Dann: selbst wenn man es denn psychoanalytisch deuten wollen würde, dann müsste man (hier: Du) auch anführen, dass das ICH im Konflikt bzw. an der Auseinandersetzung zwischen ES und Über-ICH entsteht. Mit anderen Worten: Das, was GG geschrieben hat, ist ja schon zum ICH geworden, denn sein Bedürfnis prallt mit den Normen etc. unserer Gesellschaft zusammen.
Nein, genau hier würde ich anders argumentieren (wobei ich Deiner Kritik insofern zustimme, als ich diesen Argumentationsstrang nicht ausgefürt, sondern nur angedeutet habe, ist halt nur ein Internetforum).
Ein starkes Ich kann nur dort entstehen, wo die Antriebe aus dem Es und die Anforderungen des Über-Ich reflektiert werden. Dies wäre auch die Aufgabe einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema "Judenknacks" gewesen, mit dem Schuldgefühlen des ehemaligen SS-Mannes, der als junger Mensch auf das falsche Pferd gesetzt hat. Die Aussage "was gesagt werden muss" hääte, um einer künstlerischen Auseinandersetzung und einer Reflektion auf das eigene Triebleben zu genügen, in eine Frage verkehrt werden müssen: "warum muss ich mich immerfort mit Israel und den Juden befassen, warum muss ich mich daran abarbeiten? Woher kommen meine traumwandlerischen Assoziationen (Vernichtung, Maulheld, Weltfrieden etc.), die mit Israel und dem Iran gar nicht viel, mit meiner Person aber sehr viel zu tun haben?" Dies wäre das, was ich von einer Auseinandersetzung in künstlerischer Absicht, die der Forderung "Wo Es ist, soll Ich werden" gerecht würde, da das Ich ja keine gegebene Instanz ist bei Freud, sondern etwas, das dem Es erst abgetrotzt werden muss.
Diese Entwicklung, so könnte man sagen, ist Bestandteil der Adoleszenz, also der Phase, in der Grass Waffen-SS-Mann und begeisterter Nazi war. Nach Ende des Nationalsozialismus war dies mit einem starken Tabu belegt, also durch das Über-Ich sanktioniert. Nun, da Grass alt wird, und wie viele senile Männer wieder zum Kind regrediert, lässt er dem Es freien Lauf, er sagt das, was gesagt werden muss, er lässt es wie ein trotziges Kind herausbrechen, weil er das Tabu und den Grund dafür nie reflektiert hat, es also nie zu einer Einsicht des Ichs werden konnte, sondern lediglich für eine Weile den Antireb, den Juden den Marsch zu blasen, notdürftig unterdrücken konnte.