Ich habe mir in der letzten Zeit viele Gedanken rund um die ganze Diskussion um Stimmung, Stehplätze, Pyro und Strafen gemacht und bin für mich zu folgendem Ergebnis gekommen:
1. Sitz- vs. Stehplätze
Meine Fußballleidenschaft besteht aus 2 Säulen.
Erstens: Fußball ist ein so toller Sport und ich liebe das Spiel. Dazu sind Fußballspiele die perfekte Unterhaltung (bzw. können es sein). Wenn Werder spielt, dann spielen natürlich auch noch andere Emotionen eine Rolle, aber auch ansonsten schaue ich mir einfach gerne Spiele an. Um das Spiel zu sehen, muss man allerdings heute nicht mehr ins Stadion gehen, sondern das geht inzwischen ja auch bequem von zu Hause aus. Man fiebert und leidet mit und will, dass sein Team gewinnt. Das ganze Drumherum um das Spielfeld(Gesänge etc.) nehme ich im TV meistens nicht so richtig wahr. Deswegen glaube ich, dass es im Fernsehen keinen so großen Unterschied macht, ob es nur Sitzplätze gibt oder nicht. Die Stimmung ist zwar schlechter, aber dann werden einfach die Außenmikros empfindlicher eingestellt und man hat trotzdem noch den "Stadionsound".
Zweitens: Ich liebe/lebe Fußball live im Stadion. Wenn ich ins Stadion fahre (meistens auswärts), spielen neben dem eigentlichen Spiel auf einmal ganz andere Dinge eine wesentlich größere Rolle. Aufgrund meiner geografischen Lage sind die meisten Spiele ganze Tagesreisen. Sprich Anreise, der Einlass ins Stadion, das Warten im Block, Aufwärmen der Spieler, Halbzeitprogramm und Abreise nehmen einen Großteil der Zeit in Anspruch. Und wofür das alles? Für ~90 Minuten Gänsehaut im Block. Mir macht es unglaublich viel Spaß mit 1000ten von anderen Werderfans mitzufiebern, feiern, hüpfen, singen, tanzen, schwitzen, leiden, motzen, jubeln (und und und). Diese geballte Ladung von Emotionen hat man meiner Meinung nach eben nur in einem Stehplatzblock. Sollte dieser abgeschafft werden, dann würde diese 2. Säule meiner Fußballleidenschaft zerbrechen und damit auch eines meiner wichtigsten Hobbys sterben. Ich würde wahrscheinlich immer noch hin und wieder ins Stadion gehen, aber eben nur noch zu Spielen die sich wirklich anbieten und weniger meinen Kalender nach der Bundesliga planen.
Pyro und Fankultur
Pyro ist das Thema, welches im Moment wahrscheinlich am heftigsten in den Medien diskutiert wird, vermutlich weil es auch das sichtbarste Zeichen der aktiven Fankultur ist. Auch meine Meinung zu dem Thema ist ziemlich kontrovers. Erst einmal finde ich schade, dass häufig Pyro nach wie vor mit Gewalt gleichgesetzt wird. Zumindest hatte ich bis jetzt noch nie den Eindruck, dass bei den Spielen bei denen ich war und Pyro gezündet wurde, das gemacht wurde um Ausdrücken zu wollen, was für ein brutaler Mob man ist und kurz davor steht auf das Spielfeld zu stürmen um alle ins Krankenhaus zu prügeln (mag bei anderen Fankulturen anderes sein). Sondern da lasse ich schon das Argument des optischen Stilmittels gelten um die Stimmung anzuheizen. ALLERDINGS egal wie hübsch Pyro aussehen mag und wie gut es evtl. für die Stimmung sein kann, es ist einfach soooo gefährlich das Zeug in Mitten von Menschenmassen zu zünden. Deswegen hat es nichts in einem Stadion zu suchen PUNKT AUS. Aber so wie ich das sehe, ist es mit der Pyro inzwischen mehr wie ein Katz und Maus spiel zwischen verschieden Gruppen und den Verantwortlichen/Staatsmacht. Es geht wohl für die Gruppen auch viel darum ihre Stärke/Männlichkeit zu demonstrieren und weniger darum die Stimmung zu fördern. Das Problem ist, solange es kein umdenken innerhalb der organisierten Fanszene gibt (dafür muss wohl erst einmal was krasses passieren), bzw. es eine Möglichkeit gibt das Zeug am Eingang effektiv abzufangen (Spürhunde?) oder sich die Normalo-Fans im eigenen Block gegen das abrennen von Pyro solidarisieren, wird es wohl beim status quo bleiben - bis eben was schlimmes passiert

.
Über die Strafen die jetzt diskutiert werden, fällt es mir am schwersten eine Meinung zu bilden. Ich sehe es ein, dass es so wie im Moment nicht weitergehen kann. Ich habe das Gefühl, dass es in vielen Szenen nicht mehr um Fußball und seinen Verein geht, sondern nur noch um die Gruppe und das eigene Ding. Denen scheint es egal zu sein, in welcher Liga ihr Verein spielt, sondern Fußball wird als Möglichkeit missbraucht um sich in einem scheinbar rechtsfreien Raum auszuleben und das kann einfach nicht sein. Damit meine ich explizit NICHT Ultras oder wen auch immer, sondern die Idioten, denen der Sport egal ist und nur zum "feiern" mitfahren.
Das unfaire ist ja auch, dass ein Großteil der Fanszenen absolut friedlich und vorbildlich sind und einfach ein paar wenige alles zerstören.
Was man dagegen tun kann, ist eben die große Frage. Abschaffung der Stehplätze würde die Vorzeigeligen (1+2 Bundesliga) sicherlich beruhigen, allerdings würde man damit wieder hauptsächlich Leute treffen, die überhaupt nichts für die Problematik können. Außerdem würde man damit das Problem wohl nur in die unteren Ligen verschieben und damit weg von der Öffentlichkeit, was ich noch schlimmer fände.
Personalisierte Tickets bringt meiner Meinung nach nicht viel, da eine effektive Umsetzung wohl nicht machbar wäre.
Am sinnvollsten wäre es wohl viel mehr Geld in Fanbetreung und Projekte zu investieren. Das ist zwar teuer und der Erfolg zeigt sich wohl auch nicht sofort, allerdings ist Kommunikation einfach am wichtigsten, weil ein Umdenken kann nur innerhalb der Szenen stattfinden und mit mehr Repression erreicht man vermutlich nur das Gegenteil oder verlagert das Problem in die unteren Ligen.... Wir als Fans haben es in der Hand, es muss sich nur jeder seiner Verantwortung bewusst sein!