In einer ersten Stellungnahme erklärte Schavan, sie werde im Amt bleiben und gegen den Entzug der Doktorwürde klagen. In ihrer trotzigen Kampfbereitschaft verkennt die Ministerin, dass Person und Amt zweierlei sind. Als Person kann Annette Schavan natürlich mit allen Mitteln ihren Ruf verteidigen. Als Ministerin hat sie jedoch die Aufgabe, Schaden von ihrem Amt abzuwenden. Das Amt eines Bundesministers kommt vor der Person, und deshalb traten in der Vergangenheit Minister zurück, selbst wenn ihnen kein persönliches Fehlverhalten nachzuweisen war. Eine Bildungsministerin hingegen, der «systematische und vorsätzliche» Verstösse gegen wissenschaftliche Grundprinzipien attestiert werden, ist peinlich. Sie gibt ihr Amt der Lächerlichkeit preis.
Schavan schadet sich damit auch als Person, denn ein rascher Rücktritt mit dem anschliessenden Versuch einer juristischen Rehabilitierung wäre ehrenvoll gewesen vor allem in einer Zeit, in der sich Politiker ständig öffentlich entschuldigen, um danach unverfroren weiterzumachen. Nobles Pflichtbewusstsein scheint heute unwiederbringlich dahin; Politiker wie Guttenberg, Wulff und Schavan kleben so lange an ihrem Sessel, bis der Widerstand der Öffentlichkeit übermächtig wird und die Reputation wirklich zerstört ist. In allen diesen Fällen fehlte den Betroffenen jegliches Gespür für die politische Dimension. Sie verhielten sich, als gelte es, sich gegen eine unrechtmässig verhängte Parkbusse zu wehren, und ignorierten den fundamentalen Unterschied zwischen juristischer und politischer Verantwortung.