Wenn Vranjes Deiner Meinung sich als einziger Mittelfeldspieler defensiv orientiert, dann ist das nicht notwendigerweise seiner Denke geschuldet, sondern viel wahrscheinlicher die taktische Marschroute von TS (so wie bei Baumann). Eine bekannte Schwäche bei Werder ist leider das Umschalten von Abwehr auf Angriff (z.B. nach einem abgefangen Ball), da ist Vranjes einer der Unflexibelsten.
Mag sein, dass es auch eine taktische Marschroute ist. Aber die Umsetzung auf dem Platz ist eine ganz andere Sache.
Es erscheint mir in diesem Zusammenhang typisch, dass wieder nur auf das Umschalten von Abwehr auf Angriff (also die Offensive, den eigenen Ballbesitz) eingegangen wird. Für die Defensivarbeit wäre aber auch das Umschalten von Angriff auf Abwehr nicht ganz unswesentlich.
Ich habe immer wieder das Gefühl, dass für viele Defensive so ein bisschen Glückssache ist, dass man sich da auf die individuellen Fähigkeiten von bestimmten Spielern verlässt und sich am Ende wundert, wenn der Ball trotzdem drin ist. Das ist falsch. Während bei eigenem Ballbesitz Kreativität gefragt ist, sind die Eigenschaften, die bei generischem Ballbesitz nötig sind, weniger individuell, sondern eher kollektiv. Es geht um Systematik, um Ordnung. Und da hapert es ab und zu bei Werder (was wiederum durchaus einkalkuliert sein mag um die Offensive zu stärken, das ist aber ein anderes Thema). Und hier kommt man mit Ballbehandlung und Technik nicht sehr viel weiter, sondern da ist vor allem auch der Kopf gefragt. und da ist es, zumal wenn man auch bei eigenem Ballbesitz mal nicht nur dem Ball folgt, ganz eindeutig so, dass Vranjes zu den Spielern gehört, die sich bei gegnerischem Ballbesitz am adäquetesten verhalten, aber auch z.B. absichert, wenn Werder nach vorne spielt. Fällt nicht groß auf, ist aber wichtiger als die Frage, ob er die eine oder andere Torvorlage liefert.
Das Umschalten ist insgesamt eine Schwäche bei Werder, aber wie gesagt keineswegs nur das Umschalten auf Angriff. Waas dieses betrifft, hat auch Vranjes einen Anteil, aber wegen der Streuung. Denn eigentlich verhält sich Vranjes komplett richtig und mit ziemlicher Sicherheit auch den Anweisungen entsprechend, wenn er versucht, den Ball sehr schnell weiterzuspielen, denn Situationen nach Ballgewinnen sind sehr chancenreich, wenn es gelingt, den Ball schnell in die dann offenen Räume zu spielen. Man kann Vranjes in dem Zusammenhang vorwerfen, dass nicht genug dieser Bälle ankommen. Aber nicht seine Spielweise.
Wie bereits erwähnt, gerade Vranjes ist einer der Langsamsten aus einer kollektiv schwachen Konternmanschaft. Wieviele Spiele habe ich geflucht, weil besonders das Mittelfeld den Sturm bei Kontern nicht unterstützt hat (Diego nehme ich ausdrücklich aus).
Siehe oben. Generell ist Vranjes einer derjenigen, der am häufigsten versucht, den Ball direkt weiterzuverarbeiten.
Wie Du ja selber sagst, kommen einige Aktionen an - das kann man wohl von einem Spieler der auf diesem Niveau spielt auch erwarten, die meisten Bälle spielt er ziemlich ungenau.
Das ist Populismus. Dass bei Bundesligaspielern viele Bälle ankommen, aber auch viele nicht, liegt in der Natur der Sache und kann kein Thema sein. Meines Wissens hebt sich Vranjes hier keineswegs negativ ab.
Hier handelt es sich offensichtlich um eine relativ selektive Wahrnehmung, die ich schon sehr häufig in Stadion oder Kneipe festgestellt habe: dass einige schon aufstähnen wenn Vranjes im Ballbesitz ist, dass sie anfangen zu schreien, er solle abspielen, auch wenn gar keiner anspielbar ist, dass es bei Ballverlusten heißt, das sei typisch, während gute Aktionen mit Zufall erklärt oder sogar teilweise anderen Spielern zugeschrieben werden usw. In dieser Logik kann man alles behaupten.
