Einige sehen den Abgang ja auch als Chance. Das ist sicherlich berechtigt und auch die passende Sichtweise. Dennoch halte ich es leider für viel wahrscheinlicher, dass der Kruse-Abgang Werder massiv zurückwerfen wird. Kruse ist Kapitän, Führungsspieler und der entscheidende Spieler für unsere Offensive. Er ist derjenige, der für Überraschungsmomente steht und ein enges Spiel häufig genug dann doch noch zu unseren Gunsten entschieden hat. Nervenstark bei Elfmetern und mit der Übersicht auch Mitspieler auf dem Feld besser zu machen. Und selbst an schwächeren Tagen hatte er manches Mal die eine zündende Idee. Außerdem kam ihm beim Gegner in aller Regel die größte Aufmerksamkeit zu, wodurch überhaupt erst Lücken für andere Spieler wie zuletzt Rashica entstanden.
Einen vergleichbaren Spieler zu finden, der Bock auf Werder hat und finanzierbar ist, wird eine extrem harte Aufgabe für unsere sportliche Leitung. Wahrscheinlich kann man ihn nur ersetzen, indem man die Last auf verschiedene Schultern verteilen wird und auch das geht beim Abgang eines entscheidenden Spielers häufig schief. Ich erinnere mich noch gut daran, wie man auch beim Özil-Abgang von der vielversprechenden Chance sprach, die der Wechsel eröffnete. Tatsächlich war dieser Abgang nicht zu ersetzen und ein Meilenstein auf dem Weg vom Dauergast in der Champions League in den jahrelangen Abstiegskampf. Damals allerdings noch mit dem Unterschied zu heute, dass wir für Özil immerhin knapp 20 Millionen Euro Ablöse bekamen, die wir in Neuzugänge investieren konnten, während wir dieses Mal unseren entscheidenden Spieler verlieren ohne dafür auch nur einen Cent zu sehen.
Das ist ein massives Problem. Wäre Kruse geblieben, hätte man wohl im Vergleich zur Verpflichtung eines teuren Nachfolgers viel Geld sparen können, das man auf anderen Problempositionen hätte investieren können. Nun müssen wir ohne Einnahmen Kruse ersetzen und trotzdem die anderen Positionen auch noch passend angehen. Misslingt das, befindet man sich vielleicht in Windeseile in der kommenden Saison wieder mitten im Abstiegskampf.
Kruse selbst kann man aber ja nicht vorwerfen, dass sein Abgang Werder so hart trifft. Daher würde ich ein Pfeifkonzert ebenfalls nicht nachvollziehen können. Klar, wenn es ihn wirklich zu einem Verein wie Hoffenheim, Leipzig, Frankfurt oder Gladbach ziehen würde, wäre das aus jeweils verschiedenen Gründen sehr enttäuschend, aber das steht ja bisher nicht fest. Zumal es auch ein wenig unfair ist, zu behaupten, dass ihm seine Vereine vollkommen egal sind und er nur aufs Geld schauen würde. Als er aus Wolfsburg nach Bremen wechselte, hatte er bestimmt auch finanziell lukrativere Angebote. Ich hoffe nach wie vor, dass es für ihn ins Ausland geht. Schade, dass er sich nicht auf dem Feld verabschieden kann. Mit einer starken Leistung morgen, hätte er einen passenden Ausstand geben können. So wird es für uns auch immens schwer, gegen die zweitbeste Mannschaft der Rückrunde zu bestehen.
Insgesamt ist dieser Abgang also eine ziemliche Katastrophe. Und das erst recht so kurz vor dem Leipzig-Spiel. Das ist mental ein ziemlicher Downer. Trotz allem: Auch wenn es sehr schwer fällt, gibt es einige Aspekte, die den Schmerz ein wenig lindern: Kruse ist immerhin schon fast 32 und war in den letzten Jahren immer wieder über einen längeren Zeitraum verletzt. Dementsprechend hätte sich das Problem, ihn zu ersetzen, früher oder später ohnehin gestellt. Außerdem weiß man einigermaßen zeitig Bescheid und hat nicht erst während der Sommerpause Sicherheit. Was mich allerdings am zuversichtlichsten macht, ist die Gewissheit, dass mit Kohfeldt und Baumann zwei sehr fähige Personen in der Verantwortung stehen, auf den Kruse-Abgang zu reagieren.