Allgemeiner Wahl-Thread

Welche Koalition wünscht Ihr Euch?

  • CDU / CSU / SPD

    Votes: 3 17,6%
  • CDU / CSU / Grüne

    Votes: 2 11,8%
  • SPD / Grüne / Linke

    Votes: 6 35,3%
  • Nichts davon - Neuwahlen

    Votes: 6 35,3%

  • Total voters
    17
Verwechsle bitte Populismus nicht mit Realismus.

Wenn man arbeitslos ist, vollkommen egal ob gewollt oder unschuldig, muss man mit Einschränkungen leben und sich anpassen. Ich war selbst mal in der unglücklichen Situation, vom Staat leben zu müssen, und habe es wunderbar hinbekommen.

Was Betreuungssituationen angeht magst du Recht haben, damit kenne ich micht nicht aus.


Wenn Du die Erhöhung von Hartz IV mit einer Urlaubsreise in Verbindung bringst, dann ist das Populismus, denn mit Hartz IV ist eine Urlaubsreis Utopie und jeder, der in einer ähnlichen Situation war, sollte das Wissen und bei diesem Thema mit mehr Fingerspitzengefühl argumentieren. ;)
 
Ungewohnte Worte im Wahlkampf:

„Nach der Bundestagswahl wird es nicht um die Frage gehen, welche Steuer gesenkt wird, sondern welche erhöht werden muss, damit das Staatsdefizit gesenkt werden kann. Das ist allen Parteien klar, auch wenn sie jetzt anderes behaupten.“ Das sagte gestern Morgen der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, der wahlkämpfend mit dem Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy ins Rathaus gekommen war, um mit Vertretern von Wirtschaft und Politik über Wirtschafts- und Finanzkrise und die Auswirkungen auf den kommunalen Sektor zu diskutieren.[...]Nachdem die Talsohle erreicht zu sein scheint, müsse es in den kommenden Jahren nun darum gehen, die Staatsverschuldung zu senken. Bis 2011 werde die gesamtstaatliche Verschuldung bei 80 Prozent liegen, was den Haushalt bis 2013 mit zusätzlich rund 10 Milliarden Euro Zinszahlungen belasten werde. „Das Defizit darf nicht weiter steigen, wir müssen zurück zur Haushaltskonsolidierung“, pflichtete Edathy bei.
 
Ein flächendeckender Mindestlohn wäre aus meiner Sicht eine echte Gefahr für unqualifizierte Arbeitskräfte und Langzeitarbeitlose, genauso wie für Berufsanfänger denen dann die Möglichkeit verwehrt würde, für einen kleineren Lohn in den Arbeitsmarkt (wieder-)einzusteigen und dann dem Staat möglicherweise noch länger auf der Tasche liegen. Ich finde die Intention dahinter zwar gut, ein zu hoher Mindestlohn würde aber mehr negative als positive Folgen haben und die Arbeitslosigkeit noch verschärfen.
 
Es geht doch nicht darum 12 oder 15 Euro Mindestlohn festzuschreiben und damit niedrig Qualifizierten oder Langzeitarbeitslosen den Weg ins Erwerbsleben zu verbauen.

Zur Debatte stehen Niedriglöhne in Höhe von 8 oder 9 Euro als gesetzlicher Mindestlohn.

Damit würde verhindert, dass Arbeitskräfte für 5 oder 6 Euro Stundenlohn oder noch weniger ausgebeutet werden. Solche Löhne sind auch für gering Qualifizierte unfair. Und der Gesetzgeber hat nun mal die Aufgabe, faire Bedingungen herzustellen.
 
@ apaap

Einerseits richtig un man darf auch nicht vergessen, daß durch einen gesetzlichen Mindestlohn manche Waren und Dienstleistungen teurer werden.

Aber anderseits kann ein gesetzlicher Mindestlohn auch Synergieeffekte auslösen, denn damit würde man bei vielen Menschen die Kaufkraft erhöhen, so daß bei ihnen eine höhere Konsumbereitschaft entsteht und somit der Binnenmarkt gestärkt wird. Durch diese erhöhte Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen werden Arbeitsplätze geschaffen, wodurch eine zusätzliche Konsumbereitschaft erzeugt werden kann. Hiervon würde auch der Staat profitieren, denn mehr Konsum bedeutet höhere Steuereinnahmen und jeder neu geschaffene Arbeitsplatz reduziert nicht nur die Sozialausgaben des Staates (ALG, Hartz IV, Wohngeld etc.), sondern erhöht auch - sofern es sich um sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze handelt - die Einnahmen an Sozialversicherungsbeiträgen, so daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht so stark mit (steigenden) Lohnnebenkosten belastet werden.

