Wenn man sich näher mit Antisemitismus und Antizionismus befasst, so wird man merken, dass Antisemitismus und Antizionismus nicht auf antijüdischer Rassismus und Gegnerschaft zum Staat Israel sich begrenzen lassen. Vielmehr ist es so, auch wenn das in einem Forum in der gebotenen Kürze natürlich nicht zufriedenstellend dargestellt werden kann, dass diesen Konzepten viel tiefergehende Motive zugrunde liegen, die im Kern auf ein Welterklärungsmodell zurückgehen, wie es zum Beispiel in den Protokollen der Weisen von Zion dargelegt wurde, der Bibel des modernen Antisemitismus und des modernen Antizionismus gleichermaßen. Es ist kein Zufall, dass diese Protokolle in den arabischen Staaten solch großer Beliebtheit sich erfreuen und sogar in der Charta der Hamas ausdrücklich Bezug auf sie genommen wird.
Nun gibt es im modernen Antisemitismus zwei Motive, die man grob als das ökonomische Motiv einerseits und das politische Motiv andererseits charakterisieren könnte und die in den Protokollen, aber auch in den antisemitischen Reden der Nazis jeder Couleur, ob denen in Deutschland von NSDAP bis NPD heute, denen im westlichen Ausland oder bei den Islamnazis heutiger Zeit, immer zusammenfallen.
Das ökonomische Motiv assoziiert die Juden mit dem Geld, der Abstraktion, den Finanzmärkten, der Moderne und dem Geheimnis von Reichtum und ökonomischer Prosperität, mit Ausbeutung und Aneignung. Dies lässt sich in den Schriften Henry Fords auf schönste nachlesen, wie das schaffende, bodenständige und heimatverbundene Kapital, die Realwirtschaft also, gegen das jüdische, luftige, abgehobene und raffende Finanzkapital ausgespielt wird. Dieses Motiv ist beherrschend in der sogenannten "Kapitalismuskritik" von links bis konservativ, oft ohne noch direkt auf die Assoziation "jüdisch" zurückzugreifen, die aber immerfort das spekulative Element vom Kapitalismus abspaltet und die sogenannte Realwirtschaft fetischisiert.
Das politische Moment, also der Antizionismus, basiert auf der Idee des "gerechten Staates" und der "gerechten Herrschaft", ganz so als ob dies nicht bereits ein Widerspruch in sich sei. Herrschaft und Staat bedeutet immer Unterdrückung von Menschen durch Menschen, der Staat ist also per se gewalttätig. In den Protokollen der Weisen von Zion wird das macchiavellistische Moment staatlicher Herrschaft vom Staat abgespalten und als spezifisches Moment jüdischer Herrschaft begriffen, im Unterschied zur Herrschaft in allen anderen Staaten, die eben natürlich und bodenständig sind (hier kommt dann das ökonomische Moment wieder zum Tragen, weil natürlich ein spekulierendes Volk nicht dazu in der Lage sein kann, Erdverwurzelung aufzubauen und somit Israel ein "künstliches Gebilde" bleiben muss). In der Kritik an Gewalt, die der Staat Israel ausübt, um sein Territorium zu errichten, zusichern, auszubauen etc. wird verdrängt, dass eben Staaten nicht aus dem Boden wachsen, sondern jeder moderne Staat durch gewaltsame Definition seiner Grenzen zustande gekommen ist. Israels Staatsgründung 1948 ist sozusagen eine Nachholende, und die Definition seiner Grenzen in Konflikt mit seiner Umgebung ist nichts anderes als die Definition der Grenzen im Rest der Welt bis 1946 und somit auch kein sinnvoller Gegenstand für Kritik. Das verkürzte Verständnis, das den Staat als Agenten des Gemeinwohls einerseits hemmungslos liebt und affirmiert, seinen Gewaltcharakter aber restlos ablehnt, kann sich deswegen an Militäraktionen ISraels, aber auch der USA, hemmungslos ausagieren, ohne den eigenen Staatsfetischismus infrage stellen zu müssen.
Vor diesem Hintergrund ist es gar keine Frage, dass auch Juden antisemitisch oder erst recht antizionistisch argumentieren können, wobei die Lieblingsjuden der deutschen Öffentlichkeit wie Norman Finkelstein, Moshe Zuckermann, Uri Avneri, Felicia Langer, Shlomo Sand etc. also, in der israelischen Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielt und man sich hierzulande mit der wirklichen Debatte in Israel nicht befasst, sondern diese Alibijuden heranzieht, um Israel zu diskreditieren, ohne sich dem Vorwurf des Antisemitismus/Antizionismus auszusetzen.