Volker Ullrich "Deutschland 1923: Das Jahr am Abgrund"
Als historisch interessierter Mensch habe ich schon einige Dokus, Berichte und Bücher über die Geschichte der letzten ca. 150 Jahre gesehen, gehört, gelesen, jedoch gab es nur ganz wenig Material, in dem der Fokus auf Gesamtkontext des weichenstellenden Jahres 1923 lag. Dies änderte sich, als das Hundertjährige" dieses ereignisreichen Jahres näherte. Eines davon ist "Deutschland 1923: Das Jahr am Abgrund" des Historiker Volker Ullrich.
Die seinerzeitigen Zusammenhänge den Folgen des Versailler Vertrags, Ruhrbesetzung, Ruhrstreik, Hyperinflation, wachsender Armut, gesellschaftlicher und politischer Radikalisierung mit Attentaten auf demokratische Politiker und Putsch(versuchen) etc. ist so komplex, dass eine chronologische Aufarbeitung schier unmöglich ist. Dementsprechend hatte der Volker Ullrich sein Buch 9, jeweils themenbezogen Kapitel eingeteilt, die aufgrund ihres Tiefgang auch für Menschen, die sich mit dieser Materie bereits intensiver befassten, viele bis dato nicht bekannte Informationen liefert. Dabei betrachte er die durch diverse Einflüsse gesteuerten Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln, die daraus resultierenden, teils unterschiedlichen Folgen für die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten in ihrem Alltag. Und wie all dieses dazu führte, dass die erste deutsche Demokratie in die verbrecherische NS-Diktatur mündete.
Trotz dieses Fülle an sehr gut recherchierten, faktenbasierenden Informationen ist dies beileibe kein "trockenes" Sachbuch. Denn u.a. auch die Einbeziehung von zeitgenössischen Zitaten verstand der Autor es, im Rahmen des Möglichen, auch für Laien in dieser Thematik einen Spannungsboden hochzuhalten. Und es ist, besonders im 9. Kapitel so dargestellt, auch eine Mahnung an die Gegenwart.