otto war der letzte trainer, dem es gelang, aus seinen mannschaften fast immer maximale leistung herauszuholen
Mit dem Beiwort
fast würde ich das so stehen lassen, ja.
und hat immer eine erstklassige abwehr geformt
Nein. Gerade unter Otto hat Werder eine Zeit lang echten Harakiri
angeboten. Dadurch wurden Titel verspielt. Nur führte der spöttische Beiname "König Otto der Zweite" und spätestens das 1:7 gegen Gladbach dazu, dass Rehhagel seine Herangehensweise überdachte und einlenkte. Etwas, was Schaaf zum Beispiel nie begriffen hat, obwohl er als Bundesligaspieler nur diesen Trainer hatte und auch sonst sehr viel von ihm übernahm. Nur leider wenig von dessen intellektuellen Eigenschaften wie das richtige Einschätzen von Fähigkeiten seiner Spieler plus dem dazu passenden System. Oder Reaktionen auf Spielverläufe. Rehhagel stellte irgendwann um auf "kontrollierte Offensive" und holte fortan Titel. Das war dann zwar oft eher kein guter Fußball, denn OR gehörte nicht zur Riege der gewieften Taktiker. Aber er schaffte auf diese Weise Balance.
augsburg, ingolstadt, mainz und auch darmstadt sind aktuelle vorbilder, an denen vs und seine männer sich ein beispiel nehmen können - die stehen wo sie stehen, nicht, weil sie besser sind, sondern weil sie aus ihren fähigkeiten das optimale machen und vor allem den willen haben zum erfolg
Jein.
Ich sehe das nicht zwingend als Vorbilder. In Bezug auf die Liga vielleicht, wenn wir kurzfristig erfolgreich sein wollen. Aber der Fußball, der da gearbeitet wird, kann es eigentlich nicht sein. Die Bundesliga ist spielerisch kaputt. Abgesehen von Dortmund und den Bauern fast nur noch schlecht kopierter Klopp-Fußball, der vor 5 Jahren mal eine Trendwende eingeleitet hat. Pressing, Gegenpressing, wieder Pressing, Laufen bis zur Schnappatmung und sowie ein bisschen Platz vorhanden, sofort steil spielen. Es geht praktisch nur noch darum, wer am schnellsten umschaltet und dabei trotzdem genug Leute hinter dem Ball behält. Und die Pille schnell zurückerobert. Wer organisiert presst und den kleinsten Fehler in der Staffelung beim Gegner nutzt und genau diesen Fehler so lange wie möglich selbst vermeidet. Ballgewinn-Konter. Oder Ballverlust-Konter auf der anderen Seite. Und wieder umgekehrt. Wenn das frühere Kick-and-Rush auf der Insel verpönt war, dann ist das die verschärfte Ausgabe.
Du siehst doch nur sehr selten, dass Mannschaften die Breite des Platzes nutzen, dass der Ball zirkuliert, dass Dreiecksbildungen entstehen. Tempo- und Seitenwechsel, aber nicht nur zum Zwecke des ganz schnellen Raumgewinns, sondern auch mal mit dem Ziel, ein Spiel aufzuziehen und clever zu verlagern. Vernünftiger Fußball mit klug angelegter Struktur und Substanz eben. Eine nachhaltige Spielidee. Das fehlt mir bei der überwältigenden Mehrheit der Bundesligisten.
Im Effekt ist die Hälfte der Teams auswärts stärker als zuhause, weil kaum einer ein Spiel machen will oder kann. Ingolstadt hingegen ist daheim stärker und zwar vor allem deshalb, weil sie selbst vor eigenem Publikum keinerlei Anstalten machen, sich am Spiel zu beteiligen. Hohes Pressing als Maßgabe der reinen Spielzerstörung in Kombination mit eng stehen und selbst dann noch lieber alle Leute hinter den Ball, wenn der Gegner mal kurzzeitig unkonzentriert ist und sich verheißungsvolle Konterräume bieten. Selbst dann noch Risikovermeidung aus Angst vor Ballverlust und Problemen im Umkehrspiel. Tore folglich nur nach Standards und Elfern. Dass dieser Antifußball bis dato 40 Punkte einfahren konnte, ist das eigentliche Armutszeugnis für die Liga. Auch und besonders aus spielerischer Sicht. Es passt übrigens gut ins Bild, dass die in Darmstadt verlieren und zweimal gegen Hannover straucheln. Die wenigen Teams hingegen, die zumindest öfter mit dem Anspruch der Spielgestaltung in eine Partie gehen wie Hoffenheim, Schalke, Wolfsburg oder Gladbach haben auswärts große Probleme. Auch das gut nachvollziehbar.
Wer eine Serie hat, weil gerade Automatismen und Torchancen sitzen und bei dem letztlich das Selbstvertrauen steigt, kann derzeit weit kommen. Ohne wirklich zu überzeugen. Siehe Hertha, Mainz, siehe zwischenzeitlich Stuttgart, siehe Werder letzte Saison. Wem das ein paar Wochen gerade nicht so gelingt, findet sich plötzlich ganz schnell ganz unten wieder. Werder. Oder Stuttgart im Umkehrschluss. Und das Durchschnittsniveau bleibt schlecht.
Für Werder könnte der Anspruch, besser Fußball spielen zu wollen als der große Rest, der Genickbruch sein. Werder zeigt in der Rückrunde, genauer gesagt seit der zweiten Halbzeit auf Schalke, seit der Auswechslung von Bargfrede deutlich besseren und strukturierteren Fußball als noch in der Hinrunde. Die Heimspiele gegen Hertha, Hoffenheim, Darmstadt, Mainz oder Augsburg hätten gemessen an Spiel- und Chancenanteilen locker gewonnen werden können, vielleicht müssen. Herausgekommen sind 4 von 15 Punkten. In Ingolstadt im Gurkenspiel zweifelhafte Schieri- Entscheidungen und keine Mittel dagegen gefunden.
