Er mag ein absoluter Fachmann sein, aber in den wirklich wichtigen Spielen zeigt er mit seiner Auf- und Einstellung, dass er nicht wirklich an die Stärke des eigenen Teams glaubt und Angst vor den Qualitäten des Gegners hat. Gestern war dieser Fehler durch die Angsthasenaufstellung eklatant, aber auch in den beiden entscheidenden Spielen gegen die Spanier war unsere Elf erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange. Der eigenen Elf eine extreme Klasse zu bescheinigen, die sich auf ihr eigenes, druckvolles Spiel besinnen wird, und dann eine Aufstellung wie gestern aus dem Hut zu zaubern, das passt irgendwie nicht zusammen.
Es ist grundsätzlich wichtig, dem Kontrahenten gebührenden Respekt zu zollen und gerade auf diesem Niveau geht es nicht ohne Gegnerorientierung. Jeder gute Trainer weiss um den Wert dessen und gute Trainer sollten/ müssen in ihrer Spielphilosophie wenigstens so variabel sein, dass sie mehrere Varianten der Spielführung im Repertoire haben.
Löw hat es versucht, nicht zum ersten Mal, aber gerade seine Aufstellung in Kombination mit der Spielausrichtung (da stimme ich Dir absolut zu

) zeigte erneut auf, dass er dieses Vorhaben wiederholt mit völlig falschen Mitteln anging. Irgendwie hab ich immer den Eindruck, er hat im Prinzip den Plan B, weiss wann er ihn anwenden muss, aber nicht, wie er ihn richtig umsetzen kann.
Pirlo spielt tief in der eigenen Hälfte, alleine vor der Abwehr, weil seine herausragende Spielintelligenz bei abnehmender Physis und Schnelligkeit (auch in den Handlungen) den Italienern so am besten nützt. Dort wird mit den drei bis vier vor ihm, die sich zur Kette formieren, taktisch Raum geschaffen und das Umschaltspiel ist in beide Richtungen risikoloser. Denn Pirlo bekommt in diesem Raum, wo alle anderen im Mf vor ihm spielen, a) den Platz, den er für seinen Aktionsradius braucht und b) trifft er dort auf offensivstarke Gegenspieler, die meistens im Defensivzweikampf und Stellungsspiel ihre Schwächen haben.
Offenbar hat Löw erstens insbesondere in b) den Ansatz gesehen, wo der in den Qualispielen defensiv erprobte Kroos Pirlo` s Kreise stören sollte. Zweitens glaubte er wohl an einen sehr defensivstarken, tief gestaffelten Gegner, der wenig Raum und Chancen zulässt, wo Gomez mit seiner Abschlussstärke die eine Möglichkeit nutzen oder Podolski mit seiner Unberechenbarkeit das Überraschungsmoment bringen sollte.
Beides ging vollkommen schief. Ersteres, weil Kroos im Bemühen, diese Aufgabe zu lösen, ständig ins Zentrum zog und Özil im Bemühen, Tempo und Linie ins Spiel zu bringen, sich eher im Wege standen, als sich zu ergänzen. Zudem wurde dadurch die rechte Seite oftmals brach gelegt, wo der bemitleidenswerte Boateng vorwärts und rückwärts viel alleine lösen musste (und kaum konnte). Im Effekt bekam Pirlo trotzdem seinen Platz, auch weil er bspw. mit de Rossi oder Montolivo kluge und im Raum wie im Aufbau gute Mitspieler hatte. Diesen Umstand, dass Italien tatsächlich ein gutes Mf hat, welches viel für das eigene Spiel tun und ein eigenes Spiel durchdrücken kann, hat Löw offenbar unterschätzt.
Somit konnten wir das Spiel gerade fussballerisch nicht so stark dominieren wie gedacht und die Aufstellung erwies sich als Boomerang. Podolski und besonders Gomez sind viel zu statisch. Gomez schafft es vom Kopf her nicht, seine Gegenspieler raus- und wegzuziehen, um den entscheidenden Raum für die Mitspieler zu schaffen, und er ist für zweite Bälle quasi unbrauchbar, in jeder Hinsicht. Erschwerend hinzu kommen die bekannten Mängel in Ballbehauptung und Verarbeitung. Genau diese Qualitäten hat aber Klose und diese Qualitäten haben uns enorm gefehlt. Gegen einen so gut organisierten Gegner mit spielerischer Qualität war die Herausnahme von gleich drei Leuten wie Müller, Klose und Reus in Summe in puncto Beweglichkeit und Spielverständnis grundfalsch. Vor allem wurde dadurch die größte Waffe im deutschen Offensivspiel, die Fähigkeiten von Özil, praktisch aus dem Spiel genommen. Mit so unklugen Bewegungen (vorausgesetzt es findet überhaupt Bewegung statt) wie sie Kroos, Podolski und Gomez vor oder neben ihm zelebrierten, drückt eben auch ein Özil dem Spiel nicht so den Stempel auf, wie er es kann. Die Bewegungen und Laufwege der Mitspieler diktieren die Ideen und deren zielgerichtete Ausführung.
