Mahlzeit!
Sorry für die Länge, aber es ist ein schwieriges Thema und ich will nicht den Eindruck erwecken auf einer Seite der Diskussionsfront zu stehen und die andere zu verachten.
Zum einen finde ich schade dass Kritiker des Sponsors verhöhnt werden als PETA-Aktivisten, Heuchler und schlimmeres. Das ist absichtlich unfair und ein billiger Versuch, die Diskussion zu ersticken. Zum anderen finde ich die Moralkeule einiger Gutmenschen hier auch nicht in Ordnung. Versuche, jemandem ein schlechtes Gewissen einzureden führen selten zu einer besseren Handlungsweise.
Das man bei KiK und NIKE nicht ähnlich reagiert hat wie nun bei Wiesenhof liegt auch an der medialen Verarbeitung der Thematik. Wir wissen alle, dass die Welt schlecht ist. Wir alle wissen, das Menschen Menschen ausbeuten und töten. Aber wir fühlen uns nicht verantwortlich dafür. Sollen die ausgebeuteten Arbeiter doch aufbegehren, was geht das uns an? Wir würden sie (moralisch) unterstützen. (- Tiere hingegen sind im Gegensatz zu Menschen relativ wehrlos und unschuldig. Dasweckt gewisse Effekte der Zuneigung stärker als bei armen Kindern am Ups, ich muss meine Wortwahl ändern
der Welt. Traurig, aber menschlich.)
Ich kaufe bewusst ein und d.h. das Preis-Leistungsverhältnis ist bei NIKE nicht gegeben, man kauft vor allem den NIKE-Swoosh, das Firmenimage ("just do it!") - das ist mir keine zig wert. Ich kaufe auch nicht bei KiK ein. Warum? Weil ich durch Proteste die zu Berichten führten gute Gründe dafür habe. Dass Menschen die hierzulande zur Unterschicht zählen bei Unternehmen einkaufen die ihre Mitarbeiter (Lidl, Aldi, KiK...) und Menschen, die keine Alternativen haben (bspw. Näherinnen in Bangladesh) ausbeuten, kann ich aus finanziellen Gründen verstehen - aber WOLLEN tut das keiner. Wir nehmen es hin. Wir nehmen hin, dass unsere Banken unser Geld in Waffengeschäfte investieren deren Ergebnisse wir kopfschüttelnd in den Nachrichten sehen. Wir nehmen hin, dass NIKE u.a. Markenherrsteller ihre Angestellten outsourcen und Druck auf diese ausüben der eben zur working-poor-class führt.
Niemand will ein schlechter Mensch sein. 99,...% der Menschen sind gegen Kriege, gegen Hunger und gegen tote Kinder, die an läppischen Allerweltsinfektionen tausendfach eingehen.
Wir wollen zu den Guten gehören. Da, wo wir unser Verhalten kaum als "gut" definieren können behaupten wir, die Anderen hätten angefangen oder seien selbst schuld oder sprechen ihnen pauschal das Existenzrecht ab. (bspw. Sozialdarwinismus)
Deshalb erklären uns die Unternehmen deren Produkte wir kaufen, wie toll sie sich um Kinder und Mütter und Tiere kümmern (zieht IMMER, psychologische Effekte...). Deshalb stellt uns Werder eine Reihe moralischer Grundsätze vor. Deshalb machen sie z.B. diese 100 Schulen-Aktionen. Weil sie dann zu den Guten gehören und wir damit auch.
Aber es gibt Grenzen. Grenzen der Einflußnahme (SVW vs. Weltkonzern NIKE) und Grenzen der Glaubwürdigkeit (SVW & Wiesenhof). Bei der Präsentation von NIKE hat man bspw. die Recycling-Strategie des Konzerns betont. Umweltschutz hat man über die zweifelhaften Produktionsweisen gestellt. Schon war der Protest gegen NIKE absurd, wenn man nicht gegen technischen hochwertigen Umweltschutz protestieren wollte.
Wenn ich ein Trikot "meines" Vereins kaufe, dann kaufe ich auch und vor allem das Image des Vereins, was sonst sollte an so einem bisschen Stoff 60 wert sein? So ist das mit allen Markenprodukten. Werder steht nicht nur für attraktiven Fußball sondern auch für gewisse Werte. Hanseatisches Geschäftsgebaren zum Beispiel, besonnenes Verhalten in der Krise, menschlicher Umgang miteinander, soziale Verantwortung in der Region usw. Das lässt sich Werder viel Zeit und Geld kosten. Denn es lohnt sich.
