Weil nicht umsonst über die Frage, was Religion eigentlich ist, seit jeher diskutiert wird und die Meinungen weit auseinander gehen wenn es darum geht, abzugrenzen, was noch Religion ist und was nicht mehr. Und natürlich muss ich das erstmal festlegen, weil ich nur als Konsequenz dessen entscheiden kann, was dafür überhaupt nötig ist.
Der Schutz von Minderheiten ist ganz sicher ein lobenswerter Zug, aber so pauschal ganz sicher kein Merkmal zur Achtung des Individuums: Geschützt wurden und werden, zumindest theoretisch, bestimmte Gruppen der Bevölkerung, aber in vielen muslimischen Gesellschaften ganz sicher keine Individuen. Zur Individualität gehört beispielsweise auch dein Punkt, dass jeder glauben darf, was er will - sollte ein Muslim aber verkünden, dass er nicht mehr den islamischen Lehren folgt, ist es vielfach mit dem Schutz für sein Leib und Leben ganz schnell vorbei.
Fettgedrucktes war auch nur eines von mehreren Beispielen, die zeigen, was der Islam schon leisten konnte, obwohl die Religion die selbe war. Demnach spielen da andere Faktoren rein - uU auch die, die bedingen, warum der Islam heute keine Hochkultur mehr ist. Es geht viel mehr um Soziologie und Psychologie als um Theologie.
Das soll keinesfalls bedeuten, dass in der muslimischen Welt alles Andersartige stets und unter allen Umständen bedroht ist. Vielmehr geht bin ich der Auffassung, dass der Schutzgedanke sich auf Gruppen, nicht auf Individuen erstreckt.
Der Islam kollektiviert seine Anhänger genauso, wie es jede insitutionalisierte Religion versucht, wenn sie Glaubensinhalte und Standpunkte formuliert.
Durch die zahlreichen Zersplitterungen innerhalb des Islams bilden sich natürlich Gruppen, die kohäsiv zusammen stehen. Da die islamische Welt insgesamt betrachtet noch weniger globalisiert und somit mobilisiert ist, besteht auch eine größere Nähe zu traditionellen Gruppen, z.B. der Familie oder religiösen Subgruppen. Die Herrschaftstradition des Islams trägt auch dazu bei, dass Gruppen relevant sind. Ich sehe aber keine religiöse Argumentation, welche Individuen nicht schützen würde. Was ich sehe ist eine aktuelle Gesellschaftslage in Ländern wie dem eigentlich ambitionierten Iran, der Individuen tritt. Dabei handelt es sich aber viel mehr um menschlichen Fanatismus, der politisch bestärkt wird, statt um islamische Intention. Woraus ziehst du deine Schlüsse bezüglich den Umgang mit Individuen?
Zum Thema passt es insofern, als es einen Erklärungsansatz bietet für die relativ leichte Mobilisierbarkeit vieler muslimischer Gesellschaften.
Dieser Erklärungsansatz ist auch richtig, ist jedoch kein einzelner Ansatz für sich, sondern ein Teil der Erklärung. Deswegen...
Was heißt denn überbewerten? Eine Aufklärung im europäischen Sinn wäre ja kein Wundermittel, das uns alle mit einem Fingerschnippen zu sich selig lächelnd in den Armen liegenden Brüdern und Schwestern macht, und die Geschichte hat uns gelehrt, dass es ein sehr schmerzhafter Weg war, der sich über mehrere Jahrhunderte hinzog und keinesfalls frei von Rückschlägen war. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass ein ähnlicher Prozess der islamischen Welt nicht erspart bleiben darf, wenn es jemals ein dauerhaft friedvolles Miteinander geben soll.
... ist die Aufklärung nicht in ihrer Wirkung überbewertet, sondern in ihrer öffentlichen Bewertung. Und zwar insofern, dass ich den Eindruck habe, dass sie oft (und zu recht) als Ursache benannt wird, aber andere Einflüsse außer Acht gelassen werden. Das mindert nicht die Relevanz der Aufklärung, ändert aber die Perspektive. Da müssen auch andere Dinge angeboten, äh, berücksichtigt werden.
Korrekt ist, dass der Islam ein Pendant zur Aufklärung benötigt. Sowas gibt es bei muslimischen Intelektuellen, hat sich aber bisher nicht durchsetzen können. Für diesen Prozess ist es auch relevant, dass der von innen kommt, quasi als theologische Religion von unten. "Der Islam braucht Häretiker", würde Abdel-Samad rufen.