Der Autor dieses Buches demonstriert vor allem eines: eine bemerkenswerte begriffliche Unschärfe, die man sich bei einem solch elementaren Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts keinesfalls leisten darf. Sozialismus, Kommunismus und Bolschewismus werden von ihm kurzerhand in einen Topf geworfen – etikettiert als „Sozialismus“ –, ohne jede Differenzierung, ohne jedes Verständnis für historische und theoretische Feinheiten zu zeigen.
Dabei ist die Unterscheidung alles andere als akademische Haarspalterei. Sozialismus bezeichnet einen weiten Ideenraum, der auf mehr soziale Gleichheit und eine andere Verteilung von Macht und Eigentum abzielt. Kommunismus hingegen ist eine spezifische, radikalere Ausprägung dieses Denkens, maßgeblich geprägt durch die Schriften von Karl Marx. Und der Bolschewismus? Der war keine Theorie wie Sozialismus oder Kommunismus, sondern eine konkrete politische Bewegung, die im Zuge der Oktoberrevolution unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin in Russland die Macht ergriff – und dabei ein System etablierte, welches auf die Alleinherrschaft einer kommunistischen Partei hinauslief und in die Gründung der Sowjetunion mündete.
Wer das „Kommunistische Manifest“ gelesen hat, weiß – oder sollte zumindest wissen –, dass Marx darin jedoch keine Parteidiktatur vorschwebte. Seine Vorstellung zielte auf ein Proletariat, das als Klasse ein eigenes revolutionäres Bewusstsein entwickelt und kollektiv die Macht übernimmt. Lenin jedoch misstraute dieser Selbstermächtigung. In seiner Sicht war die Arbeiterklasse dazu nicht in der Lage; sie müsse von einer straff organisierten Partei geführt werden. Das Ergebnis dieser Verschiebung ist historisch hinreichend bekannt: Aus der Idee einer Herrschaft der Arbeiterklasse wurde in der Praxis die diktatorische Herrschaft über sie. Dass kommunistische Regime dennoch den Anspruch erhoben, im Namen des Proletariats zu handeln, gehört zu den langlebigsten Widersprüchen des 20. Jahrhunderts – und zu jenen Punkten, die ein Autor kennen sollte, bevor er große Begriffe allzu beiläufig durcheinanderwirbelt.
Es ist erstaunlich, wie Salonkommunisten einem Mann wie Igor Schafarewitsch unterstellen, dieser habe grundlegende Begriffe / Unterscheidungen nicht verstanden und bediente sich hierbei einer begrifflichen Unschärfe. Deshalb ist es offensichtlich notwendig, einige Informationen über diese Person mitzuliefern, um die Groteske des ihm vorgeworfenen Mangels an Sachverstand widerlegen zu können. Im weiteren Verlauf werde ich aus Vereinfachungsgründen, seinen Namen mit IRS (Igor Schafarewitsch) abkürzen.
Zur Person:
Zunächst einmal war IRS ein weltweit anerkannter Mathematiker (Zahlentheorie, algebraische Geometrie), Lenin‑Preisträger und Begründer einer bedeutenden sowjetischen Mathematikschule. In den 1970er Jahren wurde er zu einer wichtigen Figur der sowjetischen Dissidentenbewegung und arbeitete mit der von Andrei Sacharow gegründeten Menschenrechtsgruppe zusammen. Sein Buch über den Sozialismus (The Socialist Phenomenon, dt. „Der Todestrieb in der Geschichte“) entstand als regimekritische Schrift, die zunächst im Ausland erschien und von Alexander Solschenizyn in dessen Harvard‑Rede 1978 ausdrücklich zitiert wurde.
Seine These vom „Todestrieb“ des Sozialismus/Kommunismus stützt auf drei Säulen: intellektuelle Hochqualifikation (Mathematiker, Denker), persönliche Erfahrung mit dem sowjetischen System und der Dissidentenszene, sowie ein stark religiös‑orthodox geprägter normativer Hintergrund. IRS war ein prominenter Dissident und enger Mitstreiter Alexander Solschenizyns (Archipel Gulag), letzterer "Kenner" der Gulags (Russische Konzentrationslager), dort lange inhaftiert und ebenso wie IRS, bestens mit den Nuancen vertraut.
