nicht teilt, darauf nicht mit Gleichgültigkeit oder gar Wegsehen reagieren darf.
Gerade deshalb gewinnen solche Bücher heute und in Zukunft noch weiter an Bedeutung. Die Generation der Zeitzeugen verschwindet zunehmend, und mit ihr die Möglichkeit, Geschichte unmittelbar erzählt zu bekommen. Daher werden Autobiografien wie diese vermehrt zu Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie bewahren nicht nur historische Gegebenheiten, sondern auch Emotionen, Perspektiven und moralische Appelle, die in reinen Geschichtsdarstellungen oft verloren gehen.