wenn ich sage, es liegt an der Gegnerschaft zur israelischen Staatsgründung, dann sage ich eben auch, dass ohne die Staatsgründung kein Antisemitismus existiert. Diese Erklärung mag vielleicht noch für die Palästinenser in der Westbank noch einen Erklärungsgehalt haben, sehr viel weniger jedoch für Muslimbrüder und Al-Qaida.
Ich wollte auch nicht bestreiten, dass der Staat Israel den Antisemitismus auf sich zieht, aber er ist nicht der Grund. Wäre er der Grund, könnte man den Grund beseitigen und der antisemitismus wäre passe. Das halte ich für einen Irrglauben.
Was durch die israelische Staatsgründung hätte befeuert werden können, ist wenn überhaupt eine politische Forderung, zum Beispiel nach mehr Land, nach einem Arrangement zwischen Juden und Arabern, nach Frieden, nach einer Rückgabe dieser oder jener Gebiete etc. pp. Das wären politische Forderungen, für die kein Mensch sterben müsste und die man am Verhandlungstisch klären könnte.
Vermengt man aber solche politischen Forderungen, die aus Sicht dessen, der sie aufstellt, berechtigt sein mögen, mit dem Motiv, möglichst viele Juden umzubringen, auch um den Preis des eigenen Untergangs, der Selbstvernichtung und der totalen Zerstörung wie in Gaza, dann gibt man diesem Verhalten Sinn. Und dieses Sinngebungsverfahren bedeutet, dass man dieses Verhalten rationalisiert und damit im Kern für logisch, konsequent und das heißt im Kern: Für nicht falsch hält. Das hat natürlich gerade hierzulande einen faden Beigeschmack.
Der rationale Mensch würde also den Ärger über Israel oder die Vertreibung und Flucht aus bestimmten Gebieten zum Beispiel durch die Gründung eines Bundes der Heimatvertriebenen oder soetwas ähnlich reaktionärem schon nicht mehr gutheißen, aber immerhin als irgendwie mögliches und legitimes Verhalten ansehen. Dies kann aber für Selbstmordattentate, Heckenschützenangriffe, Lynchmorde und Raketen auf Menschen, nur weil sie Juden sind, in keinster Weise gelten. Dieses Mittel kann nicht gerechtfertigt und auch nicht allein durch die Existenz des Juden erklärt werden, sondern dieser Irrsinn liegt in der Person des Antisemiten selber, und wie Sartre sagt, in seiner Entscheidung zum Antisemitismus.
Und da der Antisemitismus eine Denkfigur ist, die aus dem Antisemiten erwächst (Sartre: "Wenn es keine Juden gäbe, müsste der Antisemit sie erfinden."), ist es falsch, den mörderischen Antisemitismus mit der Existenz von 7 millionen Juden in Israel zu erklären. Er geht ja zudem weit über Israel hinaus. So war Mohamed Atta überzeugt, mit New York das Zentrum des Weltjudentums anzugreifen, das auch schon Hitler dort gesehen haben wollte, und so sagte Hassan Nasrallah, der Führer der Hisbollah: "Es ist gut, wenn sich die Juden in Israel versammeln, das erspart uns die Mühe, sie weltweit zu verfolgen".