IRS besaß profunde Kenntnisse über den Sozialismus und subsumierte grundsätzlich Bolschewismus/Kommunismus als ein historische Extrem‑Beispiele dieser größeren Kategorie (Sozialismus), statt die sowjetische Terminologie (Sozialismus = Zwischenstadium, Kommunismus = Endstadium) zu übernehmen.
Zum Inhalt:
IRS interpretierte den Sozialismus nicht primär als ökonomische Theorie, sondern als wiederkehrendes „Erscheinungsmuster“ in der Geschichte, das auf die Negation des Individuums und letztlich auf
Selbstvernichtung der Gesellschaft hinausläuft. Er verband diese Muster mit einem „Todestrieb“: Sozialistische Ideale seien von einem unbewussten Drang zur
Auflösung von Mensch, Persönlichkeit und Schöpfungsordnung motiviert.
Kern seiner These war: Wenn sozialistische Prinzipien konsequent bis zum Kommunismus durchgesetzt werden, zerstören sie die Grundlagen menschlicher Existenz und laufen auf ein „
Ende der Menschheit“ hinaus.
Es spielt keine Rolle, welche Spielart des Kommunismus in seinen Hauptformen (Marxismus, Leninismus , Stalinismus, Trotzkismus, Maoismus et al.) respektive Ausprägungen bisher in der Praxis zur Anwendung kamen, sondern um den hiermit nachweislich immer verbundenen (zwangsläufigen) Massenmord bis zur finalen Umsetzung, der Abschaffung des Menschen.
Inhaltlich entwickelt IRS eine Art Kontinuum, er bezeichnet den Sozialismus als einen Komplex von Ideen/Institutionen (Gleichheit, Kollektivismus, Feindschaft gegen Eigentum, Familie, Religion), der in vielen historischen Varianten auftritt. Kommunismus ist für ihn die konsequenteste, radikalste Ausprägung dieser Tendenzen: maximale Nivellierung, totale Vergesellschaftung, vollständige Unterordnung des Einzelnen unter das Kollektiv.
IRS lehnt sich explizit an Sigmund Freud an, der von einem Todestrieb im Individuum sprach, und überträgt das auf Gesellschaften. Seine Argumentationslinie:
- Die genannten vier Konstanten zielen auf Auflösung der Person und der kreativen Differenzierung in der Gesellschaft.
- Wenn Eigentum, Familie, Religion und Individualität zerstört werden, verbleibt ein mechanisches, kollektives, gleichgeschaltetes System ohne inneren Lebensimpuls.
- In den historischen Beispielen enden sozialistische Experimente regelmäßig in Massengewalt, Verfolgung, wirtschaftlichem Ruin und teils Zusammenbruch ganzer Gesellschaften.
Daraus leitet er nicht nur eine Ideologie des Todes, sondern die These ab, dass ein vollständig durchgesetzter Kommunismus letztlich zur Selbstabschaffung der Menschheit führen müsse – entweder durch physische Vernichtung oder durch eine Entleerung des Menschseins, die das Menschliche im normativen Sinn zerstört.
Da Du ja keine Lust bzw. Zeit auf / für eine Buchbesprechung hast, belasse ich es bei diesen Ausführungen. Lies das Buch nochmals, darin sind so viele Perlen versteckt, die reichen für ein ganzes Leben.
By the way:
Das Kommunistische Manifest ist eine Auftragsarbeit des
Bund der Kommunisten an Marx und Engels, wobei jedem bekannt war, dass die treibende Kraft und Ideengeber der Unternehmer Engels war und Marx, ein promiskuitiver Drec####k, lediglich als Galionsfigur einer größeren Sache diente. Es war sehr selten den eigenen Gedanken entsprungen, sondern ein Organisationsauftrag, nur
Proletarier aller Länder, vereinigt euch und noch ein paar plakative Zitate sollen von ihm stammen.
Es führte zu weit das näher auszuführen, aber wenn man die Kette verfolgt, dann wäre eine Beschäftigung mit dem Bund der Kommunisten sinnvoll. Nur 3 Jahrzehnte später wurden die Fabianer gegründet (Buchempfehlung hatte ich bereits abgegeben) und in Deutschland entwuchs dann wieder etwas später, die Frankfurter Schule.