Solche pauschalen Unterstellungen sind eigentlich immer quatsch, da stimme ich dir zu. Wie sich das jetzt genau verteilt auf Klein- und Großbetriebe, wo Skandale aufgedeckt werden, kann ich nicht einschätzen, weil man in der Regel ja nur von den größeren Fällen hört, aber ich denke, dass gegen eine Ausweitung entsprechender Kontrollen eigentlich niemand etwas haben kann, weil es im Endeffekt ja um "unser" Essen und damit auch "unsere" Gesundheit geht.
Gerade bei den Großbetrieben ist die Kontrolldichte relativ hoch, wobei allerdings einzuräumen ist, dass vielfach die Amtsveterinäre personell nur mangelhaft ausgestattet sind. Tatsächlich bezieht sich der Großteil der aufgedeckten Fälle miserabler Haltung in der Region, die ich überblicken kann, auf kleine Betriebe, in denen nur noch ein Einzelner die Versorgung der Tiere nicht gewährleisten kann und, so traurig das auch ist, auf sogenannte Gnadenhöfe.
Ich glaube auch nicht, dass seine Vision ist, in einem Jahr nur noch Bio-Betriebe in Niedersachsen zu haben, weil das dann wahrscheinlich tatsächlich nicht funktionieren würde, es sei denn, die Größe der Ackerflächen würde vervielfacht werden. Dass die Betriebe für die Wirtschaftlichkeit eine gewisse Größe haben müssen, ist auch klar - aber das Problem ist doch auch irgendwie, dass die Massentierhaltungsbetriebe immer größer werden und zunehmend auch kleinere Bauernbetriebe verdrängen, was keine gute Entwicklung ist, weil man so immer mehr Medikamente einsetzen muss, die im Endeffekt in unserem Körper landen. Zudem steigen so die Arbeitslosenzahlen, weil ein Riesenbetrieb sicherlich pro "fertigem Hähnchen" weniger Arbeitszeit braucht, als ein kleinerer Bauernbetrieb.
Eine reine Bio-Landwirtschaft wird es nicht geben, und das dürfte selbst dem Herrn Minister klar sein. Zum einen ist die zur Verfügung stehende Ackerfläche eng begrenzt, weil man nicht einfach Wiesen, Weiden und Wälder in Äcker umwandeln kann, und zum anderen brauchen gerade Biobetriebe mehr Fläche als konventionelle, weil sie einen höheren Anteil an Viehfutter selbst anbauen müssen.
Die Entwicklung zu größeren Betrieben ist ein Wandel, der zwar in vielfacher Hinsicht bedauerlich, aber auch kaum aufzuhalten ist, weil es schlicht um die Wirtschaftlichkeit der Betriebe geht. Allerdings stimmt die Gleichung Großbetrieb=mehr Medikamente so nicht. In den Betrieben muss jeder Einsatz von Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Medikamenten mittlerweile genau dokumentiert werden, so dass Einsätze mit der Gießkanne nicht mehr möglich sind. Außerdem wäre das auch aus wirtschaftlicher Sicht vollkommen unsinnig, denn zum einen kosten Medikamente Geld, weswegen jeder unnötige Einsatz Geldverschwendung wäre, und zum anderen mindern sie den Ertrag, weil beispielsweise Milch von Kühen, die Antibiotika erhalten haben, vernichtet werden muss. Daher gilt, so unlogisch das auch klingen mag, dass in der Regel die Tiere umso gesünder sind, je größer der Bestand ist, weil die Tierhalter intensiver auf ihr Wohl achten. Erreicht wird das nicht durch mehr Medikamente, sondern indem jedes Tier täglich mehrfach in Augenschein genommen wird vom Betriebsinhaber und/oder seinen Mitarbeitern und beim kleinsten Anzeichen von Erkrankungen von den anderen Tieren getrennt behandelt wird.
Wissenschaftler und Tierhalter mit in die Debatte einzubeziehen halte ich auch für sinnvoll, letzteres scheint der Minister ja auch zu machen, zumindest betont er immer wieder, dass er mit vielen Landwirten im Dialog steht.
Was der Minister unter Dialog versteht, ist ein anderes Thema. Aus Sicht der Verbraucher halte ich es jedenfalls für den sinnvollsten Weg, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Immer mehr Landwirte erkennen, dass Transparenz für sie überlebenswichtig geworden ist, und daher sind sie gerne bereit, Besuchern zu zeigen und zu erläutern, wie moderne Landwirtschaft aussieht - man muss sie nur fragen.
Als Werder-Fan ist man mit dieser Sache jetzt leider irgendwie im Gewissenskonflikt, weil mehr Kontrollen & Auflagen auch mehr finanzielle Belastungen für Wiesenhof zur Folge haben. Da ich persönlich sowieso stark hoffe, dass sich diese Wiesenhof-Geschichte nach der aktuellen Vertragslaufzeit eh erledigt hat, überwiegen für mich hier auf jeden Fall die Gesundheits- und Tierschutzaspekte.
Andersherum ließe sich aber auch sagen, dass kaum eine Branche so im Blickpunkt des Interesses steht wie die Lebensmittelbranche inklusive der Landwirtschaft, weswegen man einem Sponsor aus diesem Bereich eher vertrauen könnte als aus weniger stark kontrollierten Bereichen.