Özils Reich
So lebt Werders neuer Star
Diego, das war gestern. Heute regiert Mesut Özil (20).Der Bremer Musterknabe öffnete für den Kicker seine Haustür. So lebt er. So tickt er. So entspannt er.
Der Hausherr kommt selbst. Mit einem Lächeln öffnet Mesut Özil die Tür. Ein freundliches "Hallo" zur Begrüßung. Das hanseatische "Moin" geht ihm noch nicht über die Lippen, obwohl er sich, so betont er, schon recht gut eingelebt hat hier in Bremen.
Es ist der Tag vor der Abenteuerreise nach Kasachstan. Trainiert wird erst am Nachmittag. So findet der Werder Star, eine der auffälligsten Persönlichkeiten in der noch frischen Spielzeit, Zeit und Gelegenheit, seine Jungesellenbude mal zu zeigen. Özil und sein Reich.
Eine schmucke bleibe in einem riesenhaften Wohnkomplex, zehn Autominuten vom Weserstadion entfernt. 24 Wohneinheiten, exclusive Quadratmeter für die Prominenz aus der Hansestadt. Titel zieren die Namensschilder auf der Klingelleiste: "Professor" und "Doktor", so lauten die Einträge neben dem schmucklosen Kürzel, das nur schwer für Anonymität bürgt: "M.Ö." Von den Nachbarn weiß mittlerweile jeder, wer sich dahinter verbirgt.
Schwachhausen. Bevorzugter Wohnort in der Nähe des Zentrums, jedoch schon im Grünen. Ein schneeweißer Klinkerbau, wuchtig und mächtig wirkend wie eine Burg. Zufluchtstätte für den Profi, wenn er sich zurückziehen möchte. Im Dachgeschoss hat sich der Jungstar eingerichtet. Schöner Balkon mit schöner Aussicht. Blick auf einen kleinen Wald. Die Natur ist zum Riechen nah.
"Ich fühle mich hier wohl", sagt Özil. Berufskollege Ailton, ein anderer Jahrgang und ein ganz anderer Charakter, sprach einst vom Kulturschock, als er den umgekehrten Weg gegangen ist - von Bremen nach Schalke. Özil ist der Wechsel vom Ruhrgebiet in die norddeutsche Tiefebene anfangs nicht leichtgefallen. Wobei bei ihm noch etwas anderes ein Rolle gespielt haben dürfte. "Es war schon komisch, erstmals weg von der Familie zu sein, in einer neuen Umgebung, einem neuen Klub, mit neuen Kollegen."
Der Kontakt zu den alten Kumpeln ist nicht abgerissen.Einer wie der Ruhrpottjunge pflegt seine Freundschaften. Die Spezis vom Schalker Markt kommen häufig zu Besuch. Oder er setzt sich in seinen kleinen schwarzen Flitzer, ein eher bescheidenenes Vehikel im vom Sponsor bereitgestellten Fuhrpark, und düst über die A1 in Richtung Westen. Dritte Möglichkeit: Die Familie Özil ist vor Ort - wie beispielsweise Vater Mustafa an diesem Morgen.Die Betreuung für den Sprößling findet nicht nur per Mobiltelefon statt.
Es war schließlich ein gewaltiger Schritt für den Single in einen neuen Lebensabschnitt, dieser Ortswechsel von der Emscher an die Weser. Der Schalker Junge wurde flügge. Vorher hatte er wohlbehütet im Elternhaus gelebt. Umsorgt und verhätschelt in jeder Hinsicht, dieses Prachtexemplar von Sohnemann. Nun war er mit einem Schlag auf sich gestellt. Mesut allein in einer fremden Stadt.
Es hat ihm nicht geschadet. Wie er sich verändert hat? Er überlegt nur klurz: "Ich bin eigenständiger geworden, reifer und gelassener." Der Vater bestätigt diesen Wandel durch eifriges Kopfnicken. Und sagt: "Wir freuen uns über seine Entwicklung. Zu Werder zu gehen war die richtige Entscheidung."
Özil in Bremen: Vom Jugendlichen zum Erwachsenen, vom Talent zum vollwertigen Profi, zum Stammspieler in einem Spitzenklub und zum Nationalspieler. Zwei Länderspiele hat er bestritten - das letzte in Aserbaidschan, in einem Pflichtspiel, wodurch er sich für die DFB Auswahl festgespielt hat. Was ihm da durch Kopf und Körper geschosen sei? "Nichts besonderes", sagt der Junge mit den türkischen Wurzeln, der in Deutschland geboren ist und dessen Familie seit drei Generationen hier lebt. "Ich habe mich ja früh für die deutsche Nationalelf entschieden." Also freue er sich, wenn er für Deutschland spielen dürfe. "Ob fünf Minuten oder länger, ich bin einfach glücklich und stolz." Natürlich hofft er auf einen Einsatz von Beginn an, der nun in der Partie gegen Südafrika womöglich kommen könnte. "Jeder möchte das."
