KOMMENTAR
Wankel-Werder und die Suche nach dem richtigen Maß
Von Philipp Köster
Das Spiel gegen Dortmund steht sinnbildlich für die Situation in Bremen: Während es in der Defensive hapert, beeindruckt die Offensive mit Toren en masse. Trainer Schaaf fehlen Alternativen, um den Konkurrenzkampf zu beleben - auch aufgrund der Personalpolitik von Manager Allofs.
Es war, wenn man so will, ein sehr typisches Spiel für den SV Werder Bremen. Sowohl die viel gelobte Offensive traf mehrfach, zugleich kassierte aber auch die ebenso häufig gescholtene Defensive wieder einmal drei Tore. Was sich für den Beobachter zu einem spektakulären Spiel zusammenfügte, Werder-Trainer Thomas Schaaf jedoch grimmig zurückließ. Schließlich hatten die Bremer gegen Borussia Dortmund leichtfertig einen hart erkämpften 3:2-Vorsprung verspielt.
Es ist eine merkwürdige Saison, die der SV Werder bislang spielt. Rauschhafte Episoden wie der 5:2-Triumphzug beim FC Bayern und das 5:4 gegen Hoffenheim reihen sich an deprimierende Auswärtsklatschen wie das 1:4 in Stuttgart. Und nun auch noch ein 3:3 gegen Dortmund, das den Bremern in der Tabelle und ganz generell kein Stück weiterhilft.
Dass trotz des durchwachsenen Saisonstarts in der Hansestadt derzeit noch niemand hyperventiliert, mag an der überschaubaren Presselandschaft an der Weser liegen. Es ist aber wohl auch der Erkenntnis geschuldet, dass sich der SV Werder in vergangenen Spielzeiten immer mal wieder kleinere Schwächeperioden leistete, um sich am Ende dennoch für die Champions League zu qualifizieren. Und es ist gut möglich, dass in ein paar Wochen der SV Werder schon wieder so konstant auftritt wie in der letzten Saison. Das Potential dazu ist da, die Bremer sind in allen Mannschaftsteilen exzellent besetzt, den Millionen aus der Champions League und der herausragenden Personalplanung des Duos Schaaf und Allofs sei Dank.
Und doch könnte den Bremern eine schwierige Spielzeit bevorstehen. Das hat zum einen mit den Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts zu tun. Denn in den letzten Jahren haben sich die Arbeitsbedingungen des SV Werder grundlegend geändert. Von einem aufstrebenden Klub unter vielen haben sich die Bremer zur nationalen Nummer zwei emporgearbeitet, mit inzwischen deutlichem Abstand zu den meisten Konkurrenten. Und die Qualifikation zur Champions League, so schwer sie auch jedes Mal gefallen sein mag, ist fast zu einer Bremer Selbstverständlichkeit geworden.
So selbstverständlich, dass manch ein Spieler offenbar geglaubt hat, er müsse in normalen Bundesliga-Spielen nicht mehr tun als unbedingt nötig. Schon erstaunlich, wie wenig sich manche Offensivkräfte für die Arbeit der eigenen Abwehr interessierten. Nicht minder verwunderlich aber auch, mit welch schlichten Rezepten sich auch durchaus routinierte Abwehrrecken wie Naldo und Clemens Fritz aushebeln ließen.
Dass die sportlich Verantwortlichen dieses Problem erkannt haben, davon zeugt die erstaunlich energische Intervention des ansonsten eher zurückhaltenden Managers Klaus Allofs. Als der Dusko Tosic beschied, er rufe "nicht sein gesamtes Potential ab", dem Mannschaftskollegen Hugo Almeida mitgab, er "müsse mehr von sich verlangen" und ganz grundsätzlich "eine gewisse Sorglosigkeit" diagnostizierte, da zeichnete er das Bild einer selbstverliebten Truppe ohne rechten Biss.
Nun haben Trainer Thomas Schaaf und Manager Allofs sich das allerdings teilweise selbst eingebrockt, erweist sich doch die Personaldecke bei aller unbestrittener Qualität als zu dünn. Ein motivationsfördender Konkurrenzkampf entsteht bei den Bremern in allen Mannschaftsteilen zu selten. Immerhin, im Sturm wurde durch die Nachverpflichtung von Claudio Pizzaro schnell gehandelt.
Beides, die schwierige Personalsituation und die Behäbigkeit mancher Stars gefährden die ehrgeizigen Pläne des Duos Schaaf und Allofs, die in dieser Spielzeit endlich einmal auch auf internationaler Ebene Akzente setzen wollen. Alles andere, vor allem ein Ausscheiden in der Vorrunde, würde als Stagnation gewertet, auch wenn das angesichts der opulenten letzten Jahre ein wenig ungerecht ist.
Schaaf und Allofs haben die Mannschaft gewarnt. Sie muß sich nun besinnen. Auf ihre Geschlossenheit, aber auch auf die individuellen Stärken jedes einzelnen. Dann könnte es demnächst auch mal wieder völlig untypische Werder-Spiele geben.
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,584990,00.html