@Karlotto:
Ich glaube wirklich, dass wir uns nach der 5. CL-Tailnahme das Underdog-Image mal langsam abschminken können. Natürlich haben wir kein Abo, wer hat das schon. Aber es ist albern zu sagen, dass es keinerlei Ansprüche in diese Richtung gibt und wir immer mit dem Ziel "internationales Geschäft, inkl. UI-Cup" in unsere Saisons gehen. KATS formulieren die Ansprüche zwar immer etwas offen und bedächtig, aber Meisterschaft und CL SIND unsere Saisonziele. Das bedeutet aber auch einen entsprechenden Ergebniszwang und -erwartung im Verein und im Umfeld, zu dem wohlgemerkt auch schon lange nicht mehr nur Kreiszeitung und Weserkurier gehören. Ich denke zwar das EINE verkorkste Saison nicht reicht um das Grundvertrauen im Verein in TS zu erschüttern, aber solche Szenarien sind nicht völlig haltlos, vor allem wenn man eine gewisse Eigendynamik solcher Geschichten einkalkuliert.
Das Problem allein ist dies aber nicht. Ich sehe unser größtes Problem in unserer seit fast 2 Jahren nahezu unveränderten Personalstruktur im kompletten Kader, was auch unsere etablierten Stars mit einbezieht. Werder Bremen lebte jahrelang davon eine gewisse Dynamik im Kader aufrechtzuerhalten, in dem man rechtzeitig fertig entwickelte Spieler, die den nächsten Schritt tun wollten, gegen gutes Geld abgab, um neue hungrige Spieler dazu holte, die man neu aufbauen konnte und die auch Thomas Schaaf neu formen konnte. In den letzten Jahren ist diese Philosophie ein Stück weit verschütt gegangen, da man bewusst einige Spieler langfritig gebunden hat, die widerum Plätze blockieren und somit neuen Impulsen im Wege stehen. Mit frischem Personal, würde auch Schaaf sicherlich seine Ideen besser umsetzen können, da junge Spieler i.d.R. lernbereiter als alte Hasen sind, die schon seit Jahren die gleichen Sprüche Tag aus, tag ein, ertragen müssen.
Genau hier und nicht in den offensichtlichen, auf dem Platz zu besichtigenden Problemen liegt auch nach meiner Auffassung der Hase im Pfeffer. Allerdings sehe ich es schon von einer anderen Warte aus, einem etwas kritischeren Blick auf Schaafs Arbeit nämlich.
Ich teile grundsätzlich deine Analyse, allerdings wenn man das so sieht, stellt sich automatisch die Frage, ob TS diese Dynamik durch Wechsel braucht, weil er selbst sie nicht entwickeln kann? Der Eindruck den man hat, ist doch, dass diese Truppe sich zu großen Teilen auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruht, sich für ein Spitzenteam hält, dem die Punkte quasi in den Schoß fallen. Und hier habe ich das Gefühl, dass TS sozusagen den nächsten Schritt als Trainer machen muss, nämlich einen solch hochgezüchteten Kader bei Laune und Leistungsbereit zu halten. Ich sage nicht, dass es leicht ist, mit hungrigen, verkannten Spielern etwas aufzubauen, aber es ist sicher einfacher. Weil grade in der Konstellation seit '99 sowohl Trainer, als auch die Spieler was zu beweisen hatten. Grade die Spieler, solche wie Micoud, Baumann, Davala, Klasnic, Ismael wollten doch beweisen, dass sie besser als ihr Ruf sind. Spieler dieser Art, haben einen ganz anderen "Punch", wollen den Erfolg ganz anders.
Wer sich den Kader heute anschaut, bekommt ein Gefühl, dass hier nicht der Ehrgeiz als Mannschaft unbedingt etwas zu erreichen moderiert und kanalisiert werden muss. Es scheint tatsächlich (inzwischen) so zu sein, wie Baumann es angedeutet hat, dass nicht wenige ganz zufrieden sind und sich für mehr nicht anstrengen wollen. Jensen, Rosenberg, Hunt, Fritz, Naldo, sogar ein Diego sind doch alle fein raus. Vielleicht kein Wunder, dass ein Spieler mit einem Ruf wie Özil so aufdreht und sich zeigt.
