Das vermeintliche Massaker: Ein Erklärungsversuch
In einem gestern veröffentlichten Beitrag habe ich erklärt, warum die veröffentlichten Quellen nicht beweisen, dass ist in Butscha ein Massaker gegeben hat. Was dort stattgefunden hat, war mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas ganz anderes. Und das hat in Russland Tradition.
Auf dem Totenschein des 21-jährigen russischen Wehrpflichtigen Sergei Safonow stand „Suizid durch Erhängen“. Als die Mitarbeiter einer Moskauer Leichenhalle den Körper vorbereiten wollten, bemerkten sie Schminke. Unter der Schminke kamen Hämatome um die Augen und auf der Brust zum Vorschein.
Bereits 2006 wurde der 19-jährige Wehrpflichtige Andrei Sytschow von seinen Vorgestezten so schwer misshandelt, dass ihm beide Beine, ein Teil der Hand und seine Genitalien amputiert werden mussten.
2019 erschoss der Wehrpflichtige Ramil Shamsutdinov acht seiner Kameraden, zwei davon seine vorgesetzten Offiziere. Das Verteidigungsministerium räumte später ein, er sei Opfer von Schikanen gewesen.
Die Liste ist beliebig erweiterbar.
Diese Misshandlungen haben System. Die ersten wurden 1919 dokumentiert, sie reichen also sicher in die Zeit der Zaren zurück. In der Sowjetunion wurden sie nicht verfolgt.
Man nennt das System „Dedowschtschina“, die „Herrschaft der Großväterchen“. Mit „Großväterchen“ sind dienstältere Soldaten gemeint, auch Vorgesetzte. Im Falle von Andrei Sytschow hatten sich einige betrunkene Unteroffiziere einen Spaß erlaubt.
Russische Wehrpflichtige sind Kanonenfutter. In einem Maßstab, den wir uns nicht einmal vorstellen können.
Das zeigt sich auch in einer anderen Logik. Soldaten der NATO werden intensiv und qualifiziert ausgebildet. Der Nachschub wird als ebenso wichtig angesehen, wie der Kampf selber. („Der deutsche Soldat marschiert mit dem Magen.“)
Der russische Soldat hat einen anderen Wert. Die russische Militärdoktrin setzt auf Masse, nicht auf Klasse.
Das sehen wir gerade in der Ukraine. In einem solchen Ausmaß, dass selbst langjährige Militärexperten schockiert sind. Geschockt von dem, was die ehemalige Weltmacht Russland dort aufbietet.
Das Gerät ist veraltet, das strategische Vorgehen erinnert an den Zweiten Weltkrieg, Verpflegungsrationen sind seit Jahren abgelaufen. Ein über 60 Kilometer langer Konvoi steht tagelang ohne Versorgung und Schutz vor Kiew herum, auf dem Präsentierteller der ukrainischen Verteidiger.
Wie im Dreißigjährigen Krieg erinnert die Ukraine an den Satz Schillers aus der Wallenstein-Trilogie: „Der Krieg ernährt den Krieg“. Schickt die Soldaten ins Feld, sie werden sich um sich selber kümmern.
Also was ist zu erwarten, von Menschen, die dem System der Dedowschtschina entstammen, die von Propaganda angeleitet in einen Krieg geworfen werden, den sie nicht verstehen und wo sie sich selbst überlassen sind? Und was kann man von einer Führung erwarten, die mit den eigenen Soldaten schon so umgeht?
Bereits wenige Tage nach dem Einmarsch Russlands kamen die ersten Meldungen auf, dass Soldaten Supermärkte plünderten. Weil sie nichts zu essen hatten. In aufgebrochenen oder zurückgelassenen russischen Panzern fanden sich Klorollen und löslicher Kaffee, gestohlen in der Ukraine.
