@dkbs
Ich habe von Dir oft sehr kritische, aber stets konstruktive Töne gehört. Wieso teilst Du dann die Ansichten von tsubasa?
Auf ein, zwei Nenner gebracht:
- Weil ich zwar tatsächlich bezüglich der Spielweise Werders kritisch bin. Auch glaube ich nicht, dass Ergebnisse alles rechtfertigen. Aber bei aller Nachdenklichkeit finde ich, dass man immer berücksichtigen muss, dass die Kritik auf hohem Niveau stattfindet. Auch wenn die Situation im Moment in der Liga schlechter ist als in den Jahren zuvor.
Das, was Werder erreicht hat, spielt mir teilweise eine zu kleine Rolle, und das muss man berücksichtigen, sowohl zur Differenzierung, als auch um die Entwicklung bis heute zu verstehen.
- Außerdem bin ich vorsichtig damit, jetzt die "Steilvorlage
Platz in der unteren Tabellenhälfte" zu einer Generalkritik zu nutzen. Das wäre aus meiner Sicht zu einfach. Das Abschneiden Werders hat m.E. viele Gründe und einer davon ist die Spielweise bzw. das oft falsche (taktische) Verhalten auf dem Platz. Aber nur einer. Ich halte es letzten Endes auch für relativ normal, dass man in einem Zeitraum von 5 Jahren auch mal ein Jahr hat, wo die Ergebnisse signifikant schlechter sind als zuvor. So wie meiner Meinung nach in den (ein bis zwei) Jahren zuvor nicht alles Gold war, ist jetzt auch nicht alles gescheitert, weil Werder Zehnter oder so ist.
- Und weil ich die aufkommenden Beispiele Wolfsburg und Herha nicht so gut gewählt finde. Ich halte deren Erfolg nicht für Zufall. Aber man kann weder hier wie dort die Situation mit der Werders gleichsetzen: Wolfsburg hat jetzt das erste oder zweite Jahr (welches aber auch noch nicht mal zu Ende ist) Erfolg. Davor stand eine unheimlich kostenintensive Personalpolitik, die z.B. schonmal nicht als Vorbild für Werder dienen kann. Und: Am Anfang einer Erfolgssträhne ist logischerweise die Motivationssituation eine andere als nach 5 Jahren Erfolg.
Ähnliches gilt für Hertha. Die spielen sehr kompakt, mit viel Kontrolle, betont effizient. Also mit all dem, was Werder zuweilen fehlt. Aber um zu behaupten, dass Herthas (oder Wolfsburgs) Spielweise per se erfolgsträchtiger wäre als die Werders, bzw. dass Herha oder Wolfsburg Werder als Vorbild dienen sollten, ist mir das alles viel zu kurzfristig. Da müsste man gucken, wo Wolfsburg oder Hertha in 5 Jahren stehen. Bis jetzt ist es erstmal nur eine Saison, wo auch viel mit Euphorie geht.
International hat sich dann ja auch z.B. gezeigt, dass die beiden Vereine noch nicht so weit sind (und das, obwohl Werder selbst auch keine perfekte internationale Saison hat). Müssen sie ja auch nicht, sie sind ja gerade erst im Kommen, während Werder seit 5 Jahren oben steht.
- Außerdem finde ich, dass die letzten Spiele Werders durchaus Anlass zur Hoffnung geben. Ich fand z.B. nicht, dass das Hinspiel gegen St. Etienne so schlimm war. Ich habe in diesem Spiel genau wie in den vorhergehenden wie in den folgenden gegen Stuttgart oder jetzt im Rückspiel gegen St. Etienne eine Mannschaft gesehen, die um Kontrolle bemüht war und dies auch zum großen Teil durchgesetzt hat. So blöd es klingt, es liegt eben auch viel an Kleinigkeiten und ein Erfolgserlebnis kann da Sachen in Ordnung bringen, die vorher völlig brach lagen.
Dass damit nicht alle Probleme gelöst sein werden und Werder wahrscheinlich weiterhin eine gewisse Anfälligkeit für Defensivschwächen und Kontrollmangel haben wird, ist auch klar.
Letztlich glaube ich immer noch, dass das Werdersystem der letzten Jahre durchaus effektiv war, auch wenn es insgesamt nicht so wirkt, weil so viele Tore und Gegentore fallen, und auch wenn das in schlechten Phasen natürlich eine Schwäche des Systems ist.
Aber ich sehe seit langem keine andere Mannschaft, die im Schatten der Bayern mit vergleichbarem finanziellem Aufwand derartigen Erfolg gehabt hat und (zumindest international) auch bis heute noch hat.
Vielleicht ändert sich das jetzt, weil andere Mannschaften auch auf ein stringentes Konzept setzen. Dann muss man weitersehen. Aber Werder ist vor allem dadurch Doublesieger geworden, dass man viele andere Mannschaften ausgespielt hat. Die offensive Spielweise erlaubt es mehr als eine defensive "Die Null muss stehen"-Spielweise, zu agieren und auch nach einem Gegentor noch gewinnen zu können.
Dass diese Spielweise auch Schwächen hat, ist unstrittig. Aber man muss realistisch abwägen und Verbesserungen müssen realtistisch bleiben. Der Vergleich mit Bayerns Flexibilität ist da meiner Meinung nach nur bedingt tauglich. Vielmehr scheint es mir so, dass bisher weder Herha, noch Hoffenheim noch Wolfsburg bewiesen haben, dass man mit deren Fußball letztendlich weiter kommt bzw. dass sie auch umstellen können, wenn es mal nicht mehr wie von allein läuft.
Ich würde mir wie schon oft erwähnt wünschen, dass Werder auf dem Gebiet des (taktischen) Verhaltens auf dem Platz lernt und nicht alles in die Hände des eigenen Ballbesitzes und eines funktionierenden oder nicht funktionierenden Kombinationsspiels legt. Aber zum einen bin ich geduldig, weil ich zum anderen immer wieder Phasen sehe, wo Werder scheinbar oder anscheinend dazulernt. Die Spielweise der letzten Spiele seit Mailand zum Beispiel gefällt mir sehr. Und auch vorher war das Problem nicht unbedingt das Defensivverhalten, sondern dass insgesamt die Balance nicht stimmte, dass Fehler sofort zu Gegentoren führten, dass vorne einfach nicht getroffen wurde. Dass angesichts von schlechten Ergenissen dann auch die Ausrichtung irgendwann nicht mehr stimmt, ist logisch.
Ich bin aber auch skeptisch gegenüber Patentlösungen. Es ist ja z.B. so, dass Werders Gegner sich inzwischen sehr gut auf Werders Spielweise eingestellt haben und Werder das Leben schwer machen, indem sie hinten kompakt stehen und dann danach trachten, die entstehenden Räume auszunutzen. Und leider hat das in der jüngeren Vergangenheit auch zu oft geklappt.
Aber zum einen ist es auch eine Frage der Verfassung Werders, denn wenn alle unterwegs, flexibel und laufstark sind und bei gegnerischem Ballbesitz aufmerksam, dann kann Werder auch offensiv nach wie vor erfolgreich sein.
Zum anderen habe ich wie gesagt auch keine Patentlösung für die Beseitigung des Problems. Denn wenn ein Gegner überhaupt nicht angreifen will, kann man ihn auch nicht wirklich damit provozieren, dass man selbst auch nicht mehr angreift.
Auch muss man immer bedenken, dass es bei Änderungen a la "So kann es nicht weitergehen" nicht nur besser, sondern auch schlechter werden kann. Auch deshalb halte ich es für wichtig, immer den erreichten Status und die Erfolge der bisherigen Spielweise in Erinnerung zu behalten, bevor man alles aufgibt und es einfach alles anders macht.
Das heißt natürlich nicht, dass es ein blindes "Weiter so!" sein muss. Punktuellem Drehen an Stellschrauben bin ich immer aufgeschlossen und halte es auch für nötig, auch weil ich ja mehr oder weniger die gleichen Entwicklungen sehe wie du.
Aber man muss sich m.E. auch eine gewisse Gelassenheit, Geduld und vielleicht auch ein Bewusstsein dafür bewahren, dass nicht alles steuerbar ist und vieles eine Sache von Glück, Zufall oder spontanen Entwicklungen.
MFG dkbs