Aber ob der Staat, die Wirtschaft und die Bürger bei einem gesetzlichen Mindestlohn unterm Strich tatsächlich profitieren, können wohl nur Wirtschaftswissenschaftler prognostizieren.
 
@ Bremen

Den Hinweis auf die Kaufkraft zur Stärkung der Binnennachfrage finde ich wichtig:
So geht Bekämpfung der Armut bei gleichzeitiger Stärkung der Volkswirtschaft.

Das ist so wie hinten mit Merte und Naldo sicher stehen und gleichzeitig vorn mit Mesut und Piza wirbeln :D .
 
Selbst Leute mit Bildung und anerkannten Ausbildungen werden unterirdisch bezahlt. In Frankreich verdient ein Zeitarbeiter mehr als der dem Job entsprechende fest Angestellte, da er das Risiko trägt, schneller seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Den Franzosen geht es wirtschaftlich ähnlich gut oder schlecht, je nachdem wie man es interpretiert, wie uns. Deren Methode funktioniert also. Warum ist das bei uns nicht möglich?


Daß französische Zeitarbeitsnehmer i.d.R. mehr verdienen als Festangestellte, liegt nicht nur an dem Risiko, seinen Arbeitsplatz schneller zu verlieren, sondern auch an der Zahlungsweise des Arbeitslosengeldes: Bei einer Beschäftigungsdauer von 14 Monaten in 2 Jahren wird es 22 Monate lang gezahlt, ansonsten 7 Monate bei einer Beschäftigungsdauer von 6 Monaten in den letzten 2 Jahren, so daß für Zeitarbeitsnehmer das Risiko sehr groß ist, die Mindestarbeitszeiten nicht erreichen zu können und hinzu kommt, daß das ALG in Frankreich nur 50% des letzten Einkommens entspricht (bei uns ALG I 67%) und auch noch sukzessive gekürzt wird.
 
Ich bin da auch eher bei apaap. Es ist eigentlich ein ganz einfaches ökonomische Gesetz: Wird der Preis für ein Gut (hier:Arbeit) auf dem Markt (hier: Arbeitsmarkt) künstlich über das Marktniveau erhöht, sinkt die Nachfrage nach diesem Gut. Ergo: Arbeitsplätze fallen weg oder werden nicht neu geschaffen. Gerade kleinere Betriebe in strukturschwachen Regionen können sich eine Erhöhung der Stundenlöhne um teilweise mehr als 50%, welche der Mindestlohn bedeuten würde, nicht leisten. Als beispiel wird ja gerne die ostdeutsche Friseuse genannt, welche ja in einem sehr wettbewerbsintensiven Gewerbe arbeitet.
Ein Mindestlohn würde tendenziell große, etablierte Betriebe stärken und kleinen das Überleben sowie neuen Wettbewerbern den Eintritt auf den Markt erschweren. So geschehen beim Post-Mindestlohn, der den Konkurrenten im Briefgeschäft ein Etablieren auf dem Markt erschwert oder oft völlig unmöglich gemacht hat. Leidtragende sind die Kunden, denen hier Alternativen zum Monopolisten Post weggebrochen sind.
Ein Mindestlohn, der über dem Marktniveau liegt, und nur ein solcher würde ja überhaupt einen Effekt haben, würde einen Einbruch der Nachfrage nach arbeit im Niedriglohnsektor nach sich ziehen. Natürlich gäbe es auch Profiteure, und zwar die Menschen, die tatsächlich vom Mindestlohn profitieren und nicht ihren Job verlieren. Diese könnten dann, wie von "Bremen" angemerkt, auch den Konsum anheben. Doch auch wenn ich kein Ökonom bin, reicht die Kenntnis einfachster ökonomischer Gesetze (s.o.), um zu erkennen, dass es bei einem gesetzlichen Mindestlohn deutlich mehr Verlierer als Gewinner geben würde. Dies wären aber genau die Menschen, denen man eigentlich helfen wollte. Zusätzliche Arbeitslose oder solche, die keinen neuen Job finden aufgrund des Mindestlohns, würden aber auch die von "Bremen" beschriebenen positiven Effekte für die Staatskasse wieder "auffressen".