Die Trophäen seiner Triumphe hat er nicht ausgestellt, wie andere, die sie als Blickfang im Wohnzimmer platziert haben. Das eine Nationaltrikot liegt im Schrank. "Ganz oben rechts." Shahin Shayesteh, Asisstent des Beraters Reza Fazeli, beim Interview-Termin auch vor Ort, eilt ins Schlafzimmer, um es für ein Foto zu holen. Das zweite befindet sich in Gelsenkirchen. Ein Geschenk für den Papa.
In der Wohnung, moderner Stil, dominiert, wie sollte es anders sein, der Fussball. Wimpel an der Garderobe. "Man of the Match" bei Bremer Spielen. "Siebenmal", wie die Özils nachrechnen.Auf der Anrichte steht ein Bilderrahmen mit einem Zeitungsausschnitt: "Werder holt den Pott". Der Schnappschuss zeigt den Torschützen. Mesut Özil mit dem DFB Pokal in der Hand, sein erster Titel bei den Profis, nachdem er im Jugend- und Juniorenbereich alle Endspiele entscheident geprägt hat. Er strahlt: "Ein Präsent eines Nachbarn."
Alles in Weiß. Möbel, Tapeten, alles hell gehalten im Wohnraum. Nur wenige Deko-Artikel zur Verschönerung. Was auffällt, ist ein außergewöhnlicher Glasrahmen mit einem Text in Arabisch. "Verse aus dem Koran", wie Mesut, gläubiger Moslem, aufklärt.
Kochen mag er nicht, lieber geht er essen mit Pizarro.
Eine zweckmäßige Küche, in der er nur selten das Nötigste verrichtet.Lieber geht er essen mit Freunden und Mannschaftskollegen. Vorzugsweise mit Sebastian Boenisch, den er aus Schalke kennt, mit Aaron Hunt, mit dem er in der U-21-Nationalelf spielte, oder mit Werder Stürmer Claudio Pizarro, den er schätzengelernt hat. "Langeweile kenne ich nicht."
Kino, Musik hören, türkische Töne oder amerikanischen Hip-Hop, Tennis, wenn Zeit bleibt, und natürlich Playstation, beliebter Zeitvertreib bei den Profis. Mesut hat es auch in dieser Sparte zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Er gewinnt immer, vor allem im simulierten Fussball. Shahin von der Betreuungsangentur schmunzelt: "Er schlägt sie alle, mich auch."
Özil, der Siegertyp. Für den Erfolg tut er alles. Sondertraining, um an seinen Problemfeldern zu arbeiten. "Wir machen viel für Stabilität und Schnellkraft", verrät er sein Erfolgsgeheimnis. So bekam er seine Kniebeschwerden in den Griff. So wurde er robuster, legte zwei Kilo zu. Über seine technischen Fähigkeiten gab es nie zwei Meinungen. Wenn die Reporter bei ihm bisher noch eine Schwäche notierten, dann war es die mangelnde Torgefahr. Vergangen und vergessen. Özil ist froh, "dass ich nun besser treffe, schon in den ersten Spielen". Auch das habe Thomas Schaaf mit ihm speziell geübt. "Im Training habe ich immer viele Tore gemacht, nun zum Glück auch im Spiel."Sein persönlicher Rekord: In jedem Spiel der angelaufenen WM-Saison, ob Testspiel oder Pflichtspiel, hat er ein Tor geschossen oder vorbereitet. Torgefahr pur also, zumal seine Standards ein Adelsprädikat verdienen. "Wir üben dies immer", so der Scharfschütze, "wenn die Freistöße hart und exakt kommen, sind bei unseren Kopfballspezialisten Tore kaum zu verhindern.
Einige hatten dem Edeltechniker einen schweren Stand in der Nachfolge des abgewanderten Diego prophezeit. Es ist anders gekommen. Alle reden von Mesut. Diego ist schöne Vergangenheit, Özil die beglückende Gegenwart. Ob er auf der Seite oder in der Zentrale agiert, ist ihm egal. Wenngleich er eine gewisse Vorliebe nicht leugnen mag und nicht verschweigen möchte: "Meine Lieblingsrolle ist die des Spielmachers. Schon in der Jugend habe ich das gespielt."
Keine Angst vor großen Rollen. Dabei wirkt er scheu und schüchtern, in seinem Auftreten eigentlich wie ein Anti-Star. "Ruhig und gelassen" beschreibt er selbst seinen Charakter. Er ist einer, der sein Ego nie herausstellt. Seine Interviews sprechen für sich: Immer betont er den Erfolg der Mannschaft, stellt diesen über den individuellen Triumph. Ein Solist, ganz im Dienst des Orchesters.
Autogramme zu schreiben ist ihm fast peinlich.
Wie er wirklich tickt, wissen nur die, die ihn näher kennen. Immer wirkt er so ernst, dabei, so sagen seine Freunde, sei er ein ganz humorvoller Mensch, ausgestattet mit diesem trockenen Witz, immer gut für einen Spruch. Mesut, der mit dem Schalk im Nacken.
Immer wenn er Autogrammkarten signiert, scheint es so, als sei es ihm fast peinlich. Özil hier, Özil da. Ein Hype ist um ihn entstanden. Wie er damit umgeht? "Ich empfinde es als Lohn für meine guten Leistungen." Und es gehöre dazu. Unterlegt mit einem schelmischen Schmunzeln fügt er an: "Ich will nun mal ein großer Spieler werden."