Meiner Meinung nach ist es zu leicht, wenn man sagt, dass die Vereine ja selbst Schuld sind. Sind sie im Grunde, das stimmt. Nur aus dieser Blase auszubrechen, das scheint für alle angesprochenen Vereine ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, siehe HSV und das obwohl z.B. in Hamburg mittlerweile alles ausgetauscht wurde, abgesehen von den Fans. Unser Wunsch nach attraktivem Offensivfussball kommt immer noch aus der guten alten Zeit um das Double herum.
Das Ausbrechen aus dieser Blase ist kein Ding der Unmöglichkeit. Sondern es ist eine Frage des Willens. Dem Willen, sich nicht betriebsblind u.a. auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen, selbstkritisch zu durchleuchten und sich den steten Veränderungen des Marktes anzupassen. Das waren die Hauptursachen für die von dir o.a. Beispiele, warum der HSV trotz starker Fluktuation kein Bein auf dem Boden kam oder bei Werder zu lange am Offensivfußball festhielt, was übrigens für hiesige Verhältnisse für viel Rotation auf dem Trainerstuhl sorgte.
Denn wenn trotz auffällig hohem Personalverschleiß auf den Schlüsselposition die Lage statt besser immer schlechter wird, sollten eigentlich irgendwann der gesunde Menschenverstand die Alarmglocken schrillen lassen, dass die Problematik nicht allein an den handelnden Protagonisten liegen kann. Sprich, dass Grundsätzliches verkehrt lauft, weil die eigenen Leitbilder, wirtschaftliche Strategien, fußballerischen Philosophien so ausgerichtet sind, dass immer mehr der Anschluss an den wirtschaftlichen und sportlichen Entwicklungen verloren wird. Es ist kein Zufall, dass mit Beginn des Turbo-Kapitalismus im Profifußball vor ca. 30 Jahren mit Ausnahme von FCB und BVB sämtliche, nicht konzerngeführte Urgesteine der 1. Bundesliga mindestens einmal aus dem Oberhaus des deutschen Fußballs abgestiegen sind: Kaiserslautern, Köln, Frankfurt, Mönchengladbach, Stuttgart, HSV, Schalke, Werder: zusammen 18 Meisterschaften, 25 DFB-Pokalsiege und 7 Europapokalgewinne zwischen 1964 und 2011... Dies passierte, weil all diese Club sichfrüher oder später in eine aus Traditionsstandort und Erfolge der Vergangenheit geschaffene Blase der Überheblichkeit zurückzogen, so dass sie den Anschluss an den sportlichen und wirtschaftlichen Veränderungen des Profifußballs verloren, dessen Folge u.a. zu viele Fehleinschätzungen und Misswirtschaft waren. Doch statt vor der eigenen Türe zu kehren, wählten sie mangels ausreichendem Willen zur Selbstreflektion lieber den bequemeren Weg, die Ursachen hierfür im Lauf der Dinge zu suchen. Und neuerdings auch in Corona, obwohl andere Club hiervon ebenfalls betroffen waren und trotzdem einen besseren Job machten.
Die grosse Frage, die ich mir da stelle ist, wer entscheidet das? Klar, die sportliche Leitung. Dumm nur, dass es zu 99,99 Prozent auch mit jeder anderen Leitung genauso laufen würde.
Auch das ist eine Frage des Willens. Warum konnten Trainer wie z.B. Ferguson, Heynckes oder Rehhagel über Jahrzehnte Erfolge feiern? Sie taten es nicht, weil sie sich krampfhaft am den Erfolgsrezepten der Vergangenheit klammerten, so wie z.B. hier bei Werder an dem Offensivfußball der uns 2004 das Double bescherte (der nebenbei bemerkt nur deshalb so erfolgreich sein konnte, weil er von einer geordneten Defensive gestützt wurde). Sondern sie waren u.a. auch deshalb über lange Zeit erfolgreich, weil sie über den Willen verfügten, nimmermüde die Veränderungen im Fußball zu beobachten und darauf entsprechend zu reagieren.