Jedenfalls nicht Leute die - wie ich - die Auffassung vertreten, dass der SV Werder selbstverständlich auch in Mainz anstreben sollte, das Spiel zu machen und zu agieren statt zu reagieren.
Auf diesen Satz wäre eigentlich erneut ein Selbstzitat fällig...
Im Ernst: Das ist das Problem - zu erkennen, was überhaupt reagieren und was agieren ist.
Wenn Werder wie in Enschede oder wie in Hamburg oder Frankfurt mit über 60% Ballbesitz 35mal zwischen gegnerischem Sechzehner und Mittellinie hin und her, quer und zurück passt, aber den vertikalen Weg nicht findet, dann ist das, was vordergründig so aussieht, als wäre die Mannschaft initiativ, in Wahrheit nur eine abgewandelte Form des Reagierens. Einfach, weil wir viel zu oft ein viel zu eingeschränktes Repertoire an spieltaktischen Möglichkeiten offenbaren und diese Art, das "Spiel zu machen", hat dann auch überhaupt nichts mit "Agieren" zu tun.
Denn tatsächlich dominiert der Gegner Werder defensiv und kann sich das Spiel so zurechtlegen, wie er es braucht. Weil sich das Überraschungsmoment des Kontrahenten in Grenzen hält, es gar nicht nötig ist, selbst nach spielerischen Mitteln zu suchen, auf diese Weise ungehindert die eigene Konzentration hochhalten kann.
Das in Enschede war schlicht naiv, nichts weiter. Wie so oft in den letzten Jahren. Gegen Hertha, Hopp und Leverkusen, das war kluger Fussball.
In Mainz bspw. treffen wir auf eine Mannschaft, die trotz eher biederer fussballerischer Mittel oft sehr geschickt im Raum verteidigt, doppelt, den Gegner im Spielverlauf studiert und dementsprechend handelt. Vor allem auch so spielt, um das eigene Handeln-müssen, wodurch sie meist unterlegen wären, vermeiden zu können. Tuchel hat eine recht erfolgreiche Vergangenheit in der Nachwuchsarbeit (wie Rangnick oder Slomka) und gerade da bist Du in der Pflicht, talentierte Spieler mehr als fussballerisch auch strategisch zu formen. Um den Rückstand an Erfahrung wenigstens einigermaßen ausgleichen zu können und deren Talent auch beim Sprung in den Männerbereich schneller und sofort nützlich ist.
Dort wäre Werder mit genau der gleichen Grundordnung und Spielführung wie gegen Leverkusen gut beraten. Denn da liegt die Kunst, einen nominell spielerisch schwächeren Gegner zu mehr Aktivität zu zwingen, statt selbst unnötigen und wenig erfolgversprechenden Aufwand zu betreiben, sofern die Chancen nicht zufällig sitzen. Zumal ein haushalten mit den Kräften nach dem Donnerstag-Spiel angebracht wäre. Zunächst auf ein 0:0 zu spielen, hat dann auch nichts damit zu tun, nicht gewinnen zu wollen.
Zumal ja auch die ganzen tollen Auftritte der Mannschaft in den letzten Jahren bei diesen Analysen zumeist ausgeblendet bzw. als selbstverständliche Basis vorausgesetzt werden.
Ja, das ist schon ein Aspekt der zuletzt in den Debatten viel zu kurz gekommen ist.

Hauptsächlich aber, weil solche Verweise generell wenig einbringen, wenn es darum geht, über Fehlerminimierung zu sprechen. Im Gegenteil, eher total hinderlich sind. Letztlich entwickeln sich nur die weiter, die an den Fehlern arbeiten, nicht die, die sich in vergangenen Erfolgen sonnen oder sich ausschliesslich auf das berufen, was richtig lief.
Wenn das wirklich so wäre, wie hat es der SV Werder denn in den vergangenen Jahren regelmäßig geschafft, oben mitzuspielen, wo doch alle Welt angeblich weiß, wie easy die Truppe geschlagen werden kann ?
Genau diese Frage wurde in den letzten Jahren so oft diskutiert und erörtert, dass es müssig und ermüdend wäre, dies schon wieder von vorne aufzurollen.
Die zuletzt (und auch in der Vergangenheit hier und da) durchaus erfolgreiche Strategie einiger Gegner des SV Werder, die da lautete: "Ordentlich auf die Knochen hauen, solange es der Schiri mitmacht" ist nur dann erfolgreich, wenn der Schiri es mitmacht. Mit solchen - dann extrem unbefriedigenden - Spielen muss man als spielstarke Mannschaft leben.
Sicher. Nur, wer mal eine Mannschaft trainiert oder in einer gespielt hat, weiss, dass es Mittel und Wege gibt, dem entweder zu entgehen durch geschickteres Spiel oder eben dem mit ebenso energischem, eigenen Spiel entgegenzuwirken.