[...] Und dann gibt es noch Spieler, von denen wir kaum etwas wissen. Sie leben sehr zurückgezogen, was oft dazuführt, dass sie als schlecht gelten oder arrogant.
Der Bremer Außenverteidiger und Nationalspieler Clemens Fritz ist so einer. Nach einer Hochphase 2007 konnte er nach der EM nicht an seine alten Leistungen anknüpfen. Er wirkte zuletzt schwerfällig. Das brachte ihm Hohn und Spott ein, obwohl er bei den Frauen als attraktivster Spieler in Jogi Löws Team gilt, als deutscher David Beckham.
Doch Fritz schweigt. Wie tickt so jemand? Was ist los mit ihm? "Ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht deprimiert, wird schon wieder besser", sagt der 28-jährige Erfurter. Im gediegenen Café Ambiente, unweit des Bremer Weserstadions, will Clemens Fritz am hintersten Tisch in der äußersten Ecke sitzen. Er will vieles - im Rampenlicht stehen allerdings nicht. "Ich hab kein Bock auf den ganzen Scheiß. Muss ich als Fußballspieler auch Popstar sein?", fragt er und schüttelt den Kopf. Konsequent verweigert er sich Homestorys oder allzu intimen Interviews.
"Ich will meinen Job machen, da gebe ich alles", erklärt Fritz. Unvorstellbar ist für ihn zum Beispiel, seine Freundin Millie in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Sie kommt hin und wieder zu Spielen, das war's aber auch.
Auch mit den Fans, die nach jedem Training auf ihn warten, ist das so eine Sache. Bereitwillig gibt er stets Autogramme, nur wenn sie wie Hitchcocks Vögel an ihm reißen und zerren, sieht er rot. "Die Leute sollen Fragen, ich bin der Letzte, der sich einem Foto verweigert, aber auch wir Spieler sind keine Roboter."
Wenn man morgens um 9 Uhr zum Training kommt und noch kein Dauergrinsen im Gesicht hat, werde einem das schnell als Arroganz ausgelegt, "dabei bin ich einfach nur noch nicht richtig wach. Wer kann denn auf Knopfdruck fröhlich sein?"
Bodenständigkeit ist eines der Attribute, das Leuten wie Clemens zugeschrieben wird. Per Mertesacker, einer der besten Freude von Clemens, sagt dazu: "Wir brauchen das eben nicht, uns vor jede Kamera zu werfen, es geht auch anders."
Ausdrucksstarker Beweis dafür war ein Moment nach dem sensationellen EM-Sieg der Deutschen über Portugal. Die Spieler flippten aus. Bastian Schweinsteiger rannte mit nacktem Oberkörper und einem albernen Hut zu seiner Modelfreundin Sarah Brandner. Clemens stürmte zu seinen Eltern. Er umarmte seinen Vater. Lange und fest. Sekundenlang wurde der intime Moment von den Kameras eingefangen.
Fans glauben oft, alles über ihre Lieblinge zu wissen, aber in Wahrheit "kennt mich keiner von denen wirklich", erklärt Clemens.
Genauso wenig kennen etliche Fans das Tagesprogramm der Profis. Es ist längst nicht damit getan, zweimal pro Tag zu trainieren und samstags ein Spiel zu machen. Pressetermine liegen dazwischen, Einzeltraining, Physiomaßnahmen, ärztliche Untersuchungen, Strategiegespräche, soziales Engagement, Fanaktionen, Trainingslager, Auslandsreisen und so weiter.
Clemens räumt ein, gut damit leben zu können, "wenn mal ein Samstag frei wäre".
Viele sagen: "Tja, dafür bekommen die auch Millionen, sie sollen was tun." Das stimmt, degradiert die Profifußballer aber zu Maschinen und blendet aus, dass ein so öffentlicher Beruf einen hohen Preis fordert. Ein normaler Einkauf ist nicht möglich, genauso wenig ein Spaziergang. Denn vor allem Fußballern schlagen häufig unkontrollierte Emotionen entgegen. Was tust du dann, Clemens?"
"Ruhig bleiben. Wenn ich mich aufregen würde, käme das ja eh auf mich zurück, die Presse würde es dem Spieler wohl schlecht auslegen. Ich sage dann einfach: ,Ok, das ist deine Meinung, ich habe eine andere', und würde gehen." Ob Jermaine Jones sich auch so verhalten würde? Mark van Bommel? Oder Stefan Effenberg? Damit reiht Clemens sich ein in eine neue Generation von Fußballern wie Simon Rolfes, Thomas Hitzelsberger oder auch Philipp Lahm - allesamt ohne Ecken, aber nicht ohne Emotionen.