Ich lese gerade "Belfast, Eureka Street" Robert McLiam Wilson.
Der Roman spielt, wie es der Titel schon andeutet, überweigend in der Eureka Street in nordirischen Haupstadt Belfast, einem der Brennpunkte in der vom Nordirlandkonflikt und sozialen Mißständen gebeutelten Stadt.
Zwei Freunde um die 30, der Protestant Chuckie und der Katholik Jake, eine für die seinerzeitigen Vehältnisse in Belfast "verbotene" Konstellation, versuchen, das harte Leben in Belfast auf ihre ureigene Weise zu meistern. z.B. verkauft Chuckie für £ 9.99 nicht vorhandene Riesen-Dildos schickt statt der Ware seinen Kund(inn)en einen Brief mit der Mitteilung, dass die Riesen-Dildos ausverkauft sind und fügt stattdessen einen bei der Post einzulösenden Rückerstattungsschein bei, auf dem unübersehbar “Riesen-Dildo-Rückerstattung” steht, so daß kaum jemand diesen Schein einlöst und Chuckie das meiste Geld behalten kann. Jake hingegen fungiert mangels verfügbarer Alternativen als Handlanger eines Geldeintreibers, der überwiegend in den sozialen Brennpunkten tätig ist. Obwohl Jake köperlichen Auseinandersetzungen kaum aus dem Weg geht, wirft er diesen Job bald wieder hin, weil er das tagtäglich erlebte soziale Elend mit menschlichen Schicksalen nicht mehr ertragen kann.
Obwohl Jake und Chuckie unpolitisch sind und unter Freunden nicht zwischen Katholiken und Protestanten differenzieren (der Prostestant Chuckie hat sich sogar mit dem Papst abbilden lassen und das Bild zu Hause aufgehängt!), spielt der Nordirlandkonflikt in ihrem Leben natürlich eine Rolle, besonders ab dem Moment, wo Chuckies Mutter durch einen Terroranschlag einen Schock erleidet.
Der Roman "lebt" von seinen krassen Gegensätzen. Auf der einen Seite steht der Schrecken des Konfliktes zwischen Katholiken und Protestanten (der eher sozialer als religiöser Natur ist), der das Leben von Jake und Chukie prägt. Auf der anderen Seite trotzen Jake und Chuckie mit viel (typisch britischem) Humor diesem Umfeld, wobei sich der Autor (in diesem Fall zum Glück) vieler Klischees bedient: u.a. die Sehnsüchte nach nach bescheidenem Wohlstand, den Wünschen nach der menschlicher Nähe jeglicher Art oder abendliche Trinkgelage im Pub.
"Belfast, Eureka Street" ist ein sehr bewegendes Buch. Es bietet einerseits einen sehr guten Einblick über den Nordirlandkonflikt, ohne dabei belehrend zu wirken. Der Schrecken von sozialen Mißständen und "The Troubles" (so nennen die Nordiren den Konflikt) wird ungeschmikt widergespiegelt; die Schikanen und gegenseitigen Provokationen im Alltag, die Einteilung von Stadtvierteln, Kindergärten und Schulen nach Konfessionen, der schlechteren beruflichen Perspektiven für Katholiken, die Terroranschläge irischer Republikaner bzw. überzogene Maßnahmen der britischen Obrigkeit sind. Aber nicht zuletzt durch die Art und Weise, wie handelnden Protagonisten ihren Alltag in Belfast meistern, wird dieser Konflikt ad absurdum geführt: z.B. als der katholische Jake abends im Pub eine protestantische Kellnerin abschleppt, und dieser darufhin von ihrem Freund vermöbelt wird, was eine radikale irische Republikanerin als politischen Akt ansieht und daher den Vorfall irischen (Untegrund-)Organisationen meldet, mit denen der umploitsiche Jake gar nichts zu tun haben will.
Trotz des ernsten und detailliert geschilderten Hintergrunds (der Autor stammt selbst aus Belfast, was die Schilderung noch authentischer wirken läßt) und dem häufigen Wechsel zwischen beklemmenden und lustigen Momenten ist es kein mit viel Trübsal behafteter Roman, ganz im Gegenteil; denn wie die Protagonisten ihrem Alltag entgegentreten und wie sie diesen Widerständen trotzen sind die Gründe dafür, daß es eine wahre Freude ist, "Belfast, Eureka Street" zu lesen.