Ja, weil du in Jahrzehnten denkst. Das Thema hatten wir ja schon. Dadurch siehst du keine kleineren Veränderungen.
Wir sehen Änderungen. Was wir nicht sehen, ist die Qualität dieser Änderungen, vor allem langfristig. Eine größere Änderung war die Ausrichtung auf den Verkauf von Talenten, was funktioniert hat mit Coulibaly und vermutlich Backhaus. In der kommenden Saison wird man das offenbar nochmal verstärken.
Vielleicht stehen wir in ein paar Jahren hier und feiern, dass Werder jedes Jahr Talente verkauft wie Frankfurt. Vielleicht greift man vollkommen ins Klo, wir werden es sehen. Aber man kann nicht ignorieren, dass es diese Trendwende gibt, die eigentlich schon mit Keke eingeleitet wurde und mit Coulibaly, Backhaus, Covic, Mbangula und jetzt den neuen Transfers fortgeführt werden soll. Nicht jedes Talent wird zum Hit, soviel ist auch klar.
„Änderung“ ist noch längst kein Qualitätsmerkmal. Entscheidend ist nicht,
dass Werder etwas verändert, sondern
ob diese Veränderungen nachhaltig besser machen. Genau daran bestehen erhebliche Zweifel.
Nachhaltigkeit entsteht im Fußball nicht durch hektische Kaderrotation oder das bloße Ansammeln von Talenten, sondern durch eine funktionierende sportliche Struktur und personelle Kontinuität. Eine Mannschaft muss sich entwickeln, Automatismen aufbauen und eine klare Achse besitzen. Mit sieben Leihspielern im Kader ist das praktisch kaum möglich. Wer jedes Jahr große Teile des Teams austauschen muss, v.a. weil man sich in so wie CF der Transferpolitik und bei der Besetzung des Cheftrainer-Postens vergaloppiert hat, produziert eher permanente Übergangszustände als nachhaltigen Fortschritt.
Deshalb ist es verfrüht, wenn nicht sogar eine Verklärung von Tatsachen, wenn du bereits jetzt von einer „nicht zu ignorierenden Trendwende“ schreibst. Ja, Werder setzt stärker auf entwicklungsfähige Spieler und mögliche Transfererlöse – das ist offensichtlich. Aber daraus automatisch ein funktionierendes Modell nach Frankfurter Vorbild abzuleiten, ist stand heute wesentlich mehr Hoffnung als Realität. Zumal die Transferpolitik der gerade abgelaufenen Saison unter Clemens Fritz & Co. in vielen Bereichen schlicht desaströs war. Dass nur ein Jahr nach dem letzten größeren Umbruch schon wieder der nächste massive Kaderumbau bevorsteht, ist eher ein Alarmzeichen als ein Beweis für strategische Klarheit in der Kaderzusammenstellung. Sondern der Beleg eines verplemperten Jahres. Schulnote in Transferpolitik: Note 5- bis 6!
Transferüberschüsse entstehen außerdem nicht allein dadurch, dass man Talente verkauft. Entscheidend ist, wie die Einnahmen reinvestiert werden. Wenn die Erlöse aus Spielern wie Backhaus oder Coulibaly am Ende wieder in kurzfristige Notlösungen, Leihkonstruktionen oder Fehleinkäufe fließen, dreht sich Werder lediglich im Kreis. Eine Trendwende entsteht erst dann, wenn so wie in Frankfurt oder Freiburg die Reinvestitionen von Transferüberschüssen über eine eingermaßen gewisse Kontinuität verfügen. Davon ist Werder aber noch ein sehr großes Stück entfernt.
Ob Clemens Fritz und sein Team die Kompetenz besitzen, diesen Prozess erfolgreich zu steuern? Nach seinen bisherigen zwei Jahren als Geschäftsführer Profifußball darf durchaus bezweifelt werden – insbesondere nach der in nahezu allen Bereichen enttäuschenden, ja sogar blamablen Saison 2025/26.