Dass Pizarro das nicht mehr von draussen mit ansehen konnte ist absolut löblich. Klar. Trotzdem bleiben bei dieser Sache für mich Fragen wie
1.) Welche Verantwortung hatte/hat bei dieser "nicht gestatteten Längerbelastung" der Trainerstab und hätte er zwingend eingreifen können oder sogar müssen?
2.) Welche Verantwortung tragen die Sportärzte trotz "relativ hoher Wahrscheinlichkeit"? Trotz des Hinweises, "eigentlich länger pausieren zu müssen"? Will sagen, inwieweit wird der Heilungsprozeß richtig bzw. zwingend eingeschätzt, besonders wenn es nicht zum ersten Mal so geschieht?
Ist demzufolge
3.) Pizarro`s eigene Unprofessionalität der alleinige Grund? Ist sein Alter und das Pech alleine schuld?
Vielleicht liege ich da falsch, aber stellen Spieler für Werder sowohl finanziell als auch in diesem Zusammenhang sportlich nicht einen zu hohen Gegenwert dar, als dass sie mit "relativ hoher Wahrscheinlichkeit" - in Restwahrscheinlichkeit - sich selbst überlassen werden?
Man sollte sich zunächst erstmal bewusst sein, dass es in der Medizin nur wenige Ausnahmen gibt, bei denen etwas zu 100% sicher ist.
Wenn man dies immer im Hinterkopf hat, kann man Medizin schon mal etwas besser beurteilen.
Generell gilt doch immer... wenn ich alle Diagnosemöglichkeiten voll ausgeschöpft habe und sich keine Auffälligkeiten zeigten und besonders wichtig, der Patient keine Symptome angibt, dann werde ich als Arzt davon ausgehen, dass mit großer Wahrscheinlichkeit die Verletzung verheilt ist. Es bleibt mir keine andere Möglichkeit vollkommene Sicherheit zu erlangen. Jetzt habe ich 2 Optionen...
a) Nur um absolut sicher zu gehen, verordne ich dem Patienten bei völliger Beschwerdefreiheit dennoch weiterhin eine Pause. Ich erwarte keinerlei Verletzung, aber bin mir des geringen Restrisikos durchaus bewusst. Sollte sich der Patient gegen ärztlichen Rat belasten, bin ich abgesichert
b) Ich nehme das Risiko in Kauf, weil ich es empirisch abschätzen kann und dieses auch im unglücklichen Falle eines Rezidivs gegenüber etwaigen Klägern vertreten kann.
Bei einem Profisportler bin ich mir sehr sicher, werden trotz seines Wertes für den Verein die meisten Ärzte b) nehmen...unter der Voraussetzungen, dass sich an die Zugeständnisse, die ich mache, aber auch wirklich gehalten wird bzw. dass der Spieler sensibel und verantwortungsbewusst genug ist, sich SOFORT zu melden, wenn etwas nicht stimmt (was Piza nicht getan hat).
Zu deinen Fragen also:
1) der Trainer kann hier nur eingreifen, wenn der Spieler ihm die Beschwerden mitteilt. Dies konnte aber hier leider nicht rechtzeitig geschehen. Ansonsten verlässt er sich auf die Risikoabwägung des Arztes
2) wie oben beschrieben hat, wird es IMMER ein Restrisiko geben. Dieses erhöht sich bei Piza durch sein Alter und dadurch, dass der Muskel bereits vorgeschädigt ist. Aber selbst wenn Piza 3Monate völlig beschwerdefrei pausiert, wird er durch diese Umstände nicht 100% sicher geheilt sein. Wo zieht man als Arzt da die Grenze?? Vermutlich dort wo es nach langjähriger Erfahrung bisher so gut wie immer gut ging...
3) Schuld ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung
Beispiel: unter allen Menschen, die eine Helicobacter-Infektion haben, werden 1% einen Tumor bekommen, der sie binnen 1Jahres töten wird. Dennoch werde ich nicht die 35% der Bevölkerung, die eine Infektion haben, einer teuren und Nebenwirkungs-reichen Therapie unterziehen. Nur mal, um es an einem drastischeren Beispiel zu verdeutlichen. Das ist eben ein geringes Restrisiko, dass es in der Medizin nahezu immer gibt.
Und so gab es das auch bei Piza

Von ärztlicher Seite war er höchstwahrscheinlich geheilt mit der Kompromisslösung, dass man ihn zur Sicherheit nur 60min einsetzt. TS hat sich versichert, ob es geht und Piza versichert, dass es auch nach 60min noch geht. Das DANN etwas passiert, war statistisch unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen.