Sie mag keine überragenden Qualitäten haben. Sie ist aber auch nicht so schlecht, wie gestern zu begutachten war. Dafür muss es Erklärungsansätze geben.
Natürlich gibt es die. Ich versuch`s mal.
Die Kernfrage, um die sich dieser und andere Threads permanent drehen, ist doch die nach der großen Wundertüte Werder.
Zunächst einmal hat @Werder-Oldie einen hochinteressanten Punkt aufgegriffen, auch wenn ich seiner Schlussfolgerung nicht ganz zustimmen kann. Nämlich den der "neuen" Spielergeneration und ihrer Identifikation mit dem Job als solchen. Dass jedes Spiel und jeder Gegner ein anderer ist, die Tagesform ständig eine andere, mag alles sein. Dann gelingt eben der ein oder andere einfache Pass nicht, dann kommst Du schlecht in die Zweikämpfe, antizipierst hin und wieder falsch. Aber dass ich weiß, wie ich mich im Zweikampf stellen muss, dass ich weiss, wie ein solider, sauberer Pass und vor allem wann und wohin der zu spielen ist, dass ich die richtigen Laufwege wähle und die korrekten Abstände zu den Mitspielern halte, das alles hat etwas mit fussballerischen Grundtugenden zu tun, die erlernbar sind.
Unsere Mannschaft kultiviert aber seit Jahren das genaue Gegenteil, sie macht im Wesentlichen die immer gleichen Fehler. Raumaufteilung und Staffelung stimmen nicht, so wird man auswärts billig ausgekontert, genaues und flüssiges Passspiel funktioniert nicht, stattdessen verlässt sich das Gros des Teams auf Einzelaktionen oder den langen, hohen Ball. Mangelndes gegenseitiges Helfen, rechtzeitiges Attackieren oder zumindest Zustellen eines Gegenspielers, wenn der Nebenmann mal zu spät kommt. Diese Symptome tauchen auf sehr verlässliche Weise immer und immer wieder auf. Das Spiel in Köln war praktisch die Kopie des Spiels in Gladbach voriges Jahr zur gleichen Zeit. Das 0:6 in Stuttgart die Kopie der 3:6 oder 1:4-Pleiten der Jahre vorher dort. Das 0:4 auf Schalke kam auf ähnlich Weise wie so oft in den Vorjahren an gleicher Stelle zustande. Der Unterschied: Wir schießen keine Tore mehr. Was deutlich darauf hinweist, dass das "sich-Verlassen auf individuelle Klasse" nach dem Motto: es wird schon reichen der vergangenen Jahre ein schwerer Fehler war.
Und das hat nichts mit Laufbereitschaft, Konzentration auf den Punkt usw. zu tun (auch wenn @Bremen das gebetsmühlenartig wiederholt

) sondern mit grundsätzlichem Willen und Bereitschaft jedes Einzelnen, an den eigenen Defiziten zu arbeiten. Doch die meisten Fußballer sind heutzutage scheinbar überhaupt nicht mehr bereit, sich konstruktiv und ausreichend selbstkritisch mit dem, was sie tun, auseinanderzusetzen. Sondern spulen ein uninspiriertes Pensum ab.
Da das also alles überbezahlte, verwöhnte, unreife Burschen mit ungesunder Berufsauffassung sind, stellt sich die entscheidende Frage, WIE es ihnen beigebracht werden kann. Ich sehe mehrere Gründe, warum das Werder seit geraumer Zeit nicht mehr schafft.
Einer ist die vielzitierte Zusammensetzung des Kaders. Werders wirtschaftliche Zwänge sehen nun einmal vor, junge Spieler weiterzuentwickeln, um diese gewinnbringend verkaufen zu können. So wurde die Basis an Talenten (Prödl, Hunt, Marin, Schmidt, Kroos, Bargfrede, Arnautovic, Wesley) zwar geschaffen. Aber die "Routinierten", namentlich Wiese, Frings, Pasanen, Boro, Fritz, Jensen, Silvestre sind alles keine Führungsspieler mit der nötigen fussballerischen Intelligenz, die den Jungen auf dem Platz Orientierung geben könnten. Wenn ein Bargfrede sieht, wie ein Frings neben ihm im Pressing des Gegners noch mehr untergeht, als er selbst, wenn ein Hunt, der sich als ZM defensiv/offensiv entwickeln soll, sieht, wie ein Frings außerstande ist, die rechte Mischung im Umschaltspiel zu finden, Boro/Jensen/Fritz/Silvestre gar nicht oder zu spät in die Zweikämpfe kommen. Wenn die jungen Spieler sehen, wie unser Torhüter dauernd die Bälle ziellos lang bolzt oder die Abwürfe sinnlos verzögert, bis die Räume zu sind. Mertesacker hätte die Intelligenz, ist aber a) von der Mentalität her alles andere als eine Führungsfigur und befindet sich b) in einer veritablen, anhaltenden Formkrise. In Summe sind das alles keine Spieler, die einem talentierten Haufen den nötigen Halt geben können. Der einzige, der so eine Rolle auszufüllen inder Lage wäre, ist Pizarro und der war ständig verletzt.