Überhaupt, was Gomez angeht, so halte ich`s nicht für Zufall, dass D in den drei Vorrundenspielen, mal abgesehen von den Stärken der Gegner, so große Schwierigkeiten hatte, genügend Chancen zu erspielen, dafür aber einigermaßen effizient war, während es im Viertelfinale und gestern in der zweiten Halbzeit genau umgekehrt zu sein schien. Und dass Bayern München seine absolut stärkste Phase in den letzten drei Jahren hatte, als van Gaal auf Klose oder Olic statt Gomez setzte (wofür er letztlich von Hoeneß angezählt wurde). Gomez hat bei dieser EM genau einmal wirklich gut ausgesehen gegen die vielleicht schwächste IV des Turniers, die der Holländer.
Allgemein bleibt festzuhalten, dass 6 Gegentore in 4 Spielen viel zu viel sind (wobei obendrein gegen Portugal zweimal Metall rettete), gerade bei dem Anspruch, Europameister werden zu wollen. Auch das halte ich nicht für Zufall, dass wir mit der Innenverteidigung in der Zusammensetzung Hummels/ Badstuber vor der EM fast nie zu Null spielten und selten gewannen, Probleme, die teilweise bei dieser EM ihre Fortsetzung fanden. Hummels hatte in jedem Spiel eins, zwei grobe Korken drin, ähnlich sah er beim BVB zuletzt in Euro League und Champions League aus. Auf höchstem Niveau scheint es bei ihm (noch) nicht zu reichen. Badstuber hat die Merte-Aufgabe des Abwehrchefs gut übernommen und gelöst, aber eben noch nicht wie Mertesacker in früherer Normalform.
Löw hat hier Mut zum Risiko bewiesen, weil diesen Spielern die Zukunft gehört und Mertesacker lange verletzt, aber ob dieses Experiment in solch einem Turnier angebracht war, bleibt zumindest fragwürdig. Gerade beim 0:2 gestern hab ich mich gefragt, wer da überhaupt die Kommandos, zum Beispiel beim Abseitsstellen gibt. Generell hatten wir
genau in diesem Bereich während der EM einige Probleme, die so während der letzten drei großen Turniere nicht auftraten. Aber das wird sich entwickeln (hoffentlich).
Das liegt natürlich trotzdem nur zu einem geringeren Anteil an der IV, die insgesamt ein gutes Turnier spielte. Formkrisen, Verletzungen, Verunsicherung, die aus Saisonergebnissen und Erlebnissen resultieren, wie bei Schweinsteiger, Klose, Podolski, Mertesacker oder Müller können schwerlich einkalkuliert werden. Vor allem aber ist es die Spielidee, der es aus oben angemerkten Gründen zu oft am nötigen Plan B mangelt, was spätestens in Spielen auf höchstem Niveau gegen gut organisierte Gegner, die darüber hinaus genügend individuelle Qualität im Team haben, erwartungsgemäß zum Scheitern führt. Hier steht eben auch der Bundestrainer in der Pflicht, sich an einem gewissen Punkt selbst weiterzuentwickeln, sonst bleibt er ein Romantiker und wird kein Titelträger, obwohl das Potential dafür absolut vorhanden ist.
Irgendwie kommt mir das alles bekannt vor.
Davon abgesehen ist Fussball auch viel Kopfsache und auf diesem Niveau entscheiden Kleinigkeiten, die sich teilweise im Kopf abspielen. Wenn die Medien permanent vom Angstgegner und Horrorserie gegen Italien berichten, dann kann das in Extremfällen zu entscheidenden Aussetzern führen, egal wie oft vorher die Durchhalteparolen "wir sind stark genug" oder das Besinnen auf die eigenen Qualitäten wiederholt werden. Dann weicht in besonderen Situationen das über das Turnier gesammelte Selbstvertrauen dem "zu viel Denken".