Wie RTL den Rosenkrieg der Effenbergs inzeniert
Mein RTL, hat sich Claudia Effenberg gedacht, mein RTL ersetzt die Gelben Seiten. Hilft Leuten aus den Schulden heraus. Bimst verzogenen Bälgern Manieren ein. Renoviert verlotterte Buden. Wäre doch gelacht, wenn es meinem RTL nicht auch gelingen würde, meine Beziehung zu kitten.
Gut, es kann natürlich auch sein, dass sich die Claudia Effenberg, geschiedene Strunz, gar nichts dabei gedacht hat, als sie zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, dem Fußballprofi a.D., Effe, den Vertrag über eine sechsteilige Dokusoap unterschrieb: Effenbergs Heimspiel. Nach den ersten beiden Folgen ist man sich da, ehrlich gesagt, nicht mehr ganz sicher. Schon Jean- Paul Sartre kam zu dem Schluss, dass der Mensch nicht von Natur aus vernunftbegabt ist. Dass vielmehr die Existenz der Essenz vorausgehe.
Der berühmte Existenzialist spukt einem durch den Kopf, wenn man die Effenbergs jetzt dabei begleitet, wie sie versuchen, sich nach sechs Jahren Fernbeziehung und seinem Seitensprung zusammenzuraufen.
Wie er, der alleinerziehende Papa von Etienne,18, und Ann-Kathrin, 11, in seinem Effeville genannten Anwesen in Fort Myers im Sunshine-Staat Florida schweren Herzens die Umzugskisten packen lässt, um zu dem drei Jahre älteren Gelegenheitsmodel zu ziehen, ins wetterunbeständigere München.
Wie die beiden, synchron sonnengebräunt und die Haare immer schön im Partnerlook gegelt, die Villenviertel nach einer adäquaten Bleibe abklappern. Was sich, wie nicht anders zu erwarten, als schwierig erweist.
Was Claudia will
Die Claudia träumt von einem eigenen Prinzessinnenschloss, 800 Quadratmeter, mit Master-Bedroom im Westflügel und schusssicheren Fenstern, der Effe hat es gerne funktionaler. Er möchte eigentlich lieber was mieten, hat es aber schwer, das zu vermitteln.
Die Claudia redet und redet und redet. Vermutlich hat sich die Hand in seiner Tasche schon zur Faust geballt, doch man wartet vergeblich darauf, dass er ihr endlich den ausgestreckten Mittelfinger zeigt.
Die Fernsehkameras sind immer dabei. Ihre Präsenz wirkt offenbar deeskalierend. Und so zeichnet sich schon vor der Halbzeit ab, dass Effenbergs Heimspiel, eigentlich als Auftakt für einen Neuanfang geplant, mit einem Eigentor enden wird.
Süffisante Kommentare aus dem Off konterkarieren das Bemühen der Eheleute, vor der Kamera Friede, Freude. Currywurst zu spielen. Gestern erlebte man, wie Claudia ihrem Effe zum Umzugstermin nach Florida hinterherreist. Anstatt ihm jedoch beim Entstauben der Lampen zu helfen, zieht es sie zielsicher in die nächste Mall. Zum Powershoppen. Nach zwei Stunden ist sie zurück, mit sechs vollen Tüten.
Die C-Prominenten
Stefan Effenberg is not amused. Seine säuerliche Miene liefert dem Sprecher eine Steilvorlage, um den nicht-ausgetragenen Konflikt auszuwalzen. Er redet vom Kreditkarteneinsatz bis zum Schmelzpunkt. Er sagt: Stefan hätte sich gefreut, wenn sie ihm wenigstens ein Paar Socken mitgebracht hätte.
Wo doch der Effe, wenn er nicht gerade seine Pokale poliert oder sein Erspartes nachzählt, überdurchschnittlich viel Zeit in die Pflege seines Äußeren investiert.
Mag die Welt auch gerade auf die schlimmste Rezession seit den zwanziger Jahren zusteuern, in Effeville, das so groß ist, dass man ohne Navi nicht zur Garage findet(Effe), geht das Leben seinen geregelten Gang.
Sechsmal am Tag putze er sich die Zähne, verkündet der Hausherr stolz. Es ist eine beruhigende Erkenntnis in turbulenten Zeiten wie diesen nicht nur für den RTL-Zuschauer, auch für die Claudia. Hygienestandards sind in einer Beziehung auch schon einiges wert, frohlockt die Stimme .auf dem Off.
Unverblümter kann man den Bankrott einer Beziehung wohl kaum formulieren. Keine Frage: Die Effenbergs sind ein Fall für den Paartherapeuten. Man weiß nicht, welcher Teufel die beiden ritt, als sie sich stattdessen an RTL wandten dem Sender, dem die C-Prominenten vertrauen.
Ob sie dachten, sich ihres Liebe genannten égoisme à deux durch die Anwesenheit der TV-Kameras versichern zu können. Ob sie der Drang trieb, den Rest der Menschheit modisch mit ihrem Faible für gold-flitzernde T-Shirts oder Kapuzenpullover im Leopardenfellmuster zu missionieren. Oder ob es schlicht und einfach die Aussicht war, für dieses Effentheater auch noch Geld zu kassieren. Titel des Stückes: Die unerträgliche Seichtigkeit des Seins.
Nein, ihre Beziehung hat RTL nicht geflickt. Im Gegenteil. Als Dankeschön dafür, dass sich ihm das Paar bereitwillig auslieferte, durfte die Claudia die Gelegenheit nutzen, um im Streit mit ihrem Ex-Mann schmutzige Wäsche vor der Kamera zu waschen.
Die Sache mit Strunz
Offenbar war den Dreharbeiten ein Streit mit Thomas Strunz vorausgegegangen. Jedenfalls duften die beiden Kinder aus der Beziehung mit ihm angeblich, wenn überhaupt, nur gepixelt im Bild erscheinen.
Was Claudia, der bekennenden Glucken-Mama, die von einer tankstellengroßen Küche mit krokoledernem Spritzschutz an der Spüle träumt, obwohl der Stefan doch am liebsten Fertig-Currywurst im Plastikbehäter aus der Mikrowelle isst, natürlich überhaupt stank Gefühlte 99 Mal wiederholte RTL die Szene, in der sie den Satz sagte: Mein Ex hat meine Kinder ich schäme mich fast, das zu sagen dieses Jahr nur einmal gesehen. Hart, nä?
Hatten die Produzenten gehofft, dem faden Effenberg-Allerlei mit diesem dramaturgischen Kniff einen Schuss Maggi verpassen zu können, so hatten sie sich gründlich verrechnet.
Dokusoaps wie diese leben im Wesentlichen von der Schadenfreude, den Selbstdarstellern dabei zuzuschauen, wie sie, ohne es selber zu merken, an ihren eigenen Ansprüchen scheitern.
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Doch nicht einmal dieser Effekt mochte sich beim Tete-à-tete der Möchtgern-Beckhams einstellen. Ihr Leben ist so leer wie Effeville nach dem Auszug. Weshalb wir den beiden Turteltauben an dieser Stelle, wenn auch nicht ganz uneigennützig, alles Gute für ihre gemeinsame Zukunft wünschen, in einem Prinzessinnenschloss mit schussicheren Fenstern.
Nicht, dass wir sie schon morgen wiedersehen - bei Zwei bei Kallwass ...