Nachdem meine Beiträge zur Haltung zu Deutschland bei der WM netterweise schon kopiert wurden, hier noch was zum Nationalstolz:
Zunächst einmal muss man dazu den Patriotismus erörtern, finde ich. Schließlich gibt es Merkmale des Patriotismus in vielen Bereichen und auf viele Nationen, Länder oder Regionen bezogen. Auch ich werde erstmal hellhörig, wenn irgendwo über Bremen geredet wird und interessiere mich dafür mehr als bei anderen Gesprächsthemen. Das ist sicher nicht nur dem Effekt des Aufwachsens in dieser Region geschuldet, sondern auch dem Lokalpatriotismus, den ich zu einem gewissen Teil mit mir trage.
Schlimm wird es mMn allerdings, wenn der Patriotismus dazu dient, die Wertigkeit verschiedener Länder abzuwägen. Das ist zunächst einmal nicht der Kerngedanke des Patriotismus, der aber als Katalysator für so etwas dienen kann. Zugegeben darf die eigene Meinung dafür nicht schon zu sehr ausgeprägt sein und der Patriotismus ist nun auch nichts, was Hass schüren könnte, siehe Nationalismus.
Nationalstolz geht für mich noch über den Patriotismus hinaus. Dieses Wort besagt, dass man sich einer bestimmten Ethnie nicht nur zugehörig fühlt, sondern sie glorifiziert.
Um den Begriff in die beiden Ursprungswörter zu zerlegen, fange ich mal beim "national" an. Nicht nur bei Deutschen finde ich es höchst problematisch, sich diesem Gedanken anzuschließen. "National" bedeutet im Gegensatz zum Patriotismus nicht mehr nur einen gemeinsamen Grundgedanken und ein gemeinsames Ziel, sondern stellt auch noch bestimmte Ansprüche an die betreffenden Menschen, wie etwa die Herkunft.
Dazu muss man auch die Geschichte des Nationalgedankens betrachten. Zunächst als positiver Motor von Revolutionen gegen den Absolutismus und andere autoritaristische Herrschaftsformen noch sinnvoll, brachte der Nationalismus im 20. und laufenden 21. Jahrhundert weitgehend nur noch Kriege mit sich, die auf der Verbohrtheit gegründet waren, die sich bei national denkenden Menschen in den Köpfen festsetzen kann.
Sicher muss für ein solches Handeln mehr erfüllt sein als der schlichte Glaube an einen Nationalstaat, sonst wäre der Glaube an Religionen oder Wirtschaftssysteme aufgrund der Geschichte genauso verurteilenswert. Im Gegensatz zu diesen Gedanken unterscheidet sich der Nationalismus aber in der Sache, dass er nicht von propagierenden Menschen missbraucht werden kann - er selbst ist die Propaganda.
Deswegen halte ich den Begriff "national" für gefährlich, wenn man sich in ihn zu sehr hineinsteigert und dies ist beim Nationalstolz m.E. durchaus gegeben.
Um zum "Stolz" zu kommen: Stolz bin ich auf mein selbst geschürftes Klondike-Gold, auf meine Relativitätstheorie, auf meine gute Leistung im letzten Fußballspiel, kurz: Auf Leistungen, die ich selbst erbracht habe. Im erweiterten Sinne sicherlich auch auf Taten nahestehender Personen bzw. auf jene selbst, auf ein Projekt, in das ich involviert bin (wie z.B. unser Verein), wie ich aber auf eine Nation stolz sein kann, erschließt sich mir beim besten Willen nicht.
Sicher, auch ich zahle später meine Steuern und lege meine Dienstkraft dadurch in die Hände dieses Landes, gehe wählen, aber macht mich das zu einem stolzen Bürger? Demnach müsste ich ja auch auf Fußgängerzonen oder Bahnhöfe stolz sein können.
Der Stolz ohne das "National" am Anfang ist wohl wesentlicher Grundbaustein des Patriotismus und da sehe ich ihn gar nicht mal so fehl am Platze. Bedingt durch die Erziehung wird es den meisten Menschen nämlich schwergemacht, sich nicht für irgendein Land in gewisser Weise und in gewissen Bereichen erfreuen zu können. Mittlerweile habe ich an mir selbst herausgefunden, dass ich eher Faszination für eine begeisterte, aber friedlebende und multikulturelle Masse empfinde als dass ich diese auf ein bestimmtes Land reduzieren würde. Ich finde den Patriotismus aber dennoch nachvollziehbar, weil er sich nicht zwingend auf Länder oder gar Nationen bezieht. Dort wiederum sehe ich ihn als Sprachrohr des Stolzes wie gesagt nicht angebracht, da ein Land eine viel zu große Dimension und eine viel zu geringe Möglichkeit zum Beitragen eines Verdienstes aufweist.
Insgesamt ist Nationalstolz für mich also ein Begriff, der in sich widersprüchlich und zudem auch noch verwerflich ist. Damit zu argumentieren, dass er in anderen Ländern auch verbreitet sei, macht die Sache für mich nicht besser, denn auch dort sind Vorbehalte gegen Migranten in den entsprechenden Köpfen, es wird Gewalt ausgeübt, das Ergebnis von Nationalstolz spiegelt sich auch bei den Wahlen wider. Tut es das nicht, wird er falsch definiert, denn Nationalstolz halte ich für etwas unumstößlich Degradierendes, wovon Angehörige anderer Kulturen dann betroffen sind. Meine Meinung dazu.