Bei der Ablehnung des Mindestlohns geht es ja nicht darum, prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu ignorieren. Im Gegenteil, mir tut jeder einzelne Mensch leid, der für einen Hungerlohn arbeiten muss. Aber oft sind gut gemeinte Maßnahmen eher schädlich für ihre Adressaten. So würde ein gesetzlicher Mindestlohn eben viele für wenig Geld arbeitende Menschen zu Arbeitslosen machen, anstatt ihnen zu mehr Lohn zu verhelfen.

Die FDP, welche ja bekanntlich den Mindestlohn aus den von mir dargelegten Gründen ablehnt, hat mit ihrem Bürgergeld-Konzept eine Alternative vorgelegt. Das Bürgergeld fasst Hartz 4 sowie alle anderen steuerfinanzierten Transferleistungen in einer Leistung zusammen und erspart dem Leistungsempfänger so unnötige Behördengänge. Arbeitslose erhalten 662€ monatlich und dürfen bis zu 100€ im Monat anrechnungsfrei dazuverdienen. Bei allen darüber hinaus gehenden Löhnen wirkt das Bürgergeld als negative Einkommenssteuer. Der Bürgergeldanspruch wird mit dem Bruttoeinkommen verrechnet. Dabei werden nur 60% des Einkommens zur Verrechnung herangezogen. Die Menschen erhalten zusätzlich zu ihrem Lohn also ein um 60% des Bruttolohnes gekürztes Bürgergeld. So wird sichergestellt, dass jeder, der arbeitet mehr Geld in der Tasche hat, als jemand, der nicht arbeitet, also mehr als die 662€ Bürgergeld. Der Vorteil gegenüber dem Mindestlohn ist, dass die Lohnkosten für die Arbeitgeber nicht steigen und so die Hürden für den Einstieg in die Erwerbstätigkeit für die Menschen deutlich niedriger sind.
 
ich seh das anders.

Ich finde, die Existenzsicherung der Menschen und ihrer Familien durch faire Arbeitslöhne ist ein Grundbedürfnis, das man nicht den simplen ökonomischen Gesetzen des Marktes überlassen darf.
Die Kräfte des Marktes sind nämlich ungeeignet, Armut zu verhindern. Die Armut zu bekämpfen, muss aber politisches Ziel bleiben, finde ich.
Also muss der Staat regulierend eingreifen.An dieser Stelle zeigt sich der Unterschied zwischen Marktwirtschaft und sozialer Marktwirtschaft.

Der Staat greift ja völlig berechtigt auch an anderer Stelle ein, um unsoziale Auswirkungen des Marktes abzufedern: Beim gesetzlichen Mindesturlaub, im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, beim Umweltschutz und und und. . .

Man stelle sich mal vor, all diese existenziellen Fragen würde man dem Markt überlassen.
 
Es geht ja nicht darum, dass wir oder die Regierung entscheidet, etwas den Gesetzen des Marktes zu überlassen. Auf einem Markt, und so auch auf dem Arbeitsmarkt, gelten bestimmte ökonomische Spielregeln, so auch die, dass ein höherer Preis die Nachfrage verringert. Durch einen Mindestlohn werden diese ja nicht ausgehebelt, sondern zeigen gerade ihre Wirkung. Wie ich geschrieben habe, bin ich vor allem deswegen gegen den Mindestlohn, weil er meiner Meinung nach den Menschen, denen man eigentlich helfen möchte, mehrheitlich eher schaden würde.
Die Absicherung einer menschenwürdigen Existenz ist eine Kernaufgabe unseres Staates, das ist richtig. Deshalb bin ich auch für das liberale Bürgergeld, das für die Bewältigung dieser Aufgabe besser geeignet ist als ein gesetzlicher Mindestlohn, weil es im Zusammenspiel mit den bestehenden Marktmechanismen wirkt und nicht von diesen ad absurdum geführt wird wie der Mindestlohn. Und diese Marktmechanismen sind nun einmal durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren (Angebot, Nachfrage, Preis/Lohn...) wirksam und können vom Staat nicht einfach durch Beschluß ausgehebelt werden. Es sei denn, wir schaffen den Arbeitsmarkt komplett ab und teilen die Jobs inklusive gehalt von Amts wegen zu.
 
