Wer liesst denn noch heutzutage?

Faust II ist übrigens stinklangweilig und für heutige Leser wirr im Gegensatz zum ersten Teil.
Ist zwar schon ein paar Jahrzehnte her, dass ich Faust I + II im Deutsch-LK gelesen habe, aber das hatte ich seinerzeit ebenfalls empfunden. Denn der 1. Band ist ein Drama mit einer stringenten Handlung, während der 2. Teil ein philosophisches Sammelsurium mit verschiedenen Themen daherkommt.
 
Margot Friedländer „Versuche, dein Leben zu machen“
Eddie Jaku
"Der glücklichste Mensch der Welt“

Diese beiden Autobiografien gehören mMn zu den eindringlichsten Stimmen der Erinnerungskultur aus erster Hand. Sie sind weitaus mehr
als bloße Lebensberichte. Sondern sie sind Mahnungen, Vermächtnisse und zugleich, zutiefst persönliche Reflexionen über Menschlichkeit, Verlust, aber auch Hoffnung und Versöhnung.

Margot Friedländers sehr bewegenden Erzählungen sind in einer klaren und unprätentiösen Sprache verfasst. Ähnlich wie sie in ihren schier unzähligen Lesungen, Vorträgen und Interviews gegen das Vergessen auftrat. Aber genau aus dieser Schlichtheit generiert Versuche, dein Leben zu machen“ eine enorme Wirkungskraft. Der Titel, ein Appell von Margots Friedländers Mutter an ihre Tochter, bildet die Stringenz dieses Buches, welches nicht nur die grausame Realität der Verfolgung im Nationalsozialismus schildert, sondern vor allem ihren unerschütterlichen Willen einer jungen Frau, nach dem unfassbaren Verlust ihrer Familie weiterleben zu wollen. Sie sah sich als Sprecherin für diejenigen, die nicht mehr sprechen können; jedoch nicht in Bitterkeit verharrend, sondern zu Versöhnung und Menschlichkeit aufrufend, was sich auch in ihren Zitaten wie z.B.
widerspiegelt.

Der Titel von Eddie Jakus "Der glücklichste Mensch der Welt“ wirkt in Anbetracht seiner Erfahrungen in Konzentrationslagern wie Auschwitz ambivalent, ja sogar sehr irritierend. Jedoch wird beim Lesen dieses beinahe dialogartig wirkende Buch deutlich, warum es so betitelt ist: aus dem extremen Leid, welches anderen Menschen und ihm angetan wurde, schöpfte er, mithilfe der Tugenden, die ihm in seinem Elternhaus anerzogen wurden, seinen Überlebenswillen. Einen Überlebenswillen, der auf Selbstbewusstsein, Willenskraft der Hoffnung auf Freundschaft und Mitmenschlichkeit beruhte, ohne dabei die Schrecken der Vergangenheit zu relativieren.

Beide Werke ergänzen sich auf eindrucksvoll. Zum einen, dass Überleben nicht nur ein physischer Zustand ist, sondern auch eine innere Haltung.
Zum anderen, dass beide Holocaust-Überlebende Parallelen zur Gegenwart ziehen. Sowohl Friedländer als auch Jaku warnen eindringlich vor den damaligen Mechanismen, die in der Gegenwart wieder aktuell sind: Vorurteile, Hass, schleichende Entmenschlichung, Ausgrenzung etc. - mahnen aber auch davor, dass der große Teil der Gesellschaft, der diese perfiden Ansichten nicht teilt, darauf nicht mit Gleichgültigkeit oder gar Wegsehen reagieren darf.

Gerade deshalb gewinnen solche Bücher heute und in Zukunft noch weiter an Bedeutung. Die Generation der Zeitzeugen verschwindet zunehmend, und mit ihr die Möglichkeit, Geschichte unmittelbar erzählt zu bekommen. Daher werden Autobiografien wie diese vermehrt zu Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie bewahren nicht nur historische Gegebenheiten, sondern auch Emotionen, Perspektiven und moralische Appelle, die in reinen Geschichtsdarstellungen oft verloren gehen.
 
Haus zur Sonne - Thomas Melle, Roman, 320 Seiten

Ich fand schon sein Buch "Die Welt im Rücken" sehr atemberaubend und habe quasi sehr lange gebraucht dieses Brett zu begreifen und zu verarbeiten. Nun hatte ich mich im Februar an diesen Roman heran gewagt...unglaublich abgefahren und der Widerhall ist lang!!! Eine sehr spezielle Empfehlung meinerseits!!!

Verlag Kiepenheuer & Witsch meint :

"Nach seinem weltweit beachteten Buch "Die Welt im Rücken" in dem er sein Leben mit bipolarer Störung literarisch brillant verarbeitet hat, legt Thomas Melle nun einen Roman vor, der die Grenzbereiche zwischen Autobiografie und Fiktion, zwischen Sehnsucht und Depression und letztlich zwischen Leben und Tod weiter auslotet.

