Dutt hat die defensive Statik der Mannschaft zugunsten einer besseren Offensive verändert.
Wir hatten unter Dutt doch fast nie eine "defensive Statik".
Abgesehen davon, dass Dutt in seinem Trainer-Werdegang nicht als Coach aufgefallen ist, der eine Mannschaft defensivtaktisch strikt drillen und in dieser Disziplin entscheidend weiterbringen kann (teilweise eben auch, weil er einen anderen Fokus hat), verstehe ich das Gerede vom reinen Mauern sowieso nicht.
Reines Mauern hab ich in der BL schon lange nicht mehr gesehen. Der Letzte, der es versucht hat, war doch eigentlich Magath 2009 mit S04, aber selbst das war kein reines Mauern. Der alte Catenaccio ist praktisch Geschichte und kaum mehr umsetzbar, und Mann- vor Raumdeckung sowieso.
Mannschaften verschieben viel kompakter als vor 15 Jahren, gleichzeitig werden die jenseits des Spielgeschehens freigelassenen Zonen mit Schnelligkeit und Stellungsspiel festgezurrt, Abseits als wichtigstes Stilmittel. Es hat sich seither nochmal einiges in Ausnutzung des Platzes in Tiefe und Breite verändert. Da ist ein Paradigmenwechsel erfolgt, mit aggressivster Laufarbeit in Kombination mit kluger Raumaufteilung, bei der alle Spieler unablässig eingebunden sind. Weswegen die Grenzen zwischen defensiv und offensiv fließender geworden sind und weswegen Individualistenfussball Out of order ist. Brasilien kann von Letzterem ein Lied singen, ohne es begriffen zu haben.
Genau das belegt ja gerade Werder` s Start aus der letzten Saison. Wir haben begonnen mit drei Sechsern, einer Viererkette, die nicht herausrückt, infolgedessen waren die Abstände im Mf viel zu groß, was a) jede Bindung im Spiel verhindert und b) defensiv dauerhaft keine Solidität bringt. Pressing in allen Spielfeldzonen mit permanent nach- und zurückrückenden Leuten ist alternativlos. Ein paar Spiele kannst Du das mit Einsatz und Fortuna durchdrücken, aber eine Zukunft hat es nicht (und geplant war`s so sicher auch nicht).
Ich halte die Zurück-zu-Beton-Forderung für unsinnig. Sie suggeriert nämlich, dass Siege wie gegen Braunschweig und Augsburg in der letzten Saison taktisch bedingt waren. Sie waren aber nicht taktisch bedingt, sondern pures Glück.
Ich sehe in dieser Saison einen deutlichen Fortschritt zur letzten Saison, die man sich wegen einiger glücklicher Ergebnisse schön geredet hat. Und bei dem Auftaktprogramm (4 Auswärtsspiele, 4 Spiele gegen nominell deutlich besser besetzte Teams) kommt so ein Fehlstart auch nicht aus dem heiteren Himmel. Ein Trainerwechsel in der jetzigen Situation wäre die gleiche Verhaltensweise über die wir uns bei anderen Vereinen lustig machen.
Dutt hat es doch selbst schon angesprochen, wir stehen nicht mehr nur hinten drin, sondern haben einen besseren Zugriff auf `s Spiel. Da stimme ich ihm durchaus zu. Letztes Jahr um die Zeit waren wir in einigen Partien dramatisch unterlegen, davon kann jetzt eigentlich keine Rede mehr sein. Und das funktioniert nur, wenn Automatismen, die wir bereits gegen Ende der letzten Spielzeit sehen konnten, zunehmend besser funktionieren. Aber eben nicht alle, speziell ein paar entscheidende.
Erstens finde ich unsere Raumaufteilung nach wie vor mäßig, mitunter abenteuerlich, zu selten werden ballführende Gegenspieler in gefährlichen Zonen attackiert, zu oft werden aus der Not Räume zugelaufen, statt vorher geschickt zugestellt. Zweitens und das finde ich problematisch, man erkennt irgendwie so selten bzw. es ist kaum einmal abzusehen, wie wir denn unsere Angriffe konsistent zu Ende spielen wollen, zum Beispiel einen geplanten Aufbau mit dem vorletzten oder drittletzten, gezielten Pass, der ein Muster vorgibt. Beides zusammengenommen bringt Defizite in der Rückwärtsbewegung.
Werder hat Phasen, wo wir defensiv durchaus sicher stehen, solange die Konzentration aufrechterhalten und kein leichter Ballverlust kommt. Nach einem solchen funktioniert allerdings das Team nicht und unser schwaches Umschaltverhalten wird zum Verhängnis. Da muss der Hebel angesetzt werden.
In Leverkusen entstehen alle Chancen von Bayer zunächst aus Standards oder Einwürfen, wo wir mit Prödl/ Lukimya/ Juno traditionell anfällig sind, aber keine herausgespielten im oder am Strafraum. Gegen Schalke führt ein abgefälschter Ball zur ersten Torchance der Gäste kurz vor der Halbzeit, danach klingelt es nach Freistoß und Ecke sofort. Wolfsburg haben wir komplett im Griff, bis ein Ball nach der Ecke geblockt wird und keiner auf den zweiten geht. Die Muster der Gegentore sind die Gleichen und trainierbar. Sowas gehört allerdings zu einem Gutteil in die Saisonvorbereitung und hier muss Dutt sich hinterfragen.
Auf diese Weise lassen wir ligaweit die meisten Torschüsse zu (66) vor Hoffenheim (56) und Frankfurt (54). Wir lassen die zweitmeisten klaren Torchancen unserer Gegner zu (35), knapp vor Frankfurt (37), hinter Hertha (30), Augsburg (28) und Wolfsburg (26).
Andererseits erspielte Werder in den ersten 6 Partien die sechstmeisten Torchancen (24) der Liga, schlechtester Wert in der Statistik liegt derzeit bei Köln und Frankfurt (jeweils 15), Paderborn hingegen ist Fünfter (25).
Werder spielte relativ viele Pässe (1968), dabei die meisten Fehlpässe (682), wobei interessanterweise Leverkusen als Vorletzter dieser Statistik noch weniger Pässe (1917) spielt und vergleichsweise ebenso viele Fehlpässe (652), sowie Hoffenheim als Viertletzter (1874/ 571 Fehlpässe), was womöglich auch kennzeichnend für ein gewisses Risiko in der Spielweise sein könnte. Welches wir uns allerdings am wenigsten leisten können.
Es ist nicht alles schlecht, vor allem nicht schlechter als ein paar der Teams, die vor uns stehen. Was fehlt sind die Punkte. Aber die entscheiden nun mal. Gegen Freiburg dürfte noch der Krampf der Negativerlebnisse hinzukommen. Und gerade die nähere Vergangenheit lehrt Werder` s Verantwortliche wie wichtig es ist, in der Trainerfrage nicht zu lange zu zögern. Abgesehen davon würden wir das auch kein zweites Mal überleben. Am Ende darf nun mal nur das Ergebnis zählen und Werder nicht noch mehr (unnötig) Boden zur Konkurrenz verlieren. Fortschritt hin oder her.