Es geht ja nicht darum, dass wir oder die Regierung entscheidet, etwas den Gesetzen des Marktes zu überlassen.

Doch, Klinsi. Genau darum geht es: Überlässt die Politik es dem Markt, wo die Lohnuntergrenze ist? Oder regelt sie diese Frage selbst.

Und da sage ich (und die Kirchen und die Gewerkschaften und die Mehrheit des Volkes): Ja, das muss die Politik regeln, denn Löhne von 4 oder 5 Euro sind unsozial.
 
- Also, erstmal stelle ich fest, dass die allermeisten Jobs auch bei Preissteigerungen im Endprodukt nicht wegfallen würden. Wenn z.B. in Thüringen ein Friseurtermin 2 Euro mehr kostet durch den Mindestlohn, wird wohl kaum einer ins Ausland fahren, um dort zum Friseur zu gehen. Die allermeisten Jobs in Niedriglohnsektoren sind einfach nicht auslagerbar
- ein SEHR WICHTIGES Argument: Die Firmen, die faire Löhne zahlen machen sich damit selbst kaputt!! Weil diese mehr Löhne und mehr Sozialabgaben zahlen, finanzieren sie indirekt auch das Lohndumping der direkten Konkurrenten (weil die Arbeiter der Konkurrenz zum Teil vom Staat mitfinanziert werden) und zerstören sich damit selbst. Das muss man sich mal klarmachen.
- im deutschen Markt würde dann bei gleichen Voraussetzungen beim Lohn letztlich die Qualität entscheiden, welcher Anbieter sich durchsetzt und welcher nicht
- Durch einen Mindestlohn gäbe es allgemein in Deutschland mehr Kaufkraft, d.h. zusätzliche Jobs würden geschaffen werden.
- ich finde eine Gesellschaft im 3. Jahrtausend darf es nicht akzeptieren, dass Leute für einen Lohn arbeiten müssen, von dem sie nicht leben können
- wenn das alles so schlimme Auswirkungen hätte, frage ich mich, warum so ziemlich alle Länder um uns herum den Mindestlohn haben (teilweise deutlich höher als es Gewerkschaften, die SPD und die Grünen fordern) und dort trotzdem nicht mehr Arbeitslosigkeit herrscht als bei uns
- Mindestlöhne bekämpfen Schwarzarbeit, weil Menschen von Ihrer Tätigkeit leben können und so nicht mehr schwarz Geld dazu verdienen müssen
- und letztlich ergeben sich deutlich höhere Staatseinnahmen, weil mehr Sozialabgaben reinkommen
 
Zitat von linksaußen:
Doch, Klinsi. Genau darum geht es: Überlässt die Politik es dem Markt, wo die Lohnuntergrenze ist? Oder regelt sie diese Frage selbst.

Ich glaube du verstehst nicht genau, was ich meine.
Es klingt ja alles so schön einfach: Wir sagen, es soll ein Mindestlohn von 8€ in der Stunde gelten, die Arbeitsverträge werden entsprechend angepasst und alle sind glücklich und zufrieden.
Das Ganze hat aber eben einen gewaltigen Haken: Es gibt eine ganze Menge vor allem kleinerer Unternehmen, die sich gerade so über Wasser halten können und bei einer solchen Lohnkostenerhöhung irgendwann pleite gehen bzw. Leute entlassen müssen, um eben dies zu verhindern. Dann stehen die Menschen, denen wir eigentlich helfen wollten, auf der Straße und die schöne rosa Mindestlohn-Seifenblase ist zerplatzt. Der Staat kann das Lohnniveau nicht künstlich anheben, ohne einen Bereinigungsmechanismus auf dem Arbeitsmarkt in Form von Arbeitsplatzabbau zu provozieren. Das ist keine Frage des guten Willens, es geht einfach nicht! Auf dem Arbeitsmarkt, und jedem anderen Markt, gelten nunmal bestimmte Gestzmäßigkeiten, deren Gültigkeit unabhängig ist vom Willen der Regierung. Diese Unwillkürlichkeit ist im Übrigen eine, wenn nicht sogar die große Stärke der Marktwirtschaft.

Und nochmal: Niemand will, dass Menschen arbeiten und nicht genug zum Leben haben. Deshalb das liberale Bürgergeld, weil es der Realität auf dem Arbeitsmarkt am besten Rechnung trägt und jedem Arbeitenden ein ausreichendes Einkommen verschafft, ohne dabei den Unternehmen Anreize zur Einstellung Geringqualifizierter zu nehmen. Mit einem Mindestlohn lässt sich dieses Ziel nicht erreichen, deshalb bin ich dagegen.
 
- Also, erstmal stelle ich fest, dass die allermeisten Jobs auch bei Preissteigerungen im Endprodukt nicht wegfallen würden. Wenn z.B. in Thüringen ein Friseurtermin 2 Euro mehr kostet durch den Mindestlohn, wird wohl kaum einer ins Ausland fahren, um dort zum Friseur zu gehen. Die allermeisten Jobs in Niedriglohnsektoren sind einfach nicht auslagerbar

Vielleicht nicht auslagerbar. Aber wenn der Haarschnitt teurer wird, gehen viele Leute halt nicht mehr so oft zum Friseur, lassen sich die Haare von Freunden/Familie oder in Schwarzarbeit schneiden. Und ganz ehrlich: Wenn ich mich hier in Frankfurt oder auch anderswo so umgucke, gibt es so viele Friseursalons, dass dort einige wegfallen könnten, ohne dass eine Versorgungslücke entsteht. Die Jobs werden nicht ausgelagert, die fallen einfach weg.

- ein SEHR WICHTIGES Argument: Die Firmen, die faire Löhne zahlen machen sich damit selbst kaputt!! Weil diese mehr Löhne und mehr Sozialabgaben zahlen, finanzieren sie indirekt auch das Lohndumping der direkten Konkurrenten (weil die Arbeiter der Konkurrenz zum Teil vom Staat mitfinanziert werden) und zerstören sich damit selbst. Das muss man sich mal klarmachen.

Deshalb bin ich beim von mir favorisierten Bürgergeld auch für eine genaue Prüfung seitens des Staates, wenn ein Unternehmen Bürgergeld in Verrechnung mit dem Lohn beantragen. Das könnte in etwa so aussehen wie bei der Kurzarbeit, wofür die Finanzmittel ja auch beantragt werden müssen. Bürgergeld sollte es nur dann geben, wenn die Notwendigkeit besteht. Ein Ausnutzen der staatlichen Leistung durch Firmen muss verhindert werden. Ansonsten gilt: Wer höhere Löhne zahlt, bekommt auch die besten Arbeiter und bietet die beste Qualität. Diese wird sich, wenn auch nicht bei allen potenziellen Kunden (s.u.), durchsetzen, sodass ein solches Unternehmen auch gegenüber billigerer Konkurrenz bestehen kann.

- im deutschen Markt würde dann bei gleichen Voraussetzungen beim Lohn letztlich die Qualität entscheiden, welcher Anbieter sich durchsetzt und welcher nicht

Der Preis ist aber für viele Leute schon aufgrund des Geldbeutels ein wichtiges Entscheidungskriterium. Es gibt halt Kunden, die genug Geld haben und unabhängig vom Preis nur auf die Qualität achten können. Es gibt aber eben auch sehr viele, die stark auf den Preis achten müssen. Ein Wettbewerb über den Preis gehört in einer Marktwirtschaft dazu. Und nochmal: Steigt der Preis z.B. für einen Haarschnitt deutlich an, wird diese Dienstleistung eben verstärkt auf inoffiziellem Wege wahrgenommen.

- Durch einen Mindestlohn gäbe es allgemein in Deutschland mehr Kaufkraft, d.h. zusätzliche Jobs würden geschaffen werden.

Nicht wenn noch mehr Jobs wegfallen und die Kaufkraft dieser menschen fehlt. mMn die wahrscheinlichere Variante.

- ich finde eine Gesellschaft im 3. Jahrtausend darf es nicht akzeptieren, dass Leute für einen Lohn arbeiten müssen, von dem sie nicht leben können

Stimmt, deshalb bin ich auch für das Bürgergeld als das Instrument, mit dem dies am effektivsten geändert werden kann.

