Siehst Du - Du verstehst unter "die Europäer" sofort "alle Europäer. Schon hast Du den kritischen Gehalt des Textes völlig verfehlt.
Die Ebene, auf der der Text argumentiert, ist zudem keine, die sich eines naiven Humanismus bedient. Der Mensch kann sich nicht einfach nur so und völlig frei entscheiden. Menschen werden von bestimmten Einflüssen, einer äußeren Moral und einer inneren Triebdynamik zuvorderst, beeinflusst. Letztendlich bleibt dann nur noch die Entscheidung, sich diesen hinzugeben - oder sich diese bewusst zu machen und in der Erkenntnis der Determiniertheit ein Minimum an Freiheit sich zu bewahren.
Dass Menschen antisemitisch argumentieren, liegt nicht daran, dass sie sich irgendwann dafür entscheiden, alle Juden zu hassen. Dass die pathologische Beschäftigung etlicher sogenannter "Israelkritiker" mit diesem Staat andere Gründe haben muss, als dessen konkrete Politik, an der es weniger auszusetzen gibt als an der von über 90% der anderen Staaten, liegt auf der Hand.
Man könnte ja auch ziemlich simpel feststellen, dass Politik in der Umgebung Israels mit einer Masse gewaltbereiter Terroristen, die nichts lieber wollen als so viele Juden wie möglich mit in den Tod zu reißen, ein heikles Thema ist, bei dem man selbst überfragt ist, welche Strategie die richtige ist. Von uns kann (und ich vermute: möchte) doch niemand in Netanjahus Haut stecken. Er kann in die Geschichte eingehen als der Premier, der einen Regionalkonflikt losgetreten hat oder der, der zu spät gegen die iranische Bombe eingegriffen hat. Da steht er nun ziemlich blöd da. Und dafür, so möchte man anmerken, scheint er sich sehr gut zu schlagen. Mehr kann man doch kaum sagen.
Israelkritik in dem Sinne, wie sie in Deutschland geübt wird, hat immer das Moment der Überschreitung einer solchen Grenze. Denn weder war die BRD jemals so bedroht wie die Juden seit hunderten von Jahren es immer sind, noch hat Deutschland jemals in seiner Geschichte so maßvoll und besonnen gegen seine Feinde agiert und reagiert wie Israel. Hinzu kommt natürlich das, was Kunzelmann den "Judenknacks" nennt: Man hat ein schlechtes Gewissen.
Dieses Gewissen, das einem permanent einredet, man dürfe doch gegen die Juden nichts sagen, kollidiert nun mit dem Bedürfnis, sich dieser Einschränkung zu entledigen und hemmungslos den Triebkräften fröhnen, die unter den Bedingungen, unter denen die Menschen zu leben gezwungen sind, nun einmal immer wieder aufs neue provoziert werden. Diese Spannung und dieser innere Druck kann sich entladen, wenn die ausgesprochene Moralität und Besonnenheit, die Israel gewöhnlich in seinen Angelegenheiten walten lässt, umgelogen wird in eine besonders exzessive Gewalttätigkeit, also in das, was man unbewusst gerne tun will und was die Europäer auch jahrhundertelang tatsächlich gemacht haben, nicht nur gegen die Juden, versteht sich. Natürlich trifft dies erst Recht auf die Gesellschaften des Nahen Ostens zu, die allesamt viel verrohter und gewalttätiger als die israelische sind.
Es handelt sich bei dieser Art der "Israelkritik" also um einen Projektionsmechanismus, also um das, was man platt so ausdrücken kann: Die eigenen, unerlaubten Wünsche, Neigungen, Bedürfnisse und Verhaltensweisen, aber auch der Kern der eigenen Staatlichkeit, die immer auf Gewalt basiert, wird auf Israel projeziert - ganz nach demselben Strickmuster, nach dem das eigene Streben nach Geld und Wohlstand früher auf raffgierige Juden übertragen wurde (und heute auf die bösen Manager).
Darum geht es im Antisemitismus nie um den Juden (und beim Antizionismus und in der Israelkritik nie um Israel), sondern, wie Sartre bereits unmittelbar nach dem 2. WK in seinen "Réflexions sur la question juive" festhielt, um den Antisemiten, also um die Person desjenigen, der verfolgt, hetzt bzw. "kritisiert".
Das schließt natürlich keineswegs aus, dass Menschen, die dem Dauerfeuer solcher Gestalten ausgesetzt sind, dieses Geschwätz vollkommen gutwillig und ohne solche Antriebskräfte nachplappern. Das macht es aber nicht zwingend besser.