Wenn der Kapitän und ein weiterer Spieler aus dem Mannschaftsrat die Menschenführung von Löw kritisieren, dann würde mir das als Trainer sehr zu denken geben. Natürlich leben wir in einer Leistungsgesellschaft, aber ein fairer Umgang ist auch im 21. Jahrhundert noch gefragt. Wenn Löw keinen Wert auf Menschenführung legt, dann soll er Chef von WalMart werden, aber keine deutsche Nationalmannschaft trainieren.
Und was Frings´ sportlichen Wert angeht: Frings war vergangene Saison nach Kicker-Noten der beste deutsche Feldspieler der Bundesliga. Werders furioser Schlussspurt letzte Saison mit 7 Siegen und einem Remis aus den letzten acht Spielen hing maßgeblich mit der Rückkehr von Frings zusammen. Wenn Frings wegen seiner Knieverletzung noch zwei Wochen länger ausgefallen wäre, hätte Werder diese Woche nicht in Athen, sondern möglicherweise in Zilina gespielt.
Dass Frings derzeit wie die meisten deutschen Nationalspieler (übrigens auch Hitzlsperger) wegen fehlender Vorbereitung nicht in Top-Form ist, streitet keiner ab. Wobei ich mich frage, wie Löw das beurteilen kann, wenn er sich nur Stuttgart- und Bayern-Spiele anschaut bzw. ein Spiel des FC Basel beobachtet, während Werder Champions League spielt.
Ballack ging es mit seiner Kritik aber weniger um Personalentscheidungen als um die Art und Weise, wie Löw mit einigen Spielern umgeht. Frings hat entscheidend zum Erfolg der WM 2002 und zum Erfolg der WM 2006 beigetragen, sich bei der EM 2008 sogar mit Rippenbruch in den Dienste der Mannschaft gestellt. Natürlich ist das kein Grund für einen Stammplatz, aber sehr wohl ein Argument für einen fairen und offenen Umgang miteinander. Wenn der Kapitän hier Defizite bei Löw sieht und den Eindruck gewinnt, dass ein Konkurrenzkampf nur nach außen propagiert wird, dann sollte einem das zu denken geben.
Die Kritik wegen der unnötigen gelben Karten teile ich dagegen uneingeschränkt. Nicht nur Frings, sondern auch einige andere Spieler (z.B. Diego) tun sich da hervor. Man lernt schon in der Jugend, dass der Kampf gegen schlechte Schiedsrichterleistungen aussichtslos ist. Wenn das einmal pro Saison ist, habe ich dafür ein gewisses Verständnis. Aber momentan habe ich überhaupt nicht den Eindruck, dass die Undiszipliniertheiten, die uns schon vergangene Saison einige Punkte gekostet haben, abgestellt werden. Bei den gelben Karten ist nicht nur das Problem, dass sie früher oder später zu einer Gelbsperre führen, sondern auch, dass sich der verwarnte Spieler kein taktisches Foul mehr leisten darf und in den Zweikämpfen vorsichtiger (zu vorsichtig?) agieren muss. Der Verein sollte die Geldstrafen für Undiszipliniertheiten deutlich erhöhen, denn die bisherigen Strafen haben nicht zu einer Besserung geführt.