Ich würde gern mal zur Diskussion stellen, ob ein Verkauf von Diego im Sommer sinnvoll sein könnte. Und zwar hier, um die reflexartigen "Bitte nicht!"-Postings zu umgehen. Mein Diskussionsfreund "Das Boot" und ich haben das mehrmals live erörtert und wir sind und mittlerweile ziemlich einig, dass das wünschenswert wäre.
Meine Beobachtung, die sich mit Werders sportlicher Krise natürlich zugegeben verstärkt hat, ist aber die dass Werder nur noch irgendwie offensiv ist. Das bedeutet aber zu oft, dass einfach viele Spieler in der gegnerischen Hälfte sind und versuchen, über die Quantität (viele Spieler vorne, Ballbesitz) Druck zu erzeugen und durch Druck Tore zu erzwingen statt herauszuspielen.
Da ist vergleichsweise wenig System zu erkennen, und die daraus resultierenden Lücken in der Defensive sind Legion.
Ein Hauptgrund dafür scheint mir in der Figur Diego und seiner Spielweise zu liegen. Er hat lobenswerterweise den Ansruch, Führungsspieler zu sein, aber er erfüllt das hauptsächlich mit Leben durch häufigen Ballbesitz. Er hält den Ball relativ lange. Sein Ziel ist im Endeffekt eher die Einzelaktion, die Spiele für Werder entscheidet, nicht das funktionierende Spiel mit einer flachen Hierarchie, d.h. ein Spiel, dass die ganze Mannschaft einbezieht. Das Spiel wird so eng anstatt raumgreifend. Die Gegner stellen sich darauf ein, stehen Diego auf den Füßen. Soweit ginge es noch, wenn in dem Moment die Lücken genutzt würden, die sich automatisch daraus ergeben, wenn dich um Diego eine Spielertraube bildet. Das geschieht aber viel zu wenig.
Diego selbst ist nicht der Spieler, der sich dann vom Ball trennt, sondern der versucht, sich aus dieser Umklammerung zu lösen und selbst die Räume zu nutzen.
Das Problem ist zudem, dass bei dieser Kreativ- und Spontanspielweise keine Sau weiß, ob und wann der befreiende Pass kommt. Das macht es den Mitspielern sehr schwer, sich effektiv anzubieten - erst recht, weil die Fummelei von Diego dem Gegner Zeit lässt, sich zu formieren. Dieses Überraschungsmoment ist also mindestens auch ein Nachteil.
Hinzu kommt, dass sich, wenn das Spiel derart auf einen Spieler zugeschnitten und auf ihn ausgerichtet ist, die Mitspieler teilweise verschenkt sind. Ein systematisches Zusammenspiel ist so erschwert. Sicher sind auch die Mitspieler "schuld", die sich nicht freilaufen. Kaum einer hat es konstant geschafft, sich zu einem wichtigen, zentralen Spieler zu entwickeln, der sich neben Diego behaupten kann (wobei man natürlich sagen muss, dass mit Frings derjenige, der das könnte und der auch entgegenwirken könnte, lange Zeit ausgefallen ist).
Ich habe den Eindruck, dass sich mancher Spieler auch neben Diego ausruht und/oder sich nicht bewegt, weil er sowieso nur ein Mitspieler von Diegos Gnaden ist und/oder weil es eben wie erwähnt sehr unberechenbar ist, ob und wann Diego abspielt.
.....Aber mittlerweile hat sich das meiner Meinung nach verselbständigt und ist zu sehr zu Werders einziger Lösung geworden. Eine potentiell tolle Lösung, denn Diego ist natürlich ein überragender Spieler.
Aber die Situation erinnert mich an einen Dialog aus Brechts "Leben des Galilei". Einer der Gesprächspartner sinniert über die dunkle Zeit und sagt "Unglücklich das Land, das keine Helden hat". Und die Antwort, die ich auch im Falle Diegos geben würde lautet: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."
Eine Trennung wäre auf den ersten Blick ein Rückschritt und ein Verlust. Aber er könnte sich als ein Schritt zurück zu den Wurzeln und insgesamt nach vorn erweisen.