Ich sehe jedenfalls bei Motivation und Einsatz sehr wohl Trainer und Manager in der Verantwortung. Ich glaube nicht, das TS im fussballerischen, taktischen Bereich große Fehler macht, oder Defizite hat. Aber ich habe schon das Gefühl, dass er im Moment große Probleme im Umgang mit diesem Kader und der darin grassierenden Unlust hat.
Es gibt in meinen Augen drei Möglichkeiten da mit Schaaf raus zu kommen:
1. Entweder Schaaf erfindet sich als Trainer neu und bekommt diesen Kader auf Trab, was allerdings auf eine ähnliche Stratgie wie bei Klinsmann und Löw hinausläuft. Nicht zwingend so radikal, oder destabilisierend, aber deutlich mehr Reizpunkte, mehr Konsequenzen bei schlechter Form, mehr pushen der Backups. Weniger "Treue", weniger "wohlfühlen", weniger "harmonisch", dafür mit "auch mal jemand aussortieren". Ob Schaaf (den ich nicht für eine Weichflöte halte) das drauf hat, bzw. ob das seine Philosophie ist oder sein kann, weiß ich nicht. Jedenfalls ist die Zeit des "etwas aufbauen" mit diesem Kader vorbei.
2. Die andere Variante ist das was 666_Werder ansprach, nämlich die Dynamik durch Transfers wieder in Gang zu bringen und möglichst auf sehr hungrige Spieler zu bauen, so wie in KATS Anfangsphase. DAS hat Schaaf wirklich drauf, inkl. des "Teambuildings" mit solchen Typen. DAS würde allerdings einen harten Schnitt ohne Erfolgsgarantie bedeuten, der einen nicht unwesentlichen, wirtschaftlich potenten Teil der in den vergangenen Jahren gewonnen Klientel vergrätzen könnte. Was die Geschäftsführung nicht unbedingt riskieren möchte, denn dafür sind wir zu weit gekommen auf dem Weg nach oben. Die Marke Werder hängt eben auch am (relativ) großen Erfolg der vergangen Jahre.
3. Möglich wäre auch eine Kombination aus 1. und 2. Dafür würde ich aber immer noch voraussetzen, dass auch der Trainer sich weiterentwickelt und lernt mit einem Gerüst aus fertigen Spielern und "Stars" umzugehen. Und Klausi müsste seinen Passat mal wieder auftanken und sich auf die Socken machen und all die verkannten Genies, verknacksten Typen und großen Talenten finden, deren Potential Schaaf so schön in der Lage ist sich auf dem Platz entfalten zu lassen. Beide müssten aber auch dazu über gehen, als untauglich erkannte Spieler schneller auszusortieren und zu ersetzen. Und das hiesse nicht nur wegen spielerischer Mängel, sondern auch und grade bei Motivation und Leistungsbereitschaft keine Abstriche mehr hinzunehmen.
Aber wirklich relevant sind die von mir beschriebenen Dinge nur, wenn man weiterhin wirklich ganz oben mitspielen will und die formulierten Ziele auch weiterhin haben und erreichen will. Ist das nicht gewünscht, wird man mit einer vermurksten Saison gut leben können und auch mit magereren Jahren im oberen Mittelfeld noch leben können.
Ich für meinen Teil möchte aber den Erfolg, weil ich weiß, dass dieser Kader und dieser Trainer das drauf haben. Aber dafür erwarte ich auch, dass man was tut und dass man den Sieges- und Spielwillen auch auf dem Platz spürt. In jedem Spiel! Daran muss der Trainer mit den Spilern arbeiten und ich bin sicher, dann kommen defensive Stabilität und Konstanz in der Punkteausbeute von ganz alleine.