Wie viel Selbstbestimmung ist möglich, wenn das Leben von einer psychischen Krankheit fremdgesteuert ist? Wonach sehnt sich einer, der nichts mehr zu verlieren hat? Und wie könnte es aussehen, das letzte Glück? Willkommen im "Haus zur Sonne", einer Institution, die zugleich Wunscherfüllungsmaschine wie Abschaffungsapparat ist. Lebensmüde und todkranke Menschen liefern sich in diese vom Staat finanzierte Klinik ein, um jeden nur erdenklichen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen und dann – ohne großes Aufsehen – aus dem Leben zu scheiden. Aber will, wer nicht mehr leben will, wirklich sterben?

Thomas Melle geht unseren Sehnsüchten und Todestrieben auf den Grund und liefert so eine radikale Skizze der Conditio humana."
 
The Tissue-Culture King ist eine Science-Fiction-Kurzgeschichte des Biologen Julian Huxley, die erstmals 1926 veröffentlicht wurde. Julian Huxley ist Bruder vom deutlich bekannteren Aldous Huxley, ebenfalls Biologe und Verfasser des bekannten Romans "Schöne Neue Welt".

Dieser Essay handelt von einem englischen Endokrinologen namens Dr. Hascombe, der in Afrika gefangen genommen wird und sich durch den Einsatz biologischer Wissenschaften als religiöser Berater eines afrikanischen Königs behauptet.

Die Geschichte wird oft als Allegorie für die Unterordnung der Wissenschaft unter kapitalistische und politische Imperative gelesen. Sie kritisiert die ethische Unbedenklichkeit, mit der wissenschaftliche Errungenschaften für Machterhalt und Kontrolle eingesetzt werden können.

Diese Kurzgeschichte räumt aber auch mit der häufig verbreiteten Diffamierung auf, einer, die viele Menschen missbräuchlich oder einfach nur unwissentlich, dem Aluhut.

In Huxleys Erzählung ist das Pendant zum „Aluhut“ ein hochwirksames, rational entwickeltes Abwehrmittel gegen totalitäre Bewusstseinssteuerung, nicht ein Symbol für Realitätsverlust. Wer ihn trägt, sichert seine Freiheit; wer ihn wegwirft, fällt zurück unter kollektive Suggestion.

Diese Kurzgeschichte ist im Internet frei verfügbar, Lesezeit unter 1ner Stunde und vor allem der Beweis dafür, dass man bei der Verwendungen von Schlagworten, Diffamierung oder Herabwürdigungen immer erst den Ursprung kennen sollte.

Apropos: Wer die "Schöne Neue Welt" gelesen hat (m.W. nicht verfilmt), sollte sich unbedingt den Film "Gattaca" ansehen, nicht nur super Darsteller (Ethan Hawke, Uma Thurman und Jude Law), sondern ein guter Blick in die Zukunft.
 
Weil es so aktuell ist, sollte man sich unbedingt das Buch Generation Beleidigt von Caroline Fourest durchlesen, von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei.

Auf 144 Seiten für 11,-- EUR (Taschenbuch) gelingt es der französischen Autorin und Journalistin Caroline Fourest eine scharfe Analyse der Entwicklung linker Identitätspolitik, insbesondere in akademischen und kulturellen Kreisen zu verfassen. Fourest, eine überzeugte Vertreterin republikanischer, säkularer und universalistischer Werte, warnt vor den Gefahren einer Politik, die nach Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder persönlicher Geschichte die Legitimität von Meinungsäußerungen bewertet.

Auszug:

In Kanada fordern Studenten die Streichung eines Yogakurses, um sich nicht dem Risiko der indischen Kultur auszusetzen. In den Vereinigten Staaten würde man am liebsten asiatische Menüs in den Kantinen verbieten und die als anstößig und normativ verurteilten großen klassischen Werke von Flaubert bis Dostojewski aus dem Unterrichtsplan streichen. Studenten bezeichnen den geringsten Widerspruch als »Mikroaggression« und klagen »safe spaces« ein. In Wirklichkeit aber lernt man nur, Debatten zu meiden. Aufgrund geographischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und der persönlichen Geschichte versucht man, die Hegemonie über die öffentliche Rede zu erreichen. Eine Einschüchterung, die bis zur Entlassung von Professoren geht. (Caroline Fourest)
 
Weil es so aktuell ist, sollte man sich unbedingt das Buch Generation Beleidigt von Caroline Fourest durchlesen, von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei.

Auf 144 Seiten für 11,-- EUR (Taschenbuch) gelingt es der französischen Autorin und Journalistin Caroline Fourest eine scharfe Analyse der Entwicklung linker Identitätspolitik, insbesondere in akademischen und kulturellen Kreisen zu verfassen. Fourest, eine überzeugte Vertreterin republikanischer, säkularer und universalistischer Werte, warnt vor den Gefahren einer Politik, die nach Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder persönlicher Geschichte die Legitimität von Meinungsäußerungen bewertet.

Auszug:
Klingt nach einer guten Empfehlung.
 
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