Mit Partnern wie KiK, Citybank und nun Wiesenhof hat man Unternehmen nicht nur eine Werbefläche zu bieten sondern verleiht ihnen auch das Image Werders, was diese Unternehmen eben zu einem Klub wie Werder bringt. Aber man kann es auch übertreiben. Glaubwürdigkeit ist für eine Marke ein extrem hohes Gut. Es geht bei Marken nicht um Fakten sondern um Träume, um den Glauben ans Produkt.
(Seht euch beispielhaft mal Zigarettenwerbung oder Autowerbung an: wieviele Fakten werden vermittelt, wieviele Träume werden gezeigt?)
Diesen Glauben verlieren die wenigsten Menschen schlagartig. Sie leugnen erst, zweifeln dann, relativieren - und verlieren schlußendlich den Glauben. (So sieht zumindest der übliche Weg zum Erkenntnisgewinn aus.)
Mit Wiesenhof ist für viele Werder-Fans dieser Erkenntnisgewinn ("Hey, die haben mich belogen!") vollendet. Jeden Tag verlieren Markenunternehmen einige Kunden auf diesem Weg, gewinnen aber andere hinzu. Dehalb werben die immer weiter, auch wenn sie schon jeder kennt: der Traum muß am Leben gehalten werden. Solange die Marketingabteilung sagt, dass Verhältnis verlorener zu gewonnener Unterstützung sei positiv, geht es so weiter. Daher ist der mediale Protest der Enttäuschten zwar nervig, weil der sich fast immer an andere Kunden richtet und nicht an die Macher, die sind nämlich austauschbar und irrelevant, aber er ist nötig.
Das ist eben das Problem im 21. Jahrhundert: wir alle, jeder von uns, ist informiert über den Zustand der Welt und die Zusammenhänge, die dazu führen. Viel schlimmer noch: es gibt niemanden, dem wir daran die Schuld geben können, wir sind selber schuld. (Da bin ich mir u.a. mit Nicole übrigens einig.) Jeder tut dagegen, was er/sie für richtig hält. Spenden, bewusst einkaufen, all das ignorieren, oder tut in freudiger Erwartung des Systemwandels einfach nichts. Das muß und kann jede/r für sich entscheiden. Werder hat sich positioniert und ich bin gespannt ob sie am Montag eine Erklärung veröffentlichen in der sie sich ihren eigenen Werten verpflichten und den (Marken-)Traum am Leben halten oder sich davon verabschieden. Ohne Protest-Druck geschähe gar nichts und die Welt wäre noch beschissener als sie ohnehin ist.
Sorry für die Länge, aber es ist ein schwieriges Thema und ich will nicht den Eindruck erwecken auf einer Seite der Diskussionsfront zu stehen und die andere zu verachten.
Zum einen finde ich schade dass Kritiker des Sponsors verhöhnt werden als PETA-Aktivisten, Heuchler und schlimmeres. Das ist absichtlich unfair und ein billiger Versuch, die Diskussion zu ersticken. Zum anderen finde ich die Moralkeule einiger Gutmenschen hier auch nicht in Ordnung. Versuche, jemandem ein schlechtes Gewissen einzureden führen selten zu einer besseren Handlungsweise.
Das man bei KiK und NIKE nicht ähnlich reagiert hat wie nun bei Wiesenhof liegt auch an der medialen Verarbeitung der Thematik. Wir wissen alle, dass die Welt schlecht ist. Wir alle wissen, das Menschen Menschen ausbeuten und töten. Aber wir fühlen uns nicht verantwortlich dafür. Sollen die ausgebeuteten Arbeiter doch aufbegehren, was geht das uns an? Wir würden sie (moralisch) unterstützen. (- Tiere hingegen sind im Gegensatz zu Menschen relativ wehrlos und unschuldig. Dasweckt gewisse Effekte der Zuneigung stärker als bei armen Kindern am Ups, ich muss meine Wortwahl ändern
der Welt. Traurig, aber menschlich.)Ich kaufe bewusst ein und d.h. das Preis-Leistungsverhältnis ist bei NIKE nicht gegeben, man kauft vor allem den NIKE-Swoosh, das Firmenimage ("just do it!") - das ist mir keine zig wert. Ich kaufe auch nicht bei KiK ein. Warum? Weil ich durch Proteste die zu Berichten führten gute Gründe dafür habe. Dass Menschen die hierzulande zur Unterschicht zählen bei Unternehmen einkaufen die ihre Mitarbeiter (Lidl, Aldi, KiK...) und Menschen, die keine Alternativen haben (bspw. Näherinnen in Bangladesh) ausbeuten, kann ich aus finanziellen Gründen verstehen - aber WOLLEN tut das keiner. Wir nehmen es hin. Wir nehmen hin, dass unsere Banken unser Geld in Waffengeschäfte investieren deren Ergebnisse wir kopfschüttelnd in den Nachrichten sehen. Wir nehmen hin, dass NIKE u.a. Markenherrsteller ihre Angestellten outsourcen und Druck auf diese ausüben der eben zur working-poor-class führt.