Inzwischen sollen nicht nur Wertgegenstände, von der Kettensäge bis zum Tafelsilber, gehortet werden. Sie werden scheinbar auch außer Landes geschafft, in das nahegelegene Belarus. Dort sollen sich Flohmärkte entwickelt haben, auf denen auch versucht wird, gestohlene Fremdwährung zu wechseln. Wohl ohne Erfolg, niemand will Rubel.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat gestern einen Bericht veröffentlicht, in dem sie mutmaßliche Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine zwischen dem 27. Februar und dem 14. März dokumentiert.
Dazu hat sie vor Ort mit Zeugen gesprochen, sie geht – den Umständen angemessen – kriminalistisch vor. Wie bei jedem anderen Verbrechen auch. Ein Auszug:
Staryi Bykiv, 27. Februar: Russische Truppen stellen sechs Männer auf, alle werden erschossen.
Butscha, 4. März: Russische Truppen stellen fünf Männer auf, einer von ihnen wird erschossen.
Zabuchchya, 4. März: Bei einer Hausdurchsuchung werden ein Jagdgewehr und Sprit gefunden, ein russischer Soldat wird von einem Kameraden abgehalten, den 60-jährigen Besitzer zu erschießen.
Vorzel, 6. März: Russische Soldaten werfen eine Granate in einen Keller, indem sich Menschen verstecken. Eine Mutter und ihre 14-jährige Tochter, die aus dem Keller stürzen, werden erschossen.
Charkiv, 13. März: Ein russischer Soldat dringt in eine Schule ein, in der sich mehrere Menschen verstecken. Er hält eine Frau über Stunden abseits gefangen, schlägt sie, schneidet ihr mit einem Messer ins Gesicht und den Hals, schneidet ihr die Haare ab, zwingt sie mit vorgehaltener Waffe zum Oralverkehr und vergewaltigt sie mehrmals. Am Morgen verlässt er das Gebäude, nachdem er sich Zigaretten hat geben lassen.
Was wir auf den Bildern aus Butscha sehen konnten, war kein systematisches, geplantes Massaker. Keine Massenexekution. Auch kein Völkermord, kurz vorm Abzug der Truppen. Es war das Ergebnis von Kämpfen und einigen Wochen russischer Besetzung. Das nun von der Ukraine ausgenutzt wird, um Propaganda in ihrem Sinne zu machen. Und das von Russland ausgenutzt wird, um der Ukraine Propaganda vorzuwerfen.
Tatsache ist, dass solche Gräueltaten von Russland geduldet werden. Es wird als Instrument des Terrors in Kauf genommen. Vor allem dann, wenn man nicht den gewünschten militärischen Erfolg hat. Hinzu kommt die Nutzung von geächteten Waffen, wie Cluster Bomben und Tretminen. Das ist für den Tschetschenienkrieg und für Syrien nachgewiesen.
Dafür muss das kein System haben und es muss keinen Befehl geben. Man muss nur verängstigte, desorientierte, durch das System Dedowschtschina erniedrigte und enthemmte Kettenhunde mit einer Waffe loslassen.
Jene, die unten auf der sozialen Leiter stehen, freuen sich immer jemanden zu finden, der noch unter ihnen steht.
Indem wir im Falle Butscha von einem Massaker sprechen, verharmlosen wir tatsächlich das, was passiert. Denn ein Massaker ist ein punktuelles, begrenztes Vorkommnis. Indem wir Butscha zu einer Ausnahme machen, schützen wir uns damit davor, was in anderen Städten passiert. Wir erregen uns und sind schockiert. Weil noch viel schwerer zu ertragen ist, wenn es keine Ausnahme ist.
Diese Vorkommnisse und mutmaßliche Kriegsverbrechen sind aber sicher keine Ausnahme. Mariupol, Charkiw, Cherson und demnächst Odessa… Wenn Butscha bereits „Die Hölle des 21. Jahrhunderts“ (Podoljak, Die Welt) ist, dann werden den Politikern und den Medien sehr bald die Superlative ausgehen.
Und das hat sicher absolut gar nichts damit zu tun, die Vorkommnisse in Butscha zu verharmlosen.[/SPOILER[