Hamburg war spielerisch armselig. Und zwar über 90 Minuten. Dafür aber in der ersten halben Stunde extrem bissig, haben jeden zweiten Ball, jeden Kopfball geholt, organisiert und mannschaftlich gepresst wie die Irren. Das ist dann Kopfsache, denn Werder dachte nach München, sie können alles fußballerisch lösen, vernachlässigte die Grundordnung und hat dem HSV damit kongenial ins Blatt gespielt. Als wir kämpferisch mehr investierten, waren wir sofort überlegen und die schlimmen Defizite des HSV in Sachen Aufbau, Raumaufteilung und Passspiel wurden plötzlich offengelegt. Aber sie waren schon vorher da. Und so verlierst Du ein Spiel aufgrund falscher Einstellung zu Gegner und Tagessituation in nur 30 Minuten. Solche Spiele verlierst Du aber nicht mit mehr Punkten auf dem Konto. Womit wir wieder bei der Hinrunde wären.
Mich stört übrigens das Attribut "vereinzelt". In der Rückrunde waren es nicht einzelne, sondern die klare Mehrheit der Spiele, in denen das Team dominierte und phasenweise auf mich sogar taktisch auf Gegner wie Spiel gut eingestellt wirkte. Betonung auf
phasenweise. Siehe Hamburg. Andererseits sind diese extrem dämlichen Gegentore natürlich mitentscheidend für unseren Tabellenplatz. Kontinuierlich nach Flanken von der Grundlinie oder nach Standards. Ein Torwart, der sich nicht weiter, sondern zurück entwickelt. Das 2:0 in Hamburg kreide ich ihm mit an. Und wenn wir in Dortmund plötzlich kurz vor Schluss 2:1 in Führung gehen, dann kann es bei deren Qualität passieren, dass wir am Ende 2:2 spielen. Aber Du darfst nicht zusätzlich noch eine Ecke kassieren. Oder gegen Augsburg - wieder Flanke von außen. Kann passieren, sollte aber nicht und darf vor allem nicht so oft wie bei uns passieren. Es ist kein Hexenwerk, das zu verteidigen. Alles trainierbar. Werder hält die Liga-Höchstwerte, sowohl in puncto Standard- als auch bei Kopfballgegentoren. Und das ist besonders fatal in einer BL, in der wenig Fußball gespielt wird und oft Konter über außen oder eben Standards entscheiden. Die Basics sind ein Knackpunkt. Personell ist der Kader ein weiterer, in seiner Zusammenstellung. Allerdings hat Skripnik dort auch seinen Anteil. Die verheerende Fehleinschätzung von Bargfrede als Sechser der Hinrunde. Der ist ein guter Fußballer, den wir zudem mit seiner Physis für die Statik unseres Spiels brauchen können und auch jetzt brauchen könnten. Aber aufgrund seiner "Spielintelligenz", welche auf dem Niveau eines 12-jährigen stehen geblieben ist, nie und nimmer ein zentraler Mann. Wenn wir die Idee des Trainers zum Maßstab nehmen, beschleunigen, direkt spielen oder geschickt verlagern wollen, sind Leute wie Junuzovic, Bartels oder Ujah absolute Fremdkörper. Bartels, der in HH wieder eine Zumutung war, ist normalerweise ein guter 15. Mann im Kader, Juno nicht mal das. Ujah ein reiner Abschlussstürmer mit Kopf durch die Wand und Tunnelblick für alles Drumherum. Für Zusammenspiel, geschweige denn Kombination (analog dem Blinddribbler Ötztunali) vollkommen ungeeignet. Spielen aber trotzdem, weil die Talente mit wesentlich besserem Spielverständnis a `la von Haacke oder Eggestein im kreativlosen Pressing und Tempowirbel der Bundesliga wahrscheinlich untergehen würden. Für mich eine bedauerliche Diskrepanz.
Es wirkt einiges vielversprechend, letztlich aber vieles unausgegoren in der Arbeit des Trainerstabs. Mit Skripnik passiert (bzw. könnte passieren), was seit dem Zeitpunkt seiner Amtsübernahme zu befürchten war, nämlich dass in dieser seit Jahren verkorksten Werder- Situation ein Trainer verbrannt wird, der unter anderen Umständen womöglich einiges bewegen würde. Er hat in dieser Saison etliche Partien seltsam vercoacht, mit komischen Aufstellungen und schwer nachvollziehbaren taktischen Ausrichtungen. Nichtsdestotrotz hatte ich oft das Gefühl, dass diese Fehler passierten, weil Skripnik auf verlorene Spiele, Tagessituationen und Formkrisen verschiedener Spieler Lösungen suchte. Mitunter hektischer Aktionismus, der sich ins Gegenteil verkehrte. Trotzdem, Fehler macht in erster Linie derjenige, der überhaupt etwas macht. Mir persönlich ist ja so eine Herangehensweise deutlich lieber als ein stocksturer Trainer, der konsequent das falsche Ding durchzieht und überhaupt nicht merkt, mit welcher Intensität er seinen Verein gegen die Wand fährt. Nutzt aber nichts. Der Sprung vom Nachwuchs- und Amateurtrainer zum Bundesligacoach kam womöglich zu früh bzw. zum falschen Zeitpunkt für Skripnik. Er verheddert sich in Systemen und Besetzungen seiner Idealformation und verpasst so die nötige Balance. Verkommt dadurch zur Experimentiererei ohne substanziellen Nutzen.