Hier wurden mindestens in der Transferpolitik eklatante Fehler gemacht, als diejenigen, die das einst verkörperten wie Krstajic, Micoud, Ernst, Lisztes, Klasnic und zuletzt Baumann, nach und nach von Bord gingen und, was das angeht keinerlei gleichwertiger Ersatz verpflichtet wurde.
Rehhagel war cleverer. Er holte erfahrene Strategen (Fichtel, Pezzey) und abgezockte Schlitzohre (Burgsmüller, Kostedde, Allofs selbst) dazu oder setzte besonders auf solche Typen (Kutzop, Eilts, Votava) die für die nötige Stabilität im Team sorgten und den jüngeren Spielern die Erfordernisse erfolgreichen Spiels beibrachten. So waren die Grundlagen aus Passgenauigkeit und Raumaufteilung selten das Problem. Rehhagel hätte auch nicht gezögert und sofort versucht, Spieler wie van Bommel, Jones oder Peer Kluge, die plötzlich auf dem Markt waren, nach Bremen zu holen. Abgesehen davon weiss ich nicht, ob es für Werder seinerzeit möglich gewesen wäre, z. Bsp. die Bender-Zwillinge hierher zu holen.
Um mit einer Mannschaft in dieser Zusammensetzung, wie wir sie derzeit haben, erfolgreicher zu sein, braucht es klarste Anweisungen die unabdingbar einzuhalten sind, wie defensive Stabilität um jeden Preis, Algorithmen des einfachen Spiels, konzentrierten Systemfußball und konsequente Gegnerorientierung.
Womit wir beim nächsten Grund sind, den ich für die derzeitigen Misere sehe: Kann das unser Trainerstab vermitteln? Wenn Werder in der ersten Halbzeit in Köln 65% Ballbesitz hat, aber keinen Torschuss zustande bringt und stattdessen einige Kontergelegenheiten zulässt, spricht es - wiedermal – dagegen. So haben wir einen Trainer mit einer Fussball-Philosophie, die Spielern Raum für eigene Entscheidungen gibt, womit diese aber mangels Spielintelligenz nicht viel anfangen können. Eine gefährliche Mischung und ich bezweifle, dass wir mit dieser Art Fußballromantik im Verbund mit diesem Team im Abstiegskampf bestehen können. Ziel muss sein, diese Saison irgendwie schadlos zu überstehen und dann Schaaf eine Mannschaft zur Verfügung zu stellen, die für ihn auch wieder trainierbar wird.
Einen weiteren Grund für die derzeitigen Schwierigkeiten Werder` s sehe ich in der generellen Veränderung des Fussballs. Es geht immer mehr um oben genannte Dinge, um klare Struktur, aufbauend auf defensive Sicherheit, Schnelligkeit und Übersicht sowohl im Umkehrspiel nach Balleroberung als auch im Antizipieren von Situationen. Die Bedeutung des Teams ist noch wichtiger geworden. So wie Werder 2007/2008 spielte, würden wir heute nie und nimmer Zweiter werden. Da wurde ein Stück weit die Entwicklung verpasst. Auch und gerade in diesem Kontext stört die immer wiederkehrende Mär von der angeblichen "Schlüsselposition des Spielmachers", die ich für grandios überschätzt halte. Werder hat seit 5 Jahren keinen Spielmacher mehr, Dortmund, Leverkusen, Freiburg, Mainz, selbst die Bayern haben keinen Spielmacher. Jedenfalls nicht die Art "Spielmacher" die einigen hier offenbar vorschwebt. Der Fussball hat sich dahingehend längst elementar verändert.
Aber so sehen wir logischerweise Woche für Woche eine Mannschaft, die sich als Wundertüte präsentiert, abhängig von wenig eigenen Ausfällen, Spielverlauf und Gegner zwar punkten kann, aber spätestens nach einem Rückstand regelmäßig hilflos wirkt.