Frank Baumann macht einen guten Job.
So wie ich Baumann in seinem ganzen Tun, seinen Auftritten, Bewertungen zu Werder usw. wahrnehme, komme ich in diesen 2 Jahren immer wieder zum selben Resultat – dass Werder hier seit Langem mal wieder eine richtig gute Lösung gefunden hat. Auch und vor allem im Vergleich zu seinen Vorgängern und da nicht zuletzt in der Transferpolitik. Zu Allofs, der in seinen letzten 5, 6 Jahren reichlich Unfug veranstaltet hat und zu Eichin, dessen Kader- Zusammenstoppelei nach günstigen Gelegenheiten ohne System und zielgerichtete Lösungen bestenfalls Elendsverwaltung war, die unter dem Strich den weiteren Niedergang zwar etwas verschleppte, aber nicht aufhielt. Überhaupt ist auffällig, dass Protagonisten in vorheriger Werder-Verantwortung wie Allofs, Rebbe, Schaaf, Harttgen, Eichin, R. Schröder, Dutt, usw. usf. bei Folgestationen keinen Fuß fassten, geschweige denn mittelfristig erfolgreich waren. Und Skripnik oder auch Wolter, Votava, die weg, oder auf andere Positionen hingelobt wurden, ebenfalls nicht. Ein Zeichen, dass bei Werder vom Kopf her, bei den Verantwortlichen, schon jahrelang etwas nicht stimmte und der Niedergang nicht ganz zufällig kam.
Bei Baumann hingegen sehe ich Mut zum Risiko, ohne dass der langfristige Blick aufs Wesentliche verloren geht und die Phantasie, einen Kader zusammenzustellen, der bei schwieriger Marktsituation mit ungleich stärkerer Konkurrenz letztlich immer wieder mit Abgängen von Leistungsträgern wird leben müssen, und trotzdem in der Bundesliga ordentlich überleben kann.
Auf die Abgänge der wichtigen Innenverteidiger Papy und Vestergaard, aus meiner Sicht mitentscheidend für den Klassenerhalt 2016, reagierte Baumann mit den Verpflichtungen von Moisander, Sane und Fallou Diagne. Letztere Zwei sicherlich diskutabel, aber für ein Jahr der Stabilisierung fand ich Sane absolut in Ordnung. Vor allem passierte das Ganze vor dem Hintergrund, dass Veljkovic bereits ein halbes Jahr vorher verpflichtet worden war, dem damals einige bei Werder den Sprung in die Bundesliga in 1 bis 2 Jahren zutrauten. Das hatte Substanz. Letztendlich muss Werder auf entwicklungsfähige Spieler setzen, so hat es in der Vergangenheit funktioniert und so kann es mMn wieder eine Zukunft haben.
Ebenso fand ich es mutig, nach der Kruse - Verletzung Gnabry zu holen, bei dem von vornherein klar war, dass der nur mit verklausulierten Vertragsinhalten an die Weser zu locken war und das nicht für lange. Der sich aber zeigen wollte und uns so erstmal helfen konnte. Ich habe hin und wider über Gnabry geschimpft, über sein eindimensionales Gekicke, andererseits musste Baumann den Kader in der Zusammensetzung seiner Möglichkeiten bewerten. Wenn Spielintelligenz kurzfristig ausfällt, muss das System anders funktionieren, dazu brauchst Du eben manchmal einen hochtalentierten Individualisten wie Gnabry, der zwar oft Spielsituationen kaputtmacht, dann aber wieder Spiele mit einer Aktion retten oder in entscheidende Bahnen lenken kann.
Oder die Maßnahme, die beiden Eggesteins zügig mit Profiverträgen auszustatten. Beide hat Baumann – damals noch als Allofs – Assistent - im C-/ D-Jugendalter aus Havelse an die Weser gelotst, er wollte sie unbedingt haben. Das war seine Idee in Kooperation mit dem Scouting. Viele hatten vor 3 Jahren gesagt, dass Jo Eggestein als überragender Akteur der A-Junioren-Bundesliga für Werder nicht zu halten sein würde. Baumann hat ihn gehalten und einen Vertrag durchgesetzt, den es bei Werder für einen 17-jährigen im Prinzip so vorher noch nie gab. Mal unabhängig davon, wie die Entwicklung bei JE weitergeht, nachvollziehbar war das allemal.
Und Kruse oder Delaney für Werder zu bekommen, ist schon eine tolle Baumann-Geschichte. Dass die auf Dauer womöglich nicht zu halten sind, ist dann so in dem Geschäft. In Belfodil bspw. habe ich viel Potential gesehen und konnte den Transfer bis zum Schluss nachvollziehen. Schade dass es solch ein Ende nahm. Auch Gondorf hat Sinn gemacht. Flexibler Spieler, der in der Rolle als offensiverer Sechser in der Saison 15/16 in einer mindertalentierten und oftmals destruktiven Darmstädter Mannschaft einer der besten jener Saison war und besser als alles, was Werder zumindest in der Hinrunde 15/16 auf der Position hatte.
