Kicker Nr. 42 / 21. Woche
18. Mai 2009
,,Es wäre die Krönung meiner Karriere
Am Mittwoch gehts für Werder Bremen im UEFA-Cup-Finale gegen den Ukrainischen Meister von 2008,
Schachtjor Donezk. Wir sprachen mit TORSTEN FRINGS (32), Nationalspieler und Antreiber im Mittelfeld,
über seine Gefühlslage vor dem Hit in Istanbul. Was bedeutet ihm dieses Endspiel ganz persönlich?
kicker: Wie oft waren Sie schon in
Istanbul, Herr Frings?
Torsten Frings (32): Einmal. Mit der
Nationalelf haben wir da gespielt
2005 unter Jürgen Klinsmann. Eine
Niederlage, ein 1:2, leider haben wir
also verloren.
kicker: Nun die Rückkehr in die türkische
Metropole mit Werder ist
dies für Sie das Größte?
Frings: Es ist halt ein Finale, immer
etwas ganz Besonderes in einer
Fußballer-Karriere. So oft steht man
nicht in einem Endspiel.
kicker: Die Chance Ihrer Laufbahn?
Frings: Sicherlich. Im Finale zu stehen
ist das eine, den Pott zu holen
das andere.
kicker: Das wievielte Finale auf internationaler
Ebene ist es für Sie?
Frings: Mit einem Klub das erste.
Dazu kommen noch das WM-Finale
2002 und das EM-Finale im vergangenen
Jahr.
Ich bin schon jemand, der von Thomas Schaaf öfter einen
abkriegt. Aber ich habe ihm alles zu verdanken.
kicker: Diese beiden Endspiele
haben Sie verloren. Sie spielten auch
für Dortmund und für den FC Bayern.
Doch Werder ist neben dem
Stammverein Aachen Ihr Klub . . .
Frings: . . . natürlich, Werder ist meine
Elf. Und Werder ist kein Verein, der
jedes Jahr die Chance hat, in ein
Europacup-Finale zu gelangen.
Diesen Titel mit Werder zu holen
wäre famos. Es wäre die Krönung
meiner Karriere.
kicker: Rückblende: Vor zehn Jahren,
als Thomas Schaaf kam, waren Sie
als einziger Profi aus der heutigen
Bremer Elf schon da. Schließt sich
auch für Sie ein Kreis?
Frings: Ich hoffe, dass es noch nicht
das Ende ist. Ich möchte mit einem
Trainer Schaaf noch einige Jahre
zusammenarbeiten. Klar freue ich
mich für Thomas. Werder hat ihm
viel zu verdanken.
kicker: UEFA-Cup-Finale in Istanbul,
DFB-Pokal-Finale in Berlin wie
groß ist Schaafs Anteil?
Frings: Riesig, Thomas treibt uns
jeden Tag an. Er lobt uns, wenn es
gut läuft. Er macht uns zur Sau,
wenn es schlecht läuft.
kicker: Sie haben ein besonderes
Verhältnis zum Coach. Tritt er auch
Ihnen in den Hintern?
Frings: Gerade mir! Ich bin schon
jemand, der von ihm öfter einen
abkriegt.
kicker: Und das können Sie ab?
Frings: Ja klar, es ist okay so. Er weiß,
wie ich ticke. Und ich weiß, wie er ist.
kicker: Duzen Sie sich mit Schaaf?
Frings: Ja, er hat mich nach Bremen
geholt. Ich habe ihm alles zu verdanken.
kicker: Was ist Schaafs Stärke?
Frings: Seine Ruhe, seine Gelassenheit.
Seit zehn Jahren arbeitet er
hier hoch konzentriert. Er ist für
alle Spieler immer da. Egal, welche
Probleme einer hat. Und er pfl egt
eine ganz besondere Art, offensiven
Fußball zu spielen, was Werder sehr
häufig perfekt umgesetzt hat.
kicker: Haben Sie verstanden, dass
von außen eine Trainer-Diskussion
entfacht worden ist?
Frings: Das ist doch immer so wenn
es nicht gut läuft. Wenn die Ergebnisse
nicht stimmen, dann wird
gezweifelt. Doch Thomas Schaaf
hat gelassen weitergearbeitet. Der
Erfolg gibt ihm recht.
kicker: Haben Sie auch mal an der
Werder-Elf gezweifelt?