Niemand will ein schlechter Mensch sein. 99,...% der Menschen sind gegen Kriege, gegen Hunger und gegen tote Kinder, die an läppischen Allerweltsinfektionen tausendfach eingehen.
Wir wollen zu den Guten gehören. Da, wo wir unser Verhalten kaum als "gut" definieren können behaupten wir, die Anderen hätten angefangen oder seien selbst schuld oder sprechen ihnen pauschal das Existenzrecht ab. (bspw. Sozialdarwinismus)
Deshalb erklären uns die Unternehmen deren Produkte wir kaufen, wie toll sie sich um Kinder und Mütter und Tiere kümmern (zieht IMMER, psychologische Effekte...). Deshalb stellt uns Werder eine Reihe moralischer Grundsätze vor. Deshalb machen sie z.B. diese 100 Schulen-Aktionen. Weil sie dann zu den Guten gehören und wir damit auch.
Aber es gibt Grenzen. Grenzen der Einflußnahme (SVW vs. Weltkonzern NIKE) und Grenzen der Glaubwürdigkeit (SVW & Wiesenhof). Bei der Präsentation von NIKE hat man bspw. die Recycling-Strategie des Konzerns betont. Umweltschutz hat man über die zweifelhaften Produktionsweisen gestellt. Schon war der Protest gegen NIKE absurd, wenn man nicht gegen technischen hochwertigen Umweltschutz protestieren wollte.
Wenn ich ein Trikot "meines" Vereins kaufe, dann kaufe ich auch und vor allem das Image des Vereins, was sonst sollte an so einem bisschen Stoff 60 wert sein? So ist das mit allen Markenprodukten. Werder steht nicht nur für attraktiven Fußball sondern auch für gewisse Werte. Hanseatisches Geschäftsgebaren zum Beispiel, besonnenes Verhalten in der Krise, menschlicher Umgang miteinander, soziale Verantwortung in der Region usw. Das lässt sich Werder viel Zeit und Geld kosten. Denn es lohnt sich.
Mit Partnern wie KiK, Citybank und nun Wiesenhof hat man Unternehmen nicht nur eine Werbefläche zu bieten sondern verleiht ihnen auch das Image Werders, was diese Unternehmen eben zu einem Klub wie Werder bringt. Aber man kann es auch übertreiben. Glaubwürdigkeit ist für eine Marke ein extrem hohes Gut. Es geht bei Marken nicht um Fakten sondern um Träume, um den Glauben ans Produkt.
(Seht euch beispielhaft mal Zigarettenwerbung oder Autowerbung an: wieviele Fakten werden vermittelt, wieviele Träume werden gezeigt?)
Diesen Glauben verlieren die wenigsten Menschen schlagartig. Sie leugnen erst, zweifeln dann, relativieren - und verlieren schlußendlich den Glauben. (So sieht zumindest der übliche Weg zum Erkenntnisgewinn aus.)
Mit Wiesenhof ist für viele Werder-Fans dieser Erkenntnisgewinn ("Hey, die haben mich belogen!") vollendet. Jeden Tag verlieren Markenunternehmen einige Kunden auf diesem Weg, gewinnen aber andere hinzu. Dehalb werben die immer weiter, auch wenn sie schon jeder kennt: der Traum muß am Leben gehalten werden. Solange die Marketingabteilung sagt, dass Verhältnis verlorener zu gewonnener Unterstützung sei positiv, geht es so weiter. Daher ist der mediale Protest der Enttäuschten zwar nervig, weil der sich fast immer an andere Kunden richtet und nicht an die Macher, die sind nämlich austauschbar und irrelevant, aber er ist nötig.
Das ist eben das Problem im 21. Jahrhundert: wir alle, jeder von uns, ist informiert über den Zustand der Welt und die Zusammenhänge, die dazu führen. Viel schlimmer noch: es gibt niemanden, dem wir daran die Schuld geben können, wir sind selber schuld. (Da bin ich mir u.a. mit Nicole übrigens einig.) Jeder tut dagegen, was er/sie für richtig hält. Spenden, bewusst einkaufen, all das ignorieren, oder tut in freudiger Erwartung des Systemwandels einfach nichts. Das muß und kann jede/r für sich entscheiden. Werder hat sich positioniert und ich bin gespannt ob sie am Montag eine Erklärung veröffentlichen in der sie sich ihren eigenen Werten verpflichten und den (Marken-)Traum am Leben halten oder sich davon verabschieden. Ohne Protest-Druck geschähe gar nichts und die Welt wäre noch beschissener als sie ohnehin ist.

