Unter Kohfeldt wurde in der ersten Saison ziemlich souverän der Abstieg vermieden (nach der Hypothek von 5 Punkten aus 10 Spielen von seinem Vorgänger), in der zweiten Saison gab es dann eine Weiterentwicklung, die beinahe für Europa gereicht hätte. Natürlich hat Kruse eine bedeutende Rolle gespielt (wurde ja unter anderem von
@Christian Günther gestern gut dargestellt), trotzdem gewinnt auch ein Kruse alleine keine Spiele, sondern braucht eine funktionierende Mannschaft um ihn herum. Kohfeldt hat es geschafft, die Mannschaft so gut weiterzuentwickeln, dass am Ende 18/19 die beste Saison seit 2010 herauskam. Der Saisonstart 19/20 war ebenfalls aus spielerischer Hinsicht trotz der vielen Verletzten noch vielversprechend, leider hat da das Spielglück gefehlt und irgendwann ist das Selbstvertrauen komplett verloren gegangen (das last-minuten Ding gegen Freiburg dürfte der Anfang vom Ende gewesen sein). Mit der Verletzungsproblematik, die zum Großteil wohl selbstverschuldet war, und den vielen schlechten Ergebnissen ist die Mannschaft in einen Strudel geraten, aus dem sie sich zunächst nicht befreien konnte. Die Transfers waren im Sommer 19 (Bittencourt!) und im Winter 20 (Selke!) auch überwiegend schlecht bis grauenhaft und wirken bis heute nach. Nach der Coronapause hat man dann bereits leichte Verbesserungen gesehen und am Ende. sehr glücklich, die Klasse gehalten. Es gab mehrere Momente in der Saison, in denen man Kohfeldt mit guter Begründung hätte schmeißen können. Genauso konnte ich aber den Gedankengang nachvollziehen, dass man mit ihm weitermacht, in der Hoffnung, dass er als junger, talentierter Trainer aus seinen Fehlern lernen kann.
Jetzt haben wir 20/21, zu Saisonbeginn war man sehr auf defensive Stabilität aus, was ich angesichts des Kaders zu Beginn auch verständlich fand. Im Laufe der Hinrunde kam es offensiv allerdings zu keiner Weiterentwicklung, nach vorne war das überwiegend komplett ideenlos. Nach dem Leverkusenspiel hätte ich mich, wenn ich das zu entscheiden hätte, vermutlich von Kohfeldt getrennt, denn bis dahin war in meinen Augen einfach null Weiterentwicklung im Spiel nach vorne erkennbar. Gut dass ich das nicht zu entscheiden hatte, denn ab da (bzw. ab der zweiten Hälfte gegen Augsburg) ging es dann auf einmal auch damit los, dass man im Offensivspiel leichte Verbesserungen erkennen konnte. Es wurden auf einmal auch spielerische Lösungen forciert und man konnte Ansätze strukturierten Offensivspiels erkennen. Hatte man es über weite Teile der Hinrunde nicht geschafft, überhaupt mal ins letzte Drittel zu kommen, war das nun häufiger der Fall, was fehlte war jetzt eher der letzte Pass. Immer noch nichts, was einen begeistert vorm Fernseher sitzen lässt, aber immerhin eine leichte Verbesserung.
Und an dem Punkt sind wir jetzt gerade. Wir spielen bei weitem nicht gut, wir haben teilweise noch Aussetzer im Spiel (erste Hälfte Schalke, quasi komplettes Hoffenheimspiel, 20 Minuten gegen Frankfurt), aber es scheint langsam besser zu werden. Wir pölen die Bälle nicht mehr hinten raus, sondern versuchen mittlerweile wieder öfter, Situationen spielerisch zu lösen. Man bekommt das Gefühl, dass jetzt auf die Grundlage der defensiven Stabilität endlich ein strukturiertes Offensivspiel aufgebaut werden soll.
Und das ganze erfolgt mit einer, wie es hier gestern ja auch schon dargestellt wurde, relativ jungen Mannschaft. Sargent war von Saisonbeginn an Stammspieler, muss sich zwar viel Kritik anhören, aber seine Entwicklung ist kaum zu übersehen. Sowohl in technischer als auch in taktischer Hinsicht hat er einen Sprung gemacht, seit er bei uns ist, wie er teilweise Bälle festmacht und weiterleitet, ist sehr stark, seine Laufwege und allgemein das Zusammenspiel mit seinen MItspielern werden auch schrittweise besser. Und er ackert extrem viel und ohne große Pause. Vor dem Tor trifft er leider noch zu oft die falsche Entscheidung, das wird aber vermutlich eine Sache der Routine sein. Je öfter er solche Situationen bekommt, desto besser wird er wissen, wie er mit diesen umgeht. Agu ist mittlerweile auch sehr gut angekommen, nachdem er zu Saisonbeginn und dann nach seiner Coronaerkrankung komplett raus war. Und, das wichtigste, man hat es zum ende der Hinrunde endlich geschafft Schmid zu integrieren. Und der ist jetzt schon, mit seinen 21 Jahren, einer der Unterschiedsspieler in unserem Kader. Mit seiner Leistung steht und fällt unser Offensivspiel, er bringt Struktur vorne rein, kann Angriffe inszenieren, spielt vertikale Pässe und sorgt auch mal für Überraschungen. Dazu kommt dann als junger Spieler noch Mbom, den man wohl am besten als soliden Mittelfeldkämpfer beschreiben kann. Sicher nicht der aufregendste Spieler, aber auch so jemanden braucht die Mannschaft in bestimmten Situationen.
Was spricht also für Kohfeldt? Sein guter bis sehr guter Start bei uns, seine grundsätzlich imo vielversprechende Idee, wie er Fußball spielen lassen möchte, sein Lernen aus der völlig verkorksten Saison 19/20 und die darauf folgende Anpassung der taktischen Ausrichtung an den Kader, die bislang funktionierende (notwendige!) Integration junger Spieler in den Kader in dieser Saison, die Weiterentwicklung von Spielern wie insbesondere Friedl, Sargent oder auch Rashica und der langsam zu erkennende Aufwärtstrend in dieser Saison.
Kann ein anderer Trainer aktuell mehr erreichen mit dem Kader? Gut möglich, schließlich spielen wir ja nun bei weitem immer noch keinen guten Fußball, und die Hinrunde war über weite Strecken grauenhaft. Vielleicht hätte es unter einem anderen Trainer schon eher Verbesserungen gegeben, vielleicht hätte unser Offensivspiel nicht so krass leiden müssen wie in der Hinrunde und wir wären jetzt schon weiter. Macht es denn Sinn, zum aktuellen Zeitpunkt ein Experiment auf der Trainerposition einzugehen? Aus meiner Sicht ganz klar nein, denn wir stehen aktuell sehr stabil in der Tabelle und wie geschrieben gab es zuletzt einige leichte Verbesserungen in unserem Spiel zu sehen. Anders als es noch nach dem Leverkusenspiel der Fall war, da hätte ich wie geschrieben einem Trainerwechsel wohl zugestimmt. Die letzten zwei Monate haben da allerdings einiges in meiner Ansicht zu Kohfeldt geändert.
Wird der Post von irgendwem komplett gelesen? Vermutlich nicht.