Frings: Natürlich war auch ich nicht
zufrieden, gerade bei Niederlagen
gegen Mannschaften, die viel
schlechter sind als wir. Aber ich
wusste um unser Potenzial. Gezweifelt
habe ich zwischenzeitlich, was
die Einstellung einiger betrifft. Doch
wir haben einiges gutgemacht. Die
Elf hat einen guten Charakter.
kicker: Was war der Wendepunkt?
Ich habe das Gefühl, dass ich immer kritischer gesehen werde
als andere. Dies betrachte ich als Auszeichnung.
Frings: Wichtig war das Weiterkommen
in Mailand. Da haben wir
gesehen, was wir leisten können,
wenn wir an uns glauben. Von da
an ging es bergauf.
kicker: Was wissen Sie über Donezk?
Frings: Eine gute Mannschaft, offensivstark,
viele Brasilianer.
kicker: Haben Sie Spiele verfolgt?
Frings: Ja, die Partien in der Champions
League.
kicker: Hat das Trainerteam Sie
schon informiert über den Gegner?
Frings: Nein, das kommt erst noch.
Wir konzentrieren uns immer auf
die nächsten Aufgaben. Wer alle
drei Tage spielt, kann nicht Wochen
im Voraus denken.
kicker: Erst die Hamburger Festwochen,
zuletzt die verpatzte Generalprobe
gegen den KSC wie stark ist
Werder derzeit wirklich?
Frings: Wichtig ist, dass wir am
Mittwoch in Form sind. Wir müssen
Donezk mit Disziplin und auch
mit einer gewissen Härte begegnen,
so gerade den Individualisten aus
Brasilien die Lust nehmen.
kicker: Ist Werders Plus, in besonderen
Spielen punktgenau Topleistungen
abrufen zu können?
Frings: Zuletzt war es so. Aber nun
liegt das entscheidende Spiel erst
vor uns. In Istanbul müssen wir da
sein. Wir wollen den Pott holen.
kicker: Ohne Mertesacker, Diego und
Almeida. Wer fehlt am meisten?
Frings: Alle.
kicker: Özil kann die 10 spielen.
Wäre die Rolle für ihn eine zu hohe
Belastung?
Frings: Wir müssen als Mannschaft
funktionieren. Dann läuft es auch
bei Mesut.
kicker: Was halten Sie von der
Variante, im Mittelfeld statt der
berühmten Werder-Raute ein Quadrat
zu bilden, vorgeschoben Özil
und Frings?
Frings: Das entscheidet der Trainer.
kicker: Nachfrage: Wäre es eine gute
Variante?
Frings: Auf jeden Fall eine Option. Es
ist immer gut, wenn man fl exibel ist.
kicker: Wären Sie bereit, offensiver
zu agieren?
Frings: Ich denke, ich könnte dies
spielen. Doch ich will Thomas nicht
reinreden.
kicker: Erleben wir momentan den
besten Frings in dieser Saison?
Frings: Ich fühle mich gut, auch vom
Körper her. Ich bin wieder da. Alles
andere sollen andere beurteilen.
kicker: Wann hat sich dieses persönliche
Hochgefühl eingestellt?
Frings: Schon vor längerer Zeit. Klar,
ich habe ein schwaches Länderspiel
gemacht, doch insgesamt
lief die Rückrunde für mich ganz
gut. Ich habe das Gefühl, dass ich
immer kritischer gesehen werde
als andere. Dies betrachte ich als
Auszeichnung.
kicker: Zur Nationalelf und Ihren
Rivalen: Erst Rolfes und Hitzlsperger,
nun Kehl . . .
Frings: . . . das interessiert mich nicht.
kicker: Südafrika 2010 Ihr Ziel?
Frings: Weiß ich nicht. Es liegt ja
nicht an mir.
kicker: In Frankfurt saß der Bundestrainer
auf der Tribüne. Wussten Sie
dies, als Sie diese Gala-Partie mit
zwei Toren boten?
Frings: Nein. Ich muss niemandem
mehr etwas beweisen. Schon gar
nicht Joachim Löw. Der sollte wissen,
was ich kann, wenn ich fit bin.