Ich lese hier so häufig "der Fisch stinkt vom Kopf" - das ist zwar richtig, nur ist der Kopf nicht Schaaf allein.
Sicherlich nicht.
Aber Allofs hat in all den Jahren in meinen Augen viel mehr richtig als falsch gemacht, z. T. auch bei den nominellen Fehleinkäufen, von denen viele erst zu Fehleinkäufen wurden, weil ihnen Orientierung fehlte, weil sie nicht wussten, wie sie an ihren Schwächen arbeiten konnten, weil die Grundlagen fehlten, meinetwegen auch weil einige angeblich nicht ins System passten. Allofs trainiert nicht die Mannschaft und ist nicht für die Entwicklung der Spieler verantwortlich. Es ist auch nicht permanent seine Aufgabe, dem Trainer Box-to-Box-Akteure a-la Micoud, Ernst oder Baumann einzukaufen, die obendrein über eine hohe (Spiel-)Intelligenz und soziale Kompetenz verfügen, damit der Trainer samt seiner eindimensionalen Spielweise ein paar Jahre gut aussieht und über diese paar Jahre hinaus noch ein paar anreiht, weil die mit CL-Einnahmen aufgerüstete, individuelle Qualität mittlerweile hoch genug war.
Viel mehr gehört es zur Aufgabe eines Übungsleiters, sich gegebenen Umständen zumindest so anzupassen, wie es dem Verein dienlich ist und nicht nur die Spieler, sondern auch sich selbst weiterzuentwickeln. Daran scheitert Schaaf nicht erst seit dieser Saison grandios und hat das unglaubliche Glück, bei Werder dermaßen fest verwurzelt zu sein.
Ehrlicherweise muss man jedoch zugeben - warum sollte Schaaf das tun? Das ist wie bei einem 55-jährigen Beamten, der seit 30 Jahren das Gleiche macht, unkündbar ist, daher kaum in der Kritik steht, weil es eh aus der Sicht der Beteiligten sinnlos ist und deshalb auch keine Fehler erkennen will oder sich die Mühe machen muss, sich an eigenen Defiziten zu orientieren.
Was mir im Kontext außerdem zu denken gibt
- kurz vor der vorletzten Vertragsverlängerung hat Schaaf eine Serie von über 20 ungeschlagenen Spielen in allen Wettbewerben hingelegt, als der Verein nach 08/09 schon einmal am Scheideweg stand, direkt nach jener Vertragsverlängerung gab es 10 Spiele mit nur einem Sieg und am Ende einer 5-Niederlagen-Serie. Da hat er solange stoisch an seinem Spielweise festgehalten und die ganze Mannschaft in eine Formkrise schlittern lassen, bis es sogar bei Werder etwas Druck gab, erneut den internationalen Wettbewerb zu verpassen. Direkt mit der Umstellung wurde eine Aufholjagd gestartet.
- kurz vor der letzten Vertragsverlängerung hat Schaaf die vergangene Hinrunde abgeliefert, als er nach Fastabstieg mit teurer Truppe vielleicht tatsächlich etwas tun musste, seit der Vertragsverlängerung spielen wir diese Rückrunde.
Abgesehen davon war es mMn dennoch die herausragende Arbeit von Born/ Allofs in Kombination mit der Nibelungentreue des Vereins zu seinem langjährigen Eigengewächs, die Schaaf zum überschätztesten Trainer Europa` s werden ließ. Allofs wird, wie mir aus relativ verlässlichen Insiderkreisen zugetragen wurde, niemals Schaaf kritisieren, solange Leute wie Lemke in Aufsichtsräten ihr Unwesen treiben, wenn er nicht gänzlich entmachtet werden will bzw. ihm seine Stellung oder der Job an sich noch etwas bedeutet. Schaaf ist Werder. Viel lieber fängt Allofs dann mit Gehälter einfrieren und solchen Quatsch an oder hämmert auf die Mannschaft ein. Aus irgendeinem Grund glaube ich aber, dass Allofs schon länger nicht mehr unbedingt mit der Arbeit des Trainerstabes einverstanden ist.
Ausserdem glaube ich nicht, dass die finanzielle Situation im Verein so angespannt ist, wie es gerne dargestellt wird, wenn es um Vertragsverlängerungen, Neuzugänge ö. ä. geht, oder dass die Rahmenbedingungen so schlecht bzw. nachteilig sind, wie es immer heisst.
Der Verein steht meinem Eindruck nach auf stabilen Füssen, leistet sich aber auf der Trainerbank inzwischen einen gefährlichen Luxus, nur um die Werder-Kontinuität weiter vorzuleben. Beim Versuch, eine Marke zu repräsentieren, sollte Werder aufpassen, nicht den entgegengesetzten Trend zu unterschätzen. Genau das ist übrigens bei vielen Wirtschaftsunternehmen der Anfang vom Untergang.