Neulich war ich wieder arrogant; einer von denen, die es anscheinend nicht mehr nötig haben sich auch nur zwei Sekunden lang mit einem kleinen Jungen abzugeben. Sie hat es mir schriftlich gegeben, per E-Mail. Eine Vollrasur mit stumpfer Klinge und Schaum vorm Mund. Sie schreibt von „Verarsche“, dass „dein Verhalten das Allerletzte ist“, dass ihr Sohn, der kleine Moritz, „nur noch geheult hat“ und ich „nicht den blassesten Schimmer“ davon habe, was es heißt, 300 Kilometer zum VfB gefahren zu sein, und dann „nicht mal eines Blickes gewürdigt zu werden“.
Hätte ich zurückschreiben sollen? Der Mutter sagen, dass ich mich in diesem Spiel verletzt habe, der Doc mich im Schlepptau hatte, es schnell zum Röntgen gehen musste? Am Gatter warten die Fans, eine Wand aus Händen, Stiften, Schals, Trikots. Die Wand ruft „Timo, Tiimo, Tiiiimooo.“ Und: „Bitte, Biiitte, hier, hier!“ Ich weiß: Es ist keine Wand, es sind Menschen. Viele Kinder, Jugendliche. Erwartungen, Emotionen, Herzklopfen, Träume.
Geh hin, lächle – los, gib ein Stück von dir, auch wenn es nur dieses dahingekritzelte Autogramm ist. Hier, da noch, erste Reihe, zweite Reihe. Und immer mehr Leute rücken nach. Je länger ich verweile, umso größer wird die Zahl jener sein, die ohne ein Stück vom Timo zurückbleiben werden. Der Doc sagt: „Los jetzt, wir müssen“. Mein Verstand sagt: Genug. Du schaffst das heute hier sowieso nicht. Die Mutter vom Moritz wird schreiben: „Dein Verhalten ist das Allerletzte.“
Vorhin war ich wieder arrogant. Der öffentliche Timo hat in einer öffentlichen Gaststätte gegessen und leider keine Autogrammkarte zu Hand gehabt. Außerdem habe ich am Tisch gerade ein gutes Gespräch mit dem Kumpel, den ich lang nicht gesehen habe – bin also kurz angebunden zu dem Herrn, der nebst Autogramm für die Freundin (,,Miriam mit i, und schreib dazu in Liebe“

noch fragt: „Isch der Veh jetzt besser als der Trabbadohni?“
Morgen werde ich wieder ein hochnäsiger Lackaffe sein, der es offenbar nicht mehr nötig hat. Wenn ich nicht lächle, wenn jemand rumschleimt. Wenn ich nicht den VIP geben, sondern so sein will, wie ich im Moment drauf bin. Mal gut, mal schlecht. Arroganz als Schutzschild. Oder müssen sich Personen des öffentlichen Interesses damit abfinden, dass sie in der Öffentlichkeit keine Privatsphäre haben? Man sie in Anspruch nimmt, als wären sie öffentlicher Besitz. Wie eine Parkbank: Jeder, der vorbeikommt und will, der darf?
Nein, ich jammere nicht, ich bin dankbar dafür, dass ich meinen Traum leben darf: Fußballprofi. Aber der Traum hat seine Alltagstücken. Ich kenne nun den Preis der Popularität, ich bezahle ihn wie man Steuern zahlt – zurzeit Spitzensteuersatz. Wie jeder Steuerzahler hätte ich nichts gegen eine Steuersenkung. Vielleicht in Form kleiner Zugeständnisse. Nach dem Motto: Auch öffentliche Personen haben Ladenschlusszeiten.