- wenn das alles so schlimme Auswirkungen hätte, frage ich mich, warum so ziemlich alle Länder um uns herum den Mindestlohn haben (teilweise deutlich höher als es Gewerkschaften, die SPD und die Grünen fordern) und dort trotzdem nicht mehr Arbeitslosigkeit herrscht als bei uns

Reine Quervergleiche mit anderen Ländern sind zu einfach. Da spielen noch andere faktoren mit rein, wie die Flexibilität des Arbeitsmarktes, die Höhe der Lohnnebenkosten u.a.. Hier hat Deutschland mit die ungünstigsten Rahmenbedingungen für ein Mindestlohnexperiment. Außerdem fallen diejenigen Länder aus der Rechnung raus, in denen der Mindestlohn niedriger ist als der durchschnittliche Marktlohn. In diesem Fall hat der Mindestlohn schlicht keine Wirkung.

- Mindestlöhne bekämpfen Schwarzarbeit, weil Menschen von Ihrer Tätigkeit leben können und so nicht mehr schwarz Geld dazu verdienen müssen

Mindestlöhne begünstigen Schwarzarbeit, weil viele Dienstleistungen teurer werden und die Menschen einen stärkeren Anreiz haben, sich diese Dienstleistungen auf dem Schwarzmarkt zu besorgen.

- und letztlich ergeben sich deutlich höhere Staatseinnahmen, weil mehr Sozialabgaben reinkommen

Nicht wenn dieser Effekt überlagert wird von Arbeitsplatzabbau und Zunahme der Schwarzarbeit.
 
Vielleicht nicht auslagerbar. Aber wenn der Haarschnitt teurer wird, gehen viele Leute halt nicht mehr so oft zum Friseur, lassen sich die Haare von Freunden/Familie oder in Schwarzarbeit schneiden. Und ganz ehrlich: Wenn ich mich hier in Frankfurt oder auch anderswo so umgucke, gibt es so viele Friseursalons, dass dort einige wegfallen könnten, ohne dass eine Versorgungslücke entsteht. Die Jobs werden nicht ausgelagert, die fallen einfach weg.

Also ich bezweifle, dass wegen einer minimalen Erhöhung des Endproduktpreises Jobs wegfallen. Es hilft auch nichts darüber zu spekulieren. Ich bin der Meinung, dass wenn Leute mehr verdienen (und 7,50 Euro pro Stunde ist wahrlich kein gutes Geld, ich bekomme bei meinem Nebenjob 9 Euro die Stunde) und gleichzeitig die HArtz 4 Sätze angepasst werden, auch mehr Leute bereit sind, etwas mehr für gute Dienstleistungen / Produkte zu zahlen. Und ich glaube die allerwenigsten Menschen haben einen fähigen Friseur in der Familie^^


Bürgergeld sollte es nur dann geben, wenn die Notwendigkeit besteht. Ein Ausnutzen der staatlichen Leistung durch Firmen muss verhindert werden.

Ja, wann besteht denn Notwendigkeit? Wenn ein direkter Konkurrent Dumpinglöhne zahlt? Oder wenn ein Unternehmen keine 7 stelligen Gewinne mehr macht?

Nicht wenn noch mehr Jobs wegfallen und die Kaufkraft dieser menschen fehlt. mMn die wahrscheinlichere Variante.

Ganz nebenbei ist es mir lieber, wenn ein Job wegfällt, wo der Arbeitnehmer 3 Euro die Stunde verdient. Da soll er lieber umgeschult werden und in ein normales Beschäftigungsverhältnis übergehen. Und wenn man nun davon ausgeht, dass Person x 6 Euro die Stunde erhält ist der Unterschied zu 7,50 Euro so maginal, dass dadurch keine Massenarbeitslosigkeit entstehen wird.


Hier hat Deutschland mit die ungünstigsten Rahmenbedingungen für ein Mindestlohnexperiment. Außerdem fallen diejenigen Länder aus der Rechnung raus, in denen der Mindestlohn niedriger ist als der durchschnittliche Marktlohn. In diesem Fall hat der Mindestlohn schlicht keine Wirkung.

Woran genau machst du das fest mit den ungünstigsten Rahmenbedingungen?
In Deutschland liegt doch der Durchschnittlohn auch über 7,50 Euro oder nicht??

Mindestlöhne begünstigen Schwarzarbeit, weil viele Dienstleistungen teurer werden und die Menschen einen stärkeren Anreiz haben, sich diese Dienstleistungen auf dem Schwarzmarkt zu besorgen.

Die Menschen haben aber mehr Geld in der Taschen, und wem es unter aktuellen Bedingungen nicht zu teuer ist, wird sich das mit den zukünftigen Bedingungen auch noch leisten. Schwarzarbeit kann man zudem auch noch mit niedrigeren Sozialabgaben bekämpfen bei niedrigen Einkommen.

Und mal ganz im ernst: warum soll ich als Steuerzahler die Dumpinglöhne von Unternehmen mitbezahlen? Vielleicht sollten wir auch mal ein paar weitere Branchen sammeln, in denen diese Löhne gezahlt werden.

Wichtig finde ich auch noch, dass viele Branchen selbst einen Mindestlohn gefordert haben und diesen mittlerweile auch haben.
 
Zitat von linksaußen;613342:
Mensch Klinsi, warum geht das mit dem Mindestlohn in fast allen EU-Ländern?

Und Du erzählst uns, in Deutschland sei das ein Ding der Unmöglichkeit. . .

Deutschland hat generell schon sehr hohe Lohnkosten, verursacht durch die hohen Lohnnebenkosten. Dazu kommt der im Vergleich z.B. zu Dänemark sehr unflexible Arbeitsmarkt. Dazu muss man sich anschauen, wie hoch denn der Mindestlohn in anderen Ländern ist. Es gibt dort zwei Möglichkeiten: Entweder er liegt unter dem Marktniveau, dann ist er wirkungslos. Oder er liegt über dem Marktniveau, dann bewirkt er eine geringere Nachfrage nach Arbeitskräften. In den Ländern, bei denen jetzt immer gesagt wird "Da geht es doch auch!" ist entweder ersteres der Fall, oder aber die Rahmenbedingungen wie Flexibilität des Arbeitsmarktes, Lohnnebenkosten etc. sind so günstig, dass sie negative Effekte des Mindestlohnes ausgleichen. Oder eben beides.
Zwei Beispiele:
In den USA und Großbritannien ist der Mindestlohn so niedrig, dass nur 2% der Arbeitnehemer davon betroffen sind. Hier hat er kaum einen Effekt.

In Frankreich ist der Mindestlohn deutlich höher, hier sind rund 15% davon betroffen. Hier gibt es deutliche negative Effekte vor allem für Jugendliche und Frauen.
 
Naja in den USA wird der Mindestlohn dieses Jahr auf 7,50$ festgesetzt, das ist schonmal ein Wort, was uns auch hierzulande weiterbringen würde.

Wie würdest du denn zum Mindestlohn stehen, wenn in niedrigen Einkommen die Sozialabgaben deutlich gesenkt würden wie es die Grünen fordern?
 
Bei der Senkung der Sozialabgaben wäre ich schonmal dabei. Dies ist ja auch der Weg, den ich befürworte: wer einen Bruttolohn erwirtschaftet, von dem sich gut leben lassen würde, darf der Staat diesen Menschen nicht durch Steuern und Abgaben doch noch in seine Abhängigkeit treiben. Mit der Senkung der Lohnnebenkosten hätten wir einen positiven Effekt für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der eine hat weniger Lohnkosten (Arbeitgeberanteil bei den Sozialabgaben), der ander mehr Geld in der Tasche. Der Anreiz, neue Leute einzustellen, ist auch größer. Wir haben hier also eine Reihe von positiven Effekten. Der Mindestlohn könnte nun einen von ihnen verstärken, nämlich das Netto-Einkommen einiger Arbeitnehmer noch mal etwas erhöhen. Gleichzeitg schwächt er aber die beiden anderen Effekte, die Lohnkostenersparnis der Arbeitgeber und den Anreiz für Neueinstellungen, wieder ab oder hebt sie auf. deshalb wäre eine Senkung der Sozialabgaben ohne gleichzietige Einführung des Mindestlohns für mich die bessere Alternative.
 
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