In den Namen, die derzeit gehandelt werden, bzw. schon verpflichtet sind, entdecke ich irgendwie kluge Ansätze/ Ideen unserer Abteilung Transfers. Möhwald kann helfen. Und natürlich war es richtig, Junuzovic abzugeben, der trotz vieler Torbeteiligungen aus meiner Sicht sehr oft ein nutzloser Spieler war. Und bei dem sowohl das Gehalt, als auch der Status, den er für sich proklamiert, nie im Verhältnis zu den gezeigten Leistungen standen. Außerdem hat er sich mittlerweile im dritten Jahr in Folge jeweils ab Frühjahr für andere Vereine betont offen gezeigt. Nur hat er wieder keinen gefunden, der seiner Einschätzung nach seinem vermeintlichen Stellenwert entspricht. Letzte Spur Salzburg. Für die Entwicklung einer Mannschaft braucht es nun mal andere Typen.
Und so hat Baumann ZJ ziehen lassen, keine Verlängerung, Tschüss und Danke für alles. Sauber getrennte Wege. Das ist im Übrigen schon deshalb hochinteressant, weil Junuzovic im Verein ein gewisses Standing intern hatte. Nicht zuletzt KDF mit seinem "Zladdi hier, Zladdi da". Für mich ein Zeichen, dass bei Werder der Wandel stattfindet, wieder mehr hin zu ziel- und ergebnisorientiertem Handeln, trotz Wagenburgmentalität. Dass einer wie Gerd Rathjen, der sich gerne mal kritisch zu Werder äußert, auch öffentlich (wenn auch ohne dabei ausfallend zu werden oder zu übertreiben) auf gewissen Posten näher an den Verein rücken darf, was auch offenbar so gewollt ist, zeigt mir den Mut zur Veränderung. Die mMn mindestens zum Teil berechtigte Kritik von Karsten Falldorf inklusive einiger wichtiger Inhalte, u. a. in seinen Anträgen zur Satzungsänderung dokumentiert, wurde von KDF vor 3 Jahren in der Mitgliederversammlung noch böse weggewischt und in typischer KDF-Manier totargumentiert. Heute zeigt sich Werder offener, setzt sich mit kritischen Hinweisen auseinander. Die (aus meiner Sicht hochinteressante) Rede von Detlev Reichelt 2016 auf der MV und wie damit umgegangen wurde, ist so ein Beispiel. Mit Bode, Hupe, Baumann und Kohfeldt finde ich Werder sehr gut aufgestellt.
Nur hat Baumann meinen Eindrücken nach manchmal das Problem, dass er nicht unbedingt als guter Redner rüberkommt und sich anscheinend irgendwie unwohl fühlt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber sowas legt sich normalerweise mit den Jahren der Erfahrung im Umgang mit Medien. Für mich enthielt seine Rede auf der letzten MV im November 2017, trotz eher mäßiger Performance, wesentlich mehr Inhalt und Aussagen als der große Rest, was man dort zu hören bekam. Damit konnte ich viel anfangen.
Was den derzeitigen Transfersommer angeht, wird interessant zu beobachten sein, wie Baumann & Co. das Kardinalproblem Spielverständnis und Präsenz im zentralen Mittelfeld lösen und da insbesondere die Großbaustelle Sechserposition. Gegen Mainz einmal mehr schlimm, sehr schlimm. Wie so oft in dieser Saison unsere Achillesferse und eigentlich seit vielen Jahren ein Trauerspiel, im Grunde seit Baumann selbst aufgehört hat. Den wahrscheinlichen Delaney-Abgang sehe ich aber was das angeht, gelassen. Ich finde ihn für diese Position kaum geeignet. Seine starken Leistungen, teils als 6er, in der Rückrunde 16/17 hingen viel am Zusammenwirken mit Grillitsch, Eggestein, Kruse. Mit Bargfrede im Zentrum funktioniert es bei weitem nicht mehr so, was zwar einerseits gute Gründe hat, andererseits aber nicht zwingend für Delaney spricht. Wäre er so gut, wie er im ersten Halbjahr aussah, hätte er das auch in anderer Konstellation annähernd bestätigen müssen. Das war aber nicht der Fall. Ich sehe Delaney als wichtigen Spieler, insgesamt aber nicht so wichtig wie Pavlenka, Augustinsson, Moisander und Kruse.
Dass wir trotz dieser teils verheerenden Defizite in der Zusammensetzung OM/ DM so viele Punkte geholt haben, hat mit Kohfeldts Arbeit zu tun. Dem Trainer, den Baumann durchgesetzt hat.
Jedenfalls scheinen Baumann/ Kohfeldt drauf und dran zu sein, Lösungen auf Problemstellen zu suchen, zumindest wenn ich die Namen lese, die gehandelt werden. Man darf gespannt sein. Ich hab volles Vertrauen in Baumann, Kohfeldt & Co, dass sie einen Kader basteln, der sogar den nächsten Schritt in der Liga gehen kann. Und dieses Vertrauen hatte ich seit den Anfangsjahren unter KATS nicht mehr.