Dir ist schon klar, dass Seifert in seiner Rede die Liga auffordert, den Wahnsinn mitzumachen? Da wir nicht vor einem neuen epochalen Fernsehvertrag stehen, bedeutet es u.a. auch, dass er Investoren/Mäzene für die Liga fordert, damit viel Geld in dieses System gespült wird? Damit wird die 50+1 auch nicht mehr lange Bestand haben.
Was ich dem Seifert anrechne, dass er ehrlich ist und offen seine Meinung vertritt. Anders als unsere Funktionäre des DFB.
Die Rede Seiferts schlägt hohe Wellen, weil sich ein großer Teil der Liga offensichtlich ertappt fühlt. Viele Vereine haben sich in einer bestimmten Tabellenregion eingerichtet, der Meistertitel wird großzügig den Bayern überlassen. Ein Aufrütteln der Liga tut Not.
Dennoch ist diese Rede imho sehr scheinheilig.
In These 1 fordert Seifert das Bekenntnis zur Spitze von allen Vereinen, d.h. auch von denen, die durch die Politik der Verbände, also auch der DFL, in den letzten Jahren zunehmend abgehängt wurden. Innerhalb des DFB und der Liga gibt es mehr als eine "Lex Bayern", die sowohl insbesondere dem Rekordmeister als auch den Verbänden nutzen. Nun also soll der Nutzen mehreren zukommen, um eine breitere Spitze zu gewährleisten? Imho eine nachträgliche Rechtfertigung für die Lex "Red Bull"! Sieht er das tatsächlich als "fairen Wettbewerb"?
Zur 2. These: Der Aufruf zu ungezügeltem Kommerz, ohne Heuchlerei. Imho hat Seifert die Zeichen der Zeit völlig verkannt. Die Angst vorm Verlust der Zuschauer wird Imho nicht durch mangelnde sportliche Wettbewerbsfähigkeit gefährdet, sondern durch die zunehmende Abkopplung der Vereine von ihrer Basis. Das Verständnis für die aufgerufenen Summen schwindet, nicht das dafür, dass ein FC Basel den finanziellen Irrsinn Manchester Citys nicht wird mitmachen wollen/können.
Zu These 3:" Die DFL wird immer zu ihrer Verantwortung stehen": Für mich eine reine Schutzbehauptung, die die unter 1 und 2 beschriebenen Versäumnisse, Fehleinschätzungen und Entscheidungen rechtfertigen sollen. Wer profitiert als nächstes von dieser "wahrgenommenen Verantwortung"? Der HSV, oder etwa der SC Freiburg?
These 4 "Mut, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen"! Hört sich entschlossen an. Diese Rede war es ganz sicher nicht. Es gibt kein ewiges Wachstum, ohne Verdrängung, keine Verdrängung ohne Verlust an Vielfalt, keinen Verlust ohne Konsumeinbuße.
Die Reaktionen der Herren Heidel und Rettig dürften ein Indikator für die sich verändernde Grundstimmung im Profifußball sein. Die haben erkannt, dass das Business nur mit der Unterstützung der Fans gelingen wird, nicht ohne, auch nicht in England.
