Diese langjährige Kontinuität darf aber kein Argument sein, an dieser Bindung festzuhalten, wenn eine oder beiden Seiten der Ansicht sind, daß es keine gemeinsame Perspektive mehr gibt.
Für mich stellen sich eher andere Fragen, z. Bsp. ob eine oder beide Seiten diese "gemeinsame Perspektive" als solche richtig einschätzen oder ob die Vorraussetzungen für diese "gemeinsame Perspektive" derzeit überhaupt noch gegeben sind.
Das Interessanteste am Trainertyp Schaaf ist für mich, dass er meinen Beobachtungen der letzten elf Jahre zufolge eine komplett andere Sicht vertritt von der Förderung der Spieler und - im Kontext eines Mannschaftsgefüges - als der grosse Rest der BL-Trainer. Er überträgt mehr Verantwortung auf die Protagonisten in der Hoffnung, dass diese sich selbst verwirklichen können und auch verstehen, warum sie das sollen und müssen. Daher liegt Schaaf`s Stärke nicht unbedingt darin, Spieler weiterzuentwickeln, dafür aber darin, bereits vorhandenes, jedoch schlummerndes Potential aus diesen herauszuholen. So ist es dann immer schön zu sehen, wenn Spieler, weil sie gewisse Freiheiten bekommen, bei Werder auch ihr ganzes Können zeigen. Mein Eindruck, der sich in den vergangenen vier, fünf Jahren nochmal verfestigt hat, dass Schaaf überzeugt davon ist, nur auf diese Weise langfristig erfolgreich sein zu können. Im Grunde richtig, denn die Methodik der Verteilung von Verantwortung auf die Spieler hat logischerweise einen wesentlich geringeren und langsamer fortschreitenden Abnutzungsfaktor. Der Nachteil des Ganzen ist aber, dass die Spieler davon gehe ich mal aus zwar einen klaren taktischen Handlungsrahmen vorgegeben kriegen, diesen aber nur insoweit einhalten müssen, wie sie selbst denken.
Dies setzt aber ein ausgewogenes Maß an Spielintelligenz in der Summe aller Akteure auf dem Rasen voraus. Entsteht hier eine Schieflage, zeigt sich genau dann die volle Breitseite der Schwächen von Schaaf`s Herangehensweise. So hatten wir früher mit Spielern wie Krstajic, Ernst, Micoud, Baumann und Klasnic gleich mehrere Akteure mit hohem Spielverständnis und nötigem Intellekt auf dem Platz, die etwas mit diesen Freiheiten anzufangen wussten, weil sie ein Spiel lesen konnten und somit die nötige Cleverness, Ruhe und Abgeklärtheit hatten. Sie passten exakt zur Schaaf`schen Maxime. Heute hast Du, wenn sie alle an Bord sind, mit Wesley, Bargfrede, Hunt, Frings eine Reihe von Spielern auf dem Rasen, die alle gut kicken, ggflls. auch kämpfen und laufen können, aber nicht in der Lage bzw. ungeschult sind, auf die notwendigen Abstände zu achten, die richtigen Laufwege zu gehen, im Gesamtverhalten sich korrekt gegen den Ball zu stellen, abzusichern, zu helfen. Eben zu wissen, wann, wie und wo es auf dem Platz um die wichtigen, entscheidenden Dinge geht. Wesley, Bargfrede, Hunt, Frings oder Arnautovic sind nicht die schlechteren, insgesamt eher noch die besseren Fussballer als Krstajic, Ernst, Micoud, Baumann und Klasnic. Der wesentliche Unterschied liegt aber darin, dass Krstajic, Ernst, Micoud, Baumann und Klasnic die erheblich schlaueren Spieler waren. Am eklatantesten schlägt sich das im Mf nieder. Wo wir früher ein kongeniales Trio Baumann-Ernst-Micoud hatten, die allesamt extrem spielintelligent waren, denen Schaaf nicht klar sagen musste, was sie zu tun hatten, sondern die auch ohne dem wussten und verstanden, was TS wollte, haben wir momentan keinen Einzigen, der auch nur im Ansatz an einen von den dreien rankommt.
Die Wesley` s und Arnautovic`s, Hunt`s und Marin`s wären mMn echte Granaten, wenn sie in einer Mannschaft spielen würden, in der ein paar andere für die nötige Struktur sorgen. Da das fehlt, haben wir heuer eine Ansammlung durchaus hochbegabter Individualisten, die nicht zusammenpassen, weil die Mischung nicht stimmt. Bei einem Trainer, bei dem zur Umsetzung seines Theorems genau das Vorrausetzung sein muss. Das Resultat ist ein wirres Durcheinander auf dem Platz, ein Chaos an fehlender Ordnung und Organisation. Was sich besonders dann wie ein Boomerang in hohen Pleiten niederschlägt, wenn die individuelle Klasse und die Chancenverwertung allein nicht die Mängel in Spielentwicklung und taktischer Schulung ausgleichen.
