Als Hauptgrund dafür vermute ich die steten Weiterentwicklungen des Fußballs. Zum Beispiel in Punkto Schnelligkeit. Louis van Gaal, damals Jugendkoordinator bei Ajax, holte im im Jahr 1990, also schon 2 Jahre vor Änderung der Rückpass-Regeländerung seitens der FIFA, einen gewissen Edwin van der Sar zur Ajax-Talentschmiede De Toekomst. Nicht weil dieser ihn als Keeper überzeugte, sondern weil van Gaal am fußballerisch talentierten van der Sar das Potential erkannte, wie ein Keeper den Spielaufbau beschleunigen kann. Diese Spielweise setzte sich auch wegen der 1992 eingeführten Rückpass-Regelung sukzessive durch und zwang somit die Trainer Lösungen zu finden, die Gegner auszubremsen. D.h. sie nicht erst dann zu stören, wenn sie ihren Spielaufbau schon aufgezogen hatten, sondern schon zu Beginn des Spielaufbaus. Dadurch entwickelte sich das von anderen Trainern bereits angewendete Forechecking (z.B. Ernst Happel beim HSV) weiter zu dem heute zum Standardrepertoire gehöhrenden hohen Pressing, wo die Gegner bereits in ihrer Hälfte angegriffen werden. Und weil dadurch die Wege von Balleroberung bis zum Torschuss deutlich kürzer wurden, kommen Auswärtsmannschaften eher und häufiger zum Torschuss, so dass sie öfters gewinnen, als es noch 20 und mehr Jahren der Fall war.
Sehr gute Argumente, verständlich formuliert, macht Sinn.
Klar, die Weiterentwicklung spielt eine Rolle und Teams finden Wege, es dem Gegner schwerer zu machen. Ich würde deiner Argumentation einen Punkt entgegen setzen:
Der von dir beschriebene Effekt gilt sowohl für Heim- als auch für Auswärtsteams. Kann es daher sein, dass eine veränderte Spielweise bei beiden Teams für eine deutliche Veränderung der Auswärtsbilanzen führt?
Ich würde mochmal die Statistik zu Rate ziehen: es gab in der Vergangenheit in der Saison 95/96 einen signifikanten Rückgang der Siegquote von Heimmannschaften von 48 auf 40% - nur für eine Saison, danach ging die Heimquote wieder deutlich hoch. Ich habe mal nachgeschlagen: in dieser Sasion wurde die 3-Punkte-Regel eingeführt. Das hat offensichtlich sehr deutlich dazu geführt, dass Auswärtsmannschaften in dieser Saison etwas verändert haben. Was dazu geführt hat, dass die Heimmannschaften ein Jahr gebraucht haben, darauf angemessen zu reagieren.
In der Saison 90/91 hatten wir ebenfalls einen Einbruch der Quote von 50 auf 40%. Damals wurde die Abseitsregel neu ausgelegt - gleiche Höhe kein Abseits mehr.
Das waren die Saisons mit den signifikantesten Einbrüchen der Heimspielquote.
Sehr niedrige Quoten gab es noch 2009/2010 und dann wieder 2019/2020 - für 09/10 habe ich noch keine mögliche Erklärung gefunden, für 19/20 ist für mich der Ausschluss der Fans durch Corona der entscheidende Faktor (zu dieser Zeit ist mir die Heimschwäche auch erstmals aufgefallen, dort gab es Spieltage komplett ohne Heimsieg). Das waren die Jahre mit Sondereffekten - sind aber keine Erklärung für den langfristigen Trend. Man muss wohl davon ausgehen, dass alle Massnahmen zusammen dazu führen, dass der Heimvorteil nach und nach verschwindet (da könnten auch Effekte abseits des Spiels eine Rolle spielen - bsw früher 6 Stunden Bus- oder Zugfahrt, heute 1 Stunde Flug, alles nur Kleinigkeiten, die am Ende aber zur Angleichung der Ausgangslage führen).
Am Ende bleibt die Momentaufnahme aus dieser Saison mit nur 29% Heimsiegen bis zum 6 Spieltag - sollte sich das fortsetzen, laufen wir auf die mit deutlichem Abstand niedrigste Heimspiel-Siegquote der Geschichte hinaus (bisher 40,2%) - diesen Einbruch erklärt deine Argumentationskette nicht, denke ich. Wenn sich die Quote über die Saison dann wieder auf ca 40% erholt, dann könnte deine Argumentation wieder passen.