Stimme zu, er ist maximal Ersatzspieler und die Einleitung "...Musterprofi" bleibt unbewiesen, weder spielerisch noch als Mannschaftskollege.
Dann ist aber alles andere ebenfalls unbewiesen. Andererseits handelt es sich bei einem Fußballspiel nicht um eine außerirdische, unbewiesene Daseinsform, sondern man kann doch relativ viel nachvollziehen oder selbst erkenen.
Zunächst einmal muss man Unterscheiden wenn man Fußballspieler bei der Arbeit beobachtet, zwischen dem, was ich Spiel oder Aktion nennen würde, und ihrem Verhalten.
Was das Spiel betrifft, gibt es zweifellos talentiere, fehlerlosere Spieler als Vranjes. Wobei es wie schon häufig erwähnt nicht nur um herausragende Aktionen am Ball gehen kann. Es ist eben so, dass in einer Mannschaft nicht jeder nur Tore schießen oder welche vorbereiten kann. Sondern es gibt sehr unterschiedliche Aufgaben, die dementsprechendes Rüstzeug erfordern.
So ist ein Porsche 911 sicher ein sehr schönes und auch teures Auto, aber auf schlammigen Wegen in irgendeinem Regenweld, noch dazu, wenn man irgendwas transportieren muss, ist mit ihm nicht so viel anzufangen. Hier ist irgendein völlig unauffälliger Geländewagen, der vielleicht schon 15 Jahre alt, ziemlich verbeult ist, und einen Verkaufswert hat, der vielleicht 5% von dem Porsche ist, trotzdem wertvoller (selbst wenn man ihn alle paar Tage mal wütend auf den Schrott werfen will, weil er dazu neigt, ab und zu nicht anzuspringen).
Ich hoffe, dieses hübsche Bild ist verständlich.
Für den Erfolg einer Mannschaft genauso wichtig wie der Umgang mit Ball und Aktion ist aber das Verhalten eines Spielers, im Positiven wie im Negativen. So kann ein Spieler noch so talentiert sein, wenn er nicht bereit oder in der Lage ist, dieses Talent sinnstiftend für das Gesantgebilde einzubringen, schadet es nur.
Umgekehrt ist es eben so, dass eine Mannschaftssportart davon abhängig ist, dass es Spieler gibt, die ihre Tätigkeit in den Dienst des Ganzen stellen. Dass das speziell heutzutage wenig gewürdigt wird, ist schade, ändert aber nichts daran.
Das beginnt auf dem Platz: Damit, anspielbar zu sein, abzusichern, sich für Fouls zur Verfügung zu stellen, Laufarbeit zu machen, die nicht für Szenenapplaus sorgt und die vielleicht auch scheinbar umsonst ist, wenn man 2 Minuten einem Ball hinterherrennt und ihn nicht bekommt, usw.
Das geht aber auch abseits des Platzes weiter bei der Frage, wie man sich einfinden kann, wenn man eingewechselt wird, ob man überhaupt vom Kopf her in der Lage ist, zu verstehen, was auf dem Platz jenseits von irgendwelchen Einzelaktionen abläuft, und sich dementsprechend verhalten kann usw.
Das hat aber, obwohl das sicher unsicheres Terrain ist, auch etwas mit Gruppenbildung, Mannschaftsidentität und sowas zu tun. Wenn ein Spieler da durchblicken lässt, dass er sich für den Größten hält, den Mannschaftskollegen im Zweifel für einen Nichtskönner, dann wird ihm das vielleicht kurzfristig Vorteile bringen, nicht aber der Mannschaft. Umgekehrt ist es denke ich, wenn eine Mannschaft Mitglieder hat, denen der Erfolg der Mannschaft wichtiger ist als der eigene individuelle und die das auch in ihr Verhalten und in ihre Aktionen einfließen lassen.
Und so will es mir scheinen, dass Vranjes mit seiner bescheidenen, mannschaftsdienlichen Art einen positiven Einfluss bei Werder hat und auch wenn der nicht in irgendwelchen Scorer-Listen ablesbar ist, ist er doch vorhanden.
MFG dkbs