Man muss, wenn man die Beiträge in diesem Forum liest, sicherlich keinen Löw-Hass "unterstellen". Der ist evident. Genauso ist es falsch, jede Personalentscheidung von Löw komplett zu sezieren oder seitenlang Kadernominierungen infrage zu stellen. Wir kennen die einzelnen Spieler nicht und Löw und sein Team denken sich etwas bei der Kaderzusammenstellung. Schlimm finde ich auch, wie über einzelne Spieler komplett fehlgeurteilt wird.
Wenn ich zum Beispiel die Einschätzungen in diesem Forum zu Höwedes lese, wird mir regelmäßig übel. Höwedes ist ein exzellenter Verteidiger, der eine starke WM spielt und der auch in der Vergangenheit öfter AV gespielt hat, bei Schalke und in der Nationalmannschaft. Er hat ein gutes Stellungs- und Kopfballspiel, gewinnt sehr viele Zweikämpfe, gerade auch gegen kleine, wendige Spieler. Und er macht, wenn über die andere Seite angegriffen wird, sehr gut im Zentrum mit. Diese Entscheidung Löws ist ein wesentlicher Baustein des Erfolgs bei dieser WM. Wer da etwas anderes sagt, der hat meiner Ansicht nach das Spiel nicht kapiert, sorry.
Dann nehmen wir Manuel Neuer. Hier im Forum behaupten (hoffentlich inzwischen: behaupteten) viele, dass Weidenfeller der bessere Torwart sei. Das ist dermaßen lächerlich, dass mir dazu nicht viel einfällt. Neuer ist der beste Torwart der gesamten WM und spielt überragend, in allen Belangen des Torwartspiels. Das sind so Urteile, wo ich mich frage, warum manche Leute nicht lieber sich zu Themen äußern, von denen sie auch etwas verstehen.
Dann Taktik: Wenn Mick, bei aller Liebe, als Taktikkoryphäe herangezogen wird, dann lache ich mich kaputt. Zwar nicht, weil alles, was er sagt falsch wäre. Sondern deswegen, weil alles, was er zu taktischen Fehlern sagt, dermaßen übertrieben und verallgemeinert wird, dass am Ende der Trainer und die Taktik über Sieg und Niederlage entscheiden. Das halte ich für vollkommen falsch.
Im Übrigen gibt es sehr wohl Kritik an Löw und anderen Trainern, die ich nachvollziehbar finde. Zum Beispiel dann, wenn einzelne, konkrete Maßnahmen in einem konkreten spiel bemängelt werden, allerdings sollte man dies dann am besten bereits bemängeln, bevor das Spiel überhaupt angefangen hat, da es keine Kunst ist, ex post die Fehler aufzuzählen, die zu einem konkreten Ergebnis geführt haben. Die Löw'sche Aufstellung ohne Stürmer und mit Lahm im Mittelfeld hatte ihre Berechtigung, da Lahm zu Beginn der WM im Mittelfeld gebraucht wurde, weil Khedira, Klose und Schweinsteiger nicht voll fit ins Turnier gehen konnten. Dass sie allesamt wichtige Spieler sind, wurde von niemandem bestritten und es wurde, umindest von denen, die nicht Jogi Löw an allem die Schuld geben, bereits vor dem Turnier gesagt, dass es fundamental wichtig wird für den Erfolg der Truppe, dass diese Spieler im Laufe der WM an Fitness zulegen.
Die Kritik an Löw sehe ich insofern in Bezug auf das Algerien-Spiel als berechtigt an, da man meiner Ansicht nach gegen diese physische Mannschaft erstens einen Stürmer und zweitens, wenn möglich, auch einen schnellen AV wie Lahm gut hätte gebrauchen können. Man muss dies aber dahingehend einschränken, dass wir nicht wissen, wie fit die einzelnen Spieler wirklich waren. Trotzdem halte ich den Ansatz, dass man sich in dem Spiel Stress gespart hätte, wenn man von Anfang an auf die Aufstellung vom Viertel- und Halbfinale gesetzt hätte, für korrekt.
Nicht richtig finde ich aber, wenn ex post alles, was nicht geklappt hat, als "taktischer Fehler" komplett seziert und dem Trainer als Beweis seiner Unfähigkeit unter die Nase gerieben wird. Ein Nationaltrainer hat bei einem großen Turnier maximal 6-7 Spiele zur Verfügung und wenn etwas nicht klappt, dann ist das turnier aus. Das passiert und im Endeffekt ist es auch an den Spielern, eine Taktik umzusetzen. Für mich erklärt Löws taktik zum Beispiel nicht die fatalen Abwehrfehler im Halbfinale gegen Italien 2012. Da ist eben auch individualtechnisch sehr viel schiefgelaufen. Diese Komponente wird aber von den Taktikfüchsen des Forums immer gern ausgeblendet. Aber wie so ein Spiel läuft, wenn Deutschland nicht durch einen Riesenbock 0:1 in Rückstand gerät und damit Italien ins Blatt spielt, weiß auch keiner.
Wenn man sich über Taktik unterhält und dabei über die deutsche Nationalmannschaft spricht, dann gilt erstens das, was felissilvestris sagt: Das Team ist heute deutlich besser besetzt als früher. Und zweitens gilt aber ebenso, dass Löw und Klinsmann dem Team ansehnlichen, erfolgversprechenden Fußball verordnet haben, wovon das Team auch dank der Kontinuität im sportlichen Bereich bis heute profitiert. Es ist in der Lage, ein schwaches Team schnell und sofort zu sezieren, wenn dieses die Möglichkeit bietet. Es erkennt Schwächen des Gegners und handelt danach. All diese Dinge sind eben eine Folge des verbesserten Spielermaterials und guter Arbeit im sportlichen Bereich.
Davon unabhängig ist es, was man von einzelnen Entscheidungen hält, wenn ein Trainer auf einen ganzen Schwung brauchbarer Spieler zurückgreifen kann, wird es immer auch taktische und personelle Alternativen geben. Aber allein die Existenz der Alternativen sagt nicht - und das vergessen die Löw-Basher in diesem Forum und das macht ihre Kritik zu Bashing - dass das Nichtbefolgen ein Fehler ist oder Ausweis einer falschen Taktik oder Personalpolitik des Bundestrainers ist. Es zeigt lediglich, dass man vieles auch anders machen könnte. Wenn man aber das Ergebnis der Arbeit dieses Bundestrainers sich insgesamt ansieht, dann muss man wohl konstatieren, dass anders wohl nicht unbedingt immer besser bedeuten muss.