Nehmen wir also folgendes zur Kenntnis:
1.) Argumente für die Massentierhaltung (Effizienz, billige Preise, geringe Umweltbelastung etc. pp.) zählen nicht in dieser Debatte. Man muss dagegen sein, weil armes Tier. Tiere essen ist bähbäh und wer kein Biofleisch isst, ist ein *********. Dies past zu den Ergebnissen von Studien, dass Menschen, die Bio-Produkte kauften, sich nachher gegenüber ihren Mitmenschen schäbiger verhielten als solche, die konventionelle Produkte kauften. Dies ist die "Moral" der Bio-Fraktion, die man hier wunderbar beobachten kann.
2.) Man will zwar auf konventionelle Lebensmittel, Supermärkte, Billigkleidung, Sportartikel, möglicherweise in Sweatshops genähte und überteuerte Werdertrikots nicht verzichten. Man wendet sich auch nicht vom Fußballbusiness ab, das viel krudere Blüten treibt als Wiesenhof. Man startet aber einen moralinsauren Shitstorm gegen einen möglichen (!) Sponsor, der uns Hühnerfleisch herstellt. Verhindert man diesen tatsächlich, feiert man diesen Sieg mit ökologisch wertvollen Marlboro-Zigaretten, einer Palette nachhaltigem Dosenbier und einer biodynamischen Eurest-Bratwurst. Und natürlich dem ekelhaft guten Gewissen. Das ist die "Moralität von Debilen", die "Banalität des Guten" (Eike Geisel).
3.) Es ist mir völlig egal, wer Werder-Sponsor wird. Ich weiß, dass Fußball ein dreckiges Geschäft ist, das gilt für meinen Arbeitgeber, für Staaten und andere Firmen auch. Wir stecken knietief drin. Aber ich möchte nicht auf die kleinen Freuden verzichten: Einen guten Wein, für dessen Anbau literweise Wasser verschwendet wurde, auf einen wunderbar gemähten Fußballplatz, auf das Weserstadion mit dieser energiefressenden Rasenbeleuchtung, auf den Fußball-Zirkus, auf ungeschützten Geschlechtsverkehr, auf ein geregeltes einkommen, das mir all dies ermöglicht, auf fließendes Wasser, ein saftiges Biosteak oder industriell hergestelltes paniertes Hähnchen, auf leckeres Gemüse, schöne Markenklamotten und die besten Schuhe. Ích möchte keine Askese, sondern Luxus.
So würde man es wahrnehmen , wenn man es lediglich schwarz-weiß sieht.
Anderenfalls ginge die Interpretation eher in diese Richtung:
Den meisten hier ist durchaus bewusst, dass der Wohlstand unserer westlichen Welt darauf basiert, dass es anderen an anderen Orten der Welt schlecht geht.
Es ist ebenso bekannt, dass perfide Geschäftspraktiken in der freien Wirtschaft auf der Tagesordnung stehen, ebenso streitet niemand ab, dass wir alle Teil dieses Systems sind, es zum einen schwerlich ändern können, ja zum anderen teilweise direkt oder indirekt unterstützen, eben weil wir Interesse an unserem Lebensstandard haben und nicht bereit wären, für das Gemeinwohl aller Menschen, starken Verzicht zu üben.
Nichtsdestotrotz haben die Praktiken von Wiesenhof eine besondere Qualität und erstrecken sich nicht nur auf einen Problembereich, nämlich die Tierhaltung, sondern auch auf den unmenschlichen Umgang mit Angestellten etc...
Aus diesem Grund wurde Wiesenhof eine enorme Medienpräsenz zuteil, was gut ist. Zwar gibt es unzählige andere Unternehmen, die ungeschoren davon kommen, ohne im Blickpunkt zu stehen, das verleitet mich aber nicht dazu, das Anprangern von Wiesenhof als falsch zu empfinden.
Wie gesagt, die Möglichkeiten etwas am gesamten Wirtschaftssystem zu ändern, ist geringt; das hindert mich aber nicht daran, dort wo ich tätig werden kann, entsprechend zu handeln. Und da ich weiß, dass unser "Protest" gegen einen Sponsor Wiesenhof die Chance hat, wahrgenommen zu werden, verleihe ich ihm auch Ausdruck.
Die Mobilisierung von Massen via moderner Medien ist gefährlich, ich sehe das also in der Tat kritisch, da ich weiß, dass man so etwas schnell instrumentalisieren kann. Im aktuellen Fall sehe ich jedoch die Möglichkeit, ein Unternehmen, das meines Erachtens in besonderem Maße unmoralisch handelt, spüren zu lassen, dass seine Geschäftspraktiken negative Folgen haben können, was unterm Strich tatsächlich
dazu führen kann, dass sich dort etwas ändert.
Von daher denke ich, jeder kann seine Meinung haben und wir können hier gerne diskutieren, aber Sarkasmus bringt uns in der Sache nicht weiter.