Für eine weniger spielintelligente Truppe ist die "Philosophie Schaaf" die falsche, weil eine solche Mannschaft klarere Vorgaben und Richtlinien benötigt, deren Einhaltung oberste Maxime sein muss. Da nutzt die Hoffnung, dass die Jungs viele Dinge auf dem Platz selbst regeln, nicht viel. Schaaf ist ein Fussball-Romantiker, Pragmatismus liegt ihm fern. Die derzeitige Mannschaft benötigt aber einen pragmatischen Coach wie Mourinho, van Gaal oder Magath, die Spieler so lange biegen, bis sie das machen, was sie wollen. Das Problem ist auch nicht, dass Schaaf ein Team nicht taktisch einstellen kann, dem steht ja entgegen, dass er in einzelnen oder mal über drei, vier Spiele exakt das Gegenteil beweist. Das Problem ist, dass er dazu grundlegend seine Philosophie überdenken müsste. Letztlich aber ein Trend, der sich seit Jahren abzeichnet, nur erst diese Saison ausufert. In der vergangenen Spielzeit zeigte sich während der 5-Niederlagen-und-7-sieglos-Spiele-Serie ganz krass, wie sehr dem Team ein Typ der Marke Baumann fehlte ein strategisch denkender Kopf in dieser Mannschaft. Auf diese Erkenntnisse hin wurde wieder falsch reagiert, denn wenn Wesley das sein soll, sollte sich die Scoutingabteilung tatsächlich mal hinterfragen.
Womit wir beim Verständnis der von @Bremen angesprochenen "gemeinsamen Perspektive" wären. Es geht nicht darum, den Trainer Schaaf grundsätzlich in Frage zu stellen. Denn das Phänomen bei Schaaf ist für mich, dass er sehr viel anders macht als die übliche Trainerriege und damit trotzdem sehr erfolgreich war/ist. Daher kann es nur darum gehen, Schaaf eine Mannschaft zur Verfügung zu stellen, die für ihn auch wieder trainierbar wird. Und hier weiss ich nicht, ob Allofs die "gemeinsame Perspektive" immer richtig eingeschätzt hat. Er verpflichtete vor der Saison Spieler, die in der Vorbetrachtung ein zweikampfstarker, technisch guter Halbstürmer, ein routinierter LV und ein Allrounder im Mf waren. Er hat damit sicherlich auf die Defizite der letzten Saison/Spielzeiten reagiert. Aber m.E. hat er damit nur auf die Symptome reagiert, aber die Ursachen verkannt. Wenn er ständig und gestern wieder erzählt "Schaaf ist der richtige Trainer, es gibt keinen besseren für Werder" dann sollte er in der Transferpolitik/Förderung eigener Spieler auch darauf achten, dass er einem Trainer, der Spielern viele Freiheiten einräumt, auch Spieler gibt, die etwas aus diesen Freiheiten machen können. Fast ausschließlich entwicklungsfähige, junge Spieler wie Marin, Wesley oder Arnautovic, die von ihrer Spielanlage mehr Orientierung und taktisches Rüstzeug benötigen, sind in dieser überwiegenden Mehrzahl sicherlich der falsche Weg. Dadurch ist Schaaf immer mal wieder dazu gezwungen, seine grundsätzliche Maxime über Bord zu werfen, so wie letzte Saison während der Zu-Null-Serie Hinrunde oder bei den Spielen auf Schalke, in Mainz oder in Hoffenheim. DAS kann aber nicht Sinn und Zweck einer "gemeinsamen Perspektive" sein. Allofs ist gefordert, künftig die Situation sorgfältiger zu analysieren und Schaaf ist gefordert, vehementer zum Ausdruck zu bringen und auch darauf zu pochen, was er zur Umsetzung seiner Vorstellungen benötigt. Nach meinem Dafürhalten ist genau dies aufgrund der Erfolge in den letzten Jahren zu lange vernachlässigt worden. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Weiterarbeit von KATS liegt mMn darin, die Versäumnisse der vergangenen Jahre im Sommer oder schon teilweise im Winter abzuarbeiten. Dies muss nicht mit konsequenter Spielerfluktuation, sondern vor allem mit besserer Auswertung der Lage und Wichtung danach erfolgen. Werder hat keinen schlechten Spielerkader, er muss nur an den richtigen Stellen ausgebessert/verändert werden, speziell müssten nun endlich Prioritäten gesetzt werden, was die richtigen Spielertypen angeht. So wie es KATS früher meistens gelang.
Aber mal ganz davon abgesehen ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass es gerade für einen Verein mit den Rahmenbedingungen Werder`s nach Jahren des Erfolgs durchaus mal ein Tal der Tränen und zwei, drei Jahre Niedergang geben kann. Das ist völlig normal und haben alle anderen etablierten BL-Vereine (vielleicht mit Ausnahme der Bayern) in den letzten 20 Jahren öfter und in kürzeren Abständen als Werder bereits hinter sich. Trotz zahlreicher Trainerwechsel.