Grundsätzlich ist Selbstkritik - auch und besonders von der medialen Zunft - sicherlich lobenswert.
Aber warum soll jemand nach seinem moralischen und juristischen Fehltritten sowie den aus diesem Fehltritt resultierenden Folgen vor gesellschaftlicher Kritik (die Wortwahl "Ächtung" dieses Artikels ist überzogen) verschont bleiben? Ein Berufskraftfahrer z.B., der unter Alokohleinfluß einen Verkehrsunfall mit Personenschaden und ggf. Fahrerflucht zu verantworten hat und dadurch seinen Job und die Ehefrau verliert, der wird aufgrund dieser Folgen auch wohl kaum auf Verständnis von der Gesellschaft für sein Fehlverhalten stoßen.
Und außerdem: eine Gerichtsverhandlung dient ausschließlich dazu, um die juristische Frage von Schuld oder Unschuld zu geklärt und nicht dafür, mit einem vollständigen Freispruch die Ehre von Person X wiederherzustellen.
Mit geht es nicht um die - mit Sicherheit berechtigte - "gesellschaftliche" Kritik und und/oder um Verständnis für "moralische Fehltritte" (ob juristisch, ist immer noch nicht geklärt, scheint aber Einige nicht im geringsten zu stören.)
In meinen Augen hatte das damit allerdings absolut nichts mehr zu tun.
Da sind Presse, Volksvertreter, ehemalige (oder von ihm falsch eingeschätzte "Freunde"), eine - seltsam übereifrige - Justiz und der übergroße Teil der Bevölkerung in allermiesester Weise über einen Menschen (und seine Familie!) hergefallen, als hätten sie Blut geleckt und müssten jetzt das wilde Tier erlegen, aber mit Hurra!
Das mehr als unglückliche Umgehen Wulffs mit den Anschuldigungen hat ihn komplett zum Abschuss freigegeben. Seltsam, jeder Kinderschänder bekommt als erstes einen Gutachter zur Seite, ob sich nicht (überspitzt ausgedrückt) aus seiner Kindheit eine Entschuldigung oder zumindest eine Erklärung für sein Verhalten finden ableiten lässt; aber hier handelte es sich ja nur um den Bundespräsidenten ........
Hier wurde ein Mensch vorverurteilt, der wahrscheinlich nicht nach der feinen englischen Art gehandelt hat. Und? Wer von den vielen selbstgerechten und von moralischen Ansprüchen Schwafelnde kann das immer von sich behaupten? Wenn alle die Wullf vorgeworfenen Anschuldigungen strafbar wären und er dafür verurteilt werden könnte, wer könnte wirklich von sich behaupten, er sei noch nicht knapp am Knast vorbeigerauscht??
Vorsorglich: Ich will weder versuchen, ihn zu "entlasten" noch entschuldigen - aber dieses widerliche Schauspiel, wie mehr oder weniger ein ganzes Volk versucht hat, einen Menschen fertig zu machen, das war einfach unwürdig und ich möchte es nicht noch einmal erleben.
(Meines Erachtens war das auch viel Sozialneid auf "die da oben" im Spiel; "wer hoch steigt, soll ruhig spüren wie es ist, wenn man tief fällt"...)
Zum letzten Satz: Nein, auch ein Freispruch wird seine "Ehre" nicht wieder herstellen - ist das nicht schlimm genug? Und nein, das Wort "Ächtung" halte ich in diesem Fall ganz und gar nicht für überzogen!

:unfassbar: