Gehen wir mal durch, was uns bei einem weiteren "dünneren" Jahr erwartet:
- die Verträge von Per Mertesacker und Tim Wiese würden nicht verlängert werden können und beide Spieler würden entweder gegen vergleichsweise kleineres Geld im Winter abgegeben, oder verlassen im Sommer den Verein ablösefrei. Gleiches gilt für Claudio Pizarro und Clemens Fritz, deren Verträge ebenfalls auslaufen.
- Die eingesparten Gehälter dieser vier Spieler, die sich zusammen auf ca. 12 Millionen Euro belaufen dürften, würden dem in diesem Fall deutlich größeren Sparzwang des kommenden Sommers zum Opfer fallen, was wiederum zur Folge hätte, dass beide Spieler nicht durch externe Neuzugänge ersetzt werden könnten.
- Neuzugänge wären nur dann zu finanzieren, wenn man weiteres Tafelsilber des Vereins veräußern würde. Abgänge von Marin und Naldo würden ebenso drohen, wie ein Abgang von Ekici, falls dieser einschlagen sollte.
- Der Imageschaden wäre immens, da man sich zumindest temporär aus dem Konzert der Großen verabschieden würde. Dieses würde sich selbstverständlich auch auf künftige Sponsoreneinnahmen niederschlagen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Werder nach dem angekündigten Rückzug der Targobank ins zweite Glied auf der Suche nach einem Hauptsponsor ist, dürfte eines dieser "dünneren" Jahre einen weiteren, immensen Schaden im wirtschaftlichen Bereich bedeuten, der sich ob der wahrscheinlichen Mittelfristigkeit eines neuen Sponsorenvertrags auf Jahre hin negativ auswirken wird.
- Die Fernsehgelder und Prämienzahlungen seitens der Liga würden deutlich niedriger ausfallen, was den finanziellen Spielraum weiter einschränkt.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass Schaaf und Allofs angesichts einer gewissen Perspektivlosigkeit und dem unumgänglichen Fakt, dass auch sie Gehaltseinbußen in Kauf nehmen müssten, von sich aus die Bereitschaft vermissen lassen, ihre Verträge zu verlängern, falls die Hinrunde enttäuschend verläuft, wäre durchaus gegeben, was in der Rückrunde eine Menge Unruhe in den Verein bringen könnte, vor allem aber Planungen für die neue Saison lahmlegen würde.
Sicherlich, einige dieser Punkte kann man durchaus vernachlässigen. Mit etwas Glück könnte man Mertesacker und Wiese durch das vorhandene Personal halbwegs gleichwertig ersetzen, indem man den durchaus talentierten Sebastian Mielitz ins Tor stellt und mit Sokratis Papastathopoulos einen Glücksgriff gelandet hat. Clemens Fritz könnte man angesichts seiner seit der Euro 2008 gezeigten Leistungen sicherlich ohne großen Leistungsverlust kostengünstiger ersetzen und die drohenden Abgänge von Marin, Naldo oder Ekici könnte man möglicherweise verhindern, wenn man es schafft, ihnen eine Perspektive zu eröffnen. Hierzu müsste aber eine sportliche Leitung vorhanden sein, die das Vertrauen von Fans, Umfeld und vor allem Aufsichtsrat uneingeschränkt genießt. Ob das bei Allofs und Schaaf nach einem weiteren schwachen Jahr noch der Fall wäre, darf bezweifelt werden - und wann wer als Nachfolger vorgestellt werden könnte, stünde im Falle ihrer Demission völlig in den Sternen.
Die wirtschaftlichen Einbußen aus Sponsoren-, TV- und Prämienzahlungen jedoch würde man nicht problemlos ausgleichen können, wie man auch mit einem Abgang von Claudio Pizarro extreme Probleme hätte, schließlich sind es gerade Stürmer, die teuer sind - zumal Pizarro so etwas wie eine Lebensversicherung für Werder darstellt.
Nach Abwägung aller genannten Punkte, komme ich zu dem Schluss, dass wir es uns nicht erlauben können, eine weitere schwache Saison zu spielen, ohne einen jahrelangen Konsolidierungsprozess mit rapide heruntergeschraubten Erwartungen und vielen Unwägbarkeiten in Kauf nehmen zu müssen.
Dass der Verein das offenbar genauso sieht und einen durchaus als Kraftakt zu bezeichnenden Kurs in Form der Verpflichtungen von Papastathopoulos und Ignjovski fährt, stimmt mich allerdings positiv, dass man den Ernst der Lage erkannt hat.
Was ich allerdings nicht ganz verstehe, ist die Nibelungentreue einiger hier zu Thomas Schaaf und Klaus Allofs. Natürlich stehen sie gemeinsam mit Jürgen L. Born federführend für den seit 1999 erlebten Höhenflug des SV Werder, allerdings sind sie es auch -und Jürgen Born darf man da getrost ausklammern-, die für den seit spätestens 2008 schleichend stattfindenden Niedergang verantwortlich zeichnen und den Club in eine Situation zu bringen drohen, die relativ betrachtet wahrscheinlich sogar weitaus schlechter sein dürfte, als die Situation, in der man sich 1999 befand.
Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er die Entwicklung der letzten Jahre bewertet, aber das Vertrauen in Thomas Schaaf und Klaus Allofs ist zumindest bei mir nur noch minimal existent, zumal von ihnen nicht einmal kämpferische Signale zu empfangen sind, sondern eher für den Worst-Case vorgebaut wird.
Sollte die von Allofs und Schaaf zusammengestellte Mannschaft neuerlich floppen, wäre ein riesiger Umbruch unabdingbar, ob man es will oder nicht. Dieser Umbruch sollte dann allerdings ohne Schaaf und Allofs stattfinden, weil sie allerspätestens zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Arbeit gescheitert wären.
Die angesprochenen 10 Spiele erachte ich in diesem Zusammenhang im Übrigen als zu großzügig. Nach fünf Spielen muss man wissen, wo die Reise hingehen kann. Holt man aus den Spielen gegen Kaiserslautern, Leverkusen, Freiburg, Hoffenheim und den HSV nicht mindestens 10 Punkte, steht uns eine verdammt schwere Zukunft bevor - und die Startbilanzen von Thomas Schaaf, die mit Ausnahme von 2003/04 eigentlich immer relativ schwach waren, lassen eher darauf schließen, dass wir auch in dieser Saison in den